Erdbeben: Erhebliches Versicherungsmanko
Fachleute halten das Erdbebenrisiko in der Schweiz für «erheblich». Trotzdem legen sich die kantonalen Gebäudeversicherer gegen eine Versicherungspflicht quer.

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Erdbeben sind die grösste Naturgefahr in der Schweiz»,
heisst es in einer Studie des Bundesamts für Bevölkerungsschutz
noch grösser als Hagel, Hochwasser, Sturm, Lawinen
und Erdrutsche. Fachleute stufen das Erdbebenrisiko als «erheblich»
ein und warnen davor, dass rund 90 Prozent der Bauten ungenügend
gegen Erschütterungen gesichert sind. Selbst Neubauten
entsprechen oft nicht der seit 1989 gültigen Erdbeben-Norm
SIA 160.
Umso erstaunlicher, dass Gebäude hierzulande nicht
gegen Erdbebenschäden versichert sind: Weder die 19 kantonalen
Monopolversicherer noch die Privatversicherer, die in den
übrigen sieben Kantonen Gebäude versichern, schliessen
in ihren Policen Erdbebenschäden mit ein.
Mit diesem Missstand aufräumen wollte der damalige
Basler Nationalrat Christoph Eymann. Mitte 2000 reichte er
eine Motion ein, die eine schweizweite obligatorische Erdbebenversicherung
für Gebäude vorsah. Der Vorstoss scheiterte bereits
in der Vernehmlassung. Stattdessen verhandelt das Parlament
nun im November einen Verfassungsartikel über bauliche
Prävention sowie über eine Kompetenzverlagerung
beim Schutz vor Naturgefahren von den Kantonen hin zum Bund.
Dabei täte finanzielle Vorsorge Not. Denn der von
18 kantonalen Gebäudeversicherern (KGV) getragene Schweizerische
Erdbebenpool hält gerade mal zwei Milliarden Franken
bereit im Ernstfall ein Tropfen auf den heissen Stein:
Ein Ereignis wie das Erdbeben von Basel im Jahr 1356 würde
heute einen Schaden von 80 Milliarden Franken verursachen,
rechnet der Rückversicherer Swiss Re vor.
Angst vor einem Monopolverlust
Besonders gefährdet sind die Regionen Wallis und Basel,
die Zentralschweiz, das St. Galler Rheintal sowie Mittelbünden
und das Engadin. Starke Beben sind in der Schweiz zwar selten,
aber jederzeit möglich. Nebst der Einhaltung der Baunormen
sei deshalb eine obligatorische Erdbebenversicherung «durchaus
sinnvoll», sagt Donat Fäh vom Schweizerischen Erdbebendienst
der ETH Zürich.
Doch die KGV haben ihre Monopolstellung bislang erfolgreich
gegen ein Obligatorium verteidigt. Als öffentlich-rechtliche
Institutionen befürchten sie zwar nicht finanzielle Einbussen,
dafür aber Kompetenzverlust. «Die kantonalen Versicherer
haben nach wie vor Angst vor einer Abschaffung ihrer Versicherungsmonopole,
aber sie wehren sich nicht gegen mehr Prävention»,
sagt Rudolf Rechsteiner, SP-Nationalrat und Präsident
des mit der Erdbebenfrage betrauten Ausschusses der Kommission
für Umwelt, Raumplanung und Energie. «Das ist auch
sinnvoll, denn es muss in der Schweiz endlich erdbebensicher
gebaut werden.»
Noch ist das Versicherungsobligatorium nicht ganz vom Tisch.
Offensichtlich versucht die Versicherungsbranche, via Hintertürchen
doch noch ihre Interessen durchzusetzen und das KGV-Monopol
aufzuweichen. So koordiniert das Bundesamt für Privatversicherungen
derzeit Gespräche zwischen der Vereinigung Kantonaler
Feuerversicherungen, dem Dachverband der KGV, und den Privatversicherern:
Laut Verhandlungsteilnehmern wird über eine «schweizweite
Lösung für den Schadensfall Erdbeben» diskutiert.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten











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