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Frühlingserwachen

Jetzt blüht den Gärtnern was

Text:
  • Andrea Haefely
Ausgabe:
9/06

Wie haben Gartenfreunde diesen Frühling herbeigesehnt! Nun erhält der grüne Daumen endlich Dünger. Tatort Gartencenter - ein Augenschein.

Klirr. Der unschöne Klang von zerbrechendem Glas erfüllt das «Dekohaus». Orange-weisses Überfangglas, einst eine bauchige Vase, liegt jetzt in Trümmern vor dem Gestell. Nach einem kurzen, die Gefahr abschätzenden Rundumblick bugsiert die Urheberin des Krachs, eine bieder gekleidete Dame mittleren Alters, die Scherben mit einem schnellen Fusstritt unters Regal.

Weitere Zeugen gibt es keine, die wenigen Kunden verteilen sich zwischen den Gestellen. Zwei sitzen an einem Tischchen vor einer künstlichen, mit Farn bepflanzten Felswand, daneben zwei Getränkeautomaten. Ein dritter schmökert in einem Bildband über Blüten, Blumen und Balkon.

Auf den Regalen türmen sich Übertöpfe, Körbe, Stoffblumen, Vasen in unzähligen Formen und Farben, Keramikenten, Bastfiguren, Glasteller und Kerzenständer. Eine gesonderte Ausstellungsfläche präsentiert wetterfeste Putten aus Kunstmarmor, Kinder- und Engelsfiguren in verschiedenen Grössen und Posen. Um es gleich vorwegzunehmen: Gartenzwerge fehlen im Sortiment.

Das «Dekohaus» ist Teil eines grossen Ganzen - des Wyss Gartenhauses in Zuchwil bei Solothurn. Das charakteristische weisse Kuppelgewölbe, Baujahr 1962, thront in der Zuchwiler Industrievorstadt wie ein überdimensioniertes Dinosaurierei. Es beherbergt Gerätschaften, Samen, Blumenzwiebeln und die Kassen.

In den Nebengebäuden finden sich die Themenausstellungen «Dekohaus», «Pflanzenhaus» und «Erlebnishaus». Im überdachten Freiluftbereich gibt es verschiedene Erden, Torfe, Komposte, Sand, Kies, Jungpflanzen und Töpfe. Rosen und grössere Gehölze werden unter freiem Himmel angeboten. Auf 9’000 Quadratmetern findet der Gartenfreund hier alles, was es für Flor und Fruchtstand braucht.

Weiss leuchtet das Dinosaurierei vor dem von dunklen Sturmwolken durchzogenen Himmel. Ein starker Wind reisst ab und zu die Wolkendecke auf und lässt ein wenig Sonnenschein durch. Böen werfen immer wieder Jungbäumchen um, Schneereste am Solothurner Hausberg Weissenstein erzählen von einem langen Winter. Nicht nur die Gärtnereien litten, sondern auch die Hobbygärtner. Schon lange juckte der grüne Daumen. Jetzt endlich herrschen gartentaugliche Temperaturen.

Alle wollen Primeln

«Die Leute sind wirklich scharf drauf, im Garten loslegen zu können», sagt Reinhard Rösler, stellvertretender Chef des Gartencenters. Die Vorfreude will genutzt sein: Draussen vor der elektrischen Schiebetür locken Primeln in leuchtenden Farben auf zwei Meter hohen Etagenwagen. Das Konzept geht auf. Fast jeder Zweite, so scheint es, tritt an diesem Samstag mit mindestens einer 15er-Kiste voll Primeln in die heiligen Hallen. Bis zum Ladenschluss werden 2’000 Besucher rund 2'500 Pflanzen der Gattung Primula vulgaris erstehen. Das macht 1,25 Pflanzen pro Person.

Auch Yvonne Lehmann und Ingo Woodtli haben zugeschlagen. «Sie steht schon lange in den Startlöchern», meint Woodtli. Seine Freundin nickt. 80 bis 100 Setzlinge pflanzen die beiden pro Jahr in Beete, Rabatten, Töpfe, Kübel. Damit kommen Urs und Christine Kaiser nicht aus: «Er hat mir gerade 400 Dahlienknollen und 400 Gladiolenzwiebeln heimgebracht», erzählt Christine Kaiser begeistert. 1200 Quadratmeter, so gross ist der Umschwung ihres Hauses in Luterbach, verschlingen viel Gepflänz: 800 bis 1’000 Franken geben die zwei jährlich für ihre grüne Oase aus. «Wir machen alles ohne Maschinen», betont Urs Kaiser. Heute sind die beiden in erster Linie zu Marktforschungszwecken und zur Inspiration hier. «Es ist noch zu kalt, und der Boden ist zu nass - da verreckt einem das Zeug nur. Ich mache die Arbeit doch nicht zweimal», sagt der Herr über 800 Blumenzwiebeln.

Nicht alle Männer haben so viel Sympathien für Mutter Natur in ihrer kultivierten Form. So manche gartenbegeisterte Frau hat einen Partner im Schlepptau, der mit missmutigem Gesicht so lange Pflanzen, Töpfe oder Erde schleppt, bis Gewicht und Leidensdruck zu gross werden und er sich einen Einkaufswagen holen geht. Die Laune bessert sich in der Zwischenzeit meist nicht. Hin und wieder ist eine unwirsche Handbewegung auszumachen, als wollte der Betreffende das leidige Grünzeug und den verlorenen Samstagnachmittag aus der Realität und seinem Bewusstsein wegwischen.

Fluchtgefahr bei jungen Männern

Jungmänner werden von ihren Liebsten gern auch an die Hand genommen - das erhöht das Gemeinschaftsgefühl und vermindert die Fluchtgefahr