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Camping: Schrebergartenidylle auf zwei Rädern

Text:
  • Christa Schudel
Ausgabe:
8/01

Mit Lagerfeuerromantik und Freiheitsliebe hat das Campieren heutzutage nicht mehr viel zu tun. Die rund 400 Schweizer Campingplätze bieten einen Wald von Vorschriften.

Ein Spatz-Zelt, ein Schlafsack und eine Gitarre: Mehr brauchten wir damals nicht, um tolle Ferien auf einem schönen Stück Schweizer Boden zu verbringen.» Der knapp 50-jährige Rolf Sommer gerät ins Schwärmen, wenn er von den guten alten Campingzeiten erzählt. Eine freundliche Anfrage beim Bauern – manchmal begleitet von einem kleinen «Nötli» – habe meist genügt, um irgendwo an der Thur, am Rhein oder an der Maggia die Zelte aufzuschlagen. «Aber was», fragt er sich, «haben unsere biederen und streng reglementierten Campingplätze von heute noch mit Lagerfeuerromantik zu tun?»

Offenes Feuer ist auf den meisten Campingplätzen tatsächlich verboten, ausser allenfalls im Grill. Und wer heute wild campiert, hat alsbald die Polizei am Hals – so sicher wie die Insekten im Zelt.

Ob mit Zelt, Wohnwagen oder Motorhome: Camping ist komfortabel geworden. Und vielleicht gerade deswegen ein florierender Zweig des Schweizer Tourismus. Die Waschrinnen von einst haben Einzellavabos und Duschkabinen mit Warmwasser Platz gemacht. Das Plumpsklo ist passé. Und auf fast jedem Campingplatz steht mindestens ein Kiosk, oft sogar ein richtiger Discountladen und ein Restaurant.

«Uns fehlt es hier an nichts. Wir fühlen uns wie zu Hause», sagt Paul Römpp (Bild), stolzer Besitzer eines Heims auf zwei Rädern. Und in der Tat: Römpp verfügt über einen Gartensitzplatz, Blumenbeete, Küche, Lavabo, Betten, Radio und einen Fernseher, der 20 Sender in die gute «Stube» bringt. Vor über 40 Jahren haben sich der ehemalige Rektor einer Gewerbeschule und seine Frau auf dem Campingplatz Wagenhausen bei Stein am Rhein SH ein schmuckes «Heimetli» geschaffen.

«Fahrende» mit festem Standplatz
Sie befinden sich in guter Gesellschaft: Rund 250 Wohnwagen samt hölzernem Vorbau stehen hier dicht an dicht. Deichsel und Räder sind Überbleibsel einer Mobilität, die keine mehr ist – und eine Konzession an das Campinggesetz, das feste Bauten verbietet.

«Wohnwägeler» sind keine Fahrenden. Von ihrer Häuslichkeit zeugen die Holzbauten, die das Gefährt darunter nur noch ahnen lassen. Sie tragen Namen wie «Chez Schnügeli», «Paradiesli» oder «Leemanns Pensionierten-Residenz», und ihre Ausführungen reichen von herzig-gemütlich bis zu feudal-stattlich. All die Gartenzwerge, Gewürzgärtchen, Hecken und Holzzäune in Miniaturhöhe schaffen ein gutschweizerisches Schrebergartenambiente.

Man kennt sich und versucht, sich nicht auf die Füsse zu treten – trotz knappen Platzverhältnissen. «Man lädt sich gegenseitig ein, für einen Schwatz oder einen Jass. Wohnwagenbesitzer sind von Natur aus gesellige Menschen», sagt Paul Römpp. Eigenbrötler sind auf einem Campingplatz wohl eher fehl am Platz. Bei einem Meter Abstand ist Rückzug nur bedingt möglich, und die dünnen Zeltplanen und Wohnwagenwände lassen die Nachbarn an jedem familiären Knatsch und jeder Schnarchorgie teilhaben.

«Wasser, marsch!»
Am letzten Märzwochenende hiess es wieder: «Wasser, marsch!» Was übersetzt heisst: Der Campingplatz ist offiziell eröffnet. Seither tauscht Paul Römpp seine geräumige Eigentumswohnung wieder regelmässig mit seinen paar Quadratmetern direkt am Rhein, wo unweit sein Motorboot wassert. Nein, er habe nie daran gedacht, sich ein Ferienhäuschen zu kaufen.

