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Erdbeben: Erhebliches Versicherungsmanko

Text:
  • Andrea Haefely
  •  und Birthe Homann
Ausgabe:
18/03

Fachleute halten das Erdbebenrisiko in der Schweiz für «erheblich». Trotzdem legen sich die kantonalen Gebäudeversicherer gegen eine Versicherungspflicht quer.

Erdbeben sind die grösste Naturgefahr in der Schweiz»,

heisst es in einer Studie des Bundesamts für Bevölkerungsschutz

– noch grösser als Hagel, Hochwasser, Sturm, Lawinen

und Erdrutsche. Fachleute stufen das Erdbebenrisiko als «erheblich»

ein und warnen davor, dass rund 90 Prozent der Bauten ungenügend

gegen Erschütterungen gesichert sind. Selbst Neubauten

entsprechen oft nicht der seit 1989 gültigen Erdbeben-Norm

SIA 160.

Umso erstaunlicher, dass Gebäude hierzulande nicht

gegen Erdbebenschäden versichert sind: Weder die 19 kantonalen

Monopolversicherer noch die Privatversicherer, die in den

übrigen sieben Kantonen Gebäude versichern, schliessen

in ihren Policen Erdbebenschäden mit ein.

Mit diesem Missstand aufräumen wollte der damalige

Basler Nationalrat Christoph Eymann. Mitte 2000 reichte er

eine Motion ein, die eine schweizweite obligatorische Erdbebenversicherung

für Gebäude vorsah. Der Vorstoss scheiterte bereits

in der Vernehmlassung. Stattdessen verhandelt das Parlament

nun im November einen Verfassungsartikel über bauliche

Prävention sowie über eine Kompetenzverlagerung

beim Schutz vor Naturgefahren von den Kantonen hin zum Bund.

Dabei täte finanzielle Vorsorge Not. Denn der von

18 kantonalen Gebäudeversicherern (KGV) getragene Schweizerische

Erdbebenpool hält gerade mal zwei Milliarden Franken

bereit – im Ernstfall ein Tropfen auf den heissen Stein:

Ein Ereignis wie das Erdbeben von Basel im Jahr 1356 würde

heute einen Schaden von 80 Milliarden Franken verursachen,

rechnet der Rückversicherer Swiss Re vor.

Angst vor einem Monopolverlust

Besonders gefährdet sind die Regionen Wallis und Basel,

die Zentralschweiz, das St. Galler Rheintal sowie Mittelbünden

und das Engadin. Starke Beben sind in der Schweiz zwar selten,

aber jederzeit möglich. Nebst der Einhaltung der Baunormen

sei deshalb eine obligatorische Erdbebenversicherung «durchaus

sinnvoll», sagt Donat Fäh vom Schweizerischen Erdbebendienst

der ETH Zürich.

Doch die KGV haben ihre Monopolstellung bislang erfolgreich

gegen ein Obligatorium verteidigt. Als öffentlich-rechtliche

Institutionen befürchten sie zwar nicht finanzielle Einbussen,

dafür aber Kompetenzverlust. «Die kantonalen Versicherer

haben nach wie vor Angst vor einer Abschaffung ihrer Versicherungsmonopole,

aber sie wehren sich nicht gegen mehr Prävention»,

sagt Rudolf Rechsteiner, SP-Nationalrat und Präsident

des mit der Erdbebenfrage betrauten Ausschusses der Kommission

für Umwelt, Raumplanung und Energie. «Das ist auch

sinnvoll, denn es muss in der Schweiz endlich erdbebensicher

gebaut werden.»

Noch ist das Versicherungsobligatorium nicht ganz vom Tisch.

Offensichtlich versucht die Versicherungsbranche, via Hintertürchen

doch noch ihre Interessen durchzusetzen und das KGV-Monopol

aufzuweichen. So koordiniert das Bundesamt für Privatversicherungen

derzeit Gespräche zwischen der Vereinigung Kantonaler

Feuerversicherungen, dem Dachverband der KGV, und den Privatversicherern:

Laut Verhandlungsteilnehmern wird über eine «schweizweite

Lösung für den Schadensfall Erdbeben» diskutiert.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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