Für seinen festen Standplatz zahlt er 2200 Franken im Jahr, inklusive Nebenkosten wie Entsorgungs- und Wassergebühren. Das sei schnell amortisiert, und ausserdem habe er die Gewähr, dass das Platzwartehepaar für Ordnung, Sauberkeit und die Einhaltung des Platzreglements sorge. Will heissen: die Mittagsruhe von 12 bis 14 Uhr, die Nachtruhe von 22 bis 7 Uhr morgens, die Gebührenabgabe für Besucher, der Leinenzwang für Haustiere und 20 weitere Punkte. Genau da liegt «der Hering begraben»: Was Paul Römpp und seinesgleichen auf Campingplätzen schätzen, betrachten andere als schikanöse Bevormundung. Sei fröhlich, aber nicht lärmig, lautet die schweizerische Campingdevise – keine gute Voraussetzung für Holdrio- und Ballermannferien.

Konflikte sind programmiert
Dass es auf Campingplätzen vor allem während der Hochsaison immer wieder zu Konflikten kommt, liegt auf der Hand. Oft ist der Platzwart nicht nur Ordnungshüter, sondern auch Schlichter und Mediator. Ueli Glättli, Platzwart vom Zürcher Campingplatz Seebucht, hat schon mehr als einmal mit Randalierern zu tun gehabt. Wenn es gefährlich wird, ruft er die Polizei. Für jugendliche Lärmer hat er seine eigene Methode: «Die werden um halb sieben Uhr morgens geweckt und gerüffelt. Beim zweiten Mal fliegen sie.»

Gröber ging es vor zwei Jahren auf dem Campingplatz La Palma in Agno TI zu und her. Der Platzwart Hans Jäger konnte sich nur noch mit Hilfe seines Baggers gegen eine Bande randalierender Jugendlicher wehren: Ohne viel Federlesens walzte er ihre Zelte nieder.

Arnold Walter vom TCS, dem grössten Schweizer Campingbetreiber, ist über solche Meldungen geschockt: «Leider passieren immer wieder üble Vorfälle. Darum investiert der TCS viel Geld in die Sicherheit seiner rund 50 Campingplätze.» Doch Walter mag die Jugendlichen nicht generell verurteilen. «Die Jungen sind die Kunden von morgen. Sie verdienen es, richtig behandelt zu werden. Wenn das ein Mitarbeiter nicht kann, ist er am falschen Ort.»

Auch beim Verband Schweizer Camping (VSC), dem rund 250 private Campingplätze angeschlossen sind, baut man stark auf die Selbstverantwortung und die Professionalität der – meist halbprofessionellen – Betreiber.

Während die Schweizer Hoteliers vielerorts auf Kundschaft warten, sind die hiesigen Campingplätze – zumindest in der Hochsaison – randvoll. Von den insgesamt 68 Millionen Logiernächten pro Jahr werden immerhin 7,2 Millionen auf Campingplätzen verbracht. 30000 Wohnwagen stehen in der Schweiz, und jährlich werden etwa 400000 Zelte aufgestellt. Mit einem Schweizer Anteil von fast 70 Prozent ist die Campingbranche stark vom heimischen Publikum abhängig. Und vom Wetter. Ob eine Saison top oder ein Flop wird, entscheiden die Niederschläge in den fünf bis sechs Wochen der Sommerferien.

Auch die Gästestruktur ist massgebend: Campingplätze mit einem hohen Anteil an fest vermieteten Standplätzen erlebten letztes Jahr, als mit den grossen Ferien auch der grosse Regen kam, ein geringeres finanzielles Fiasko. Im Überschwemmungssommer 1999 mussten viele Campingplätze in See- und Flussnähe gar einen 100-prozentigen Saisonausfall hinnehmen.

Paul Römpp hingegen können Regenperioden nichts anhaben: Wenns zu nass wird, setzt er sich einfach ins Auto und ist in einer halben Stunde zu Hause.

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Monika Zinnenlauf

© Beobachter Ausgabe 8 vom 13. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten

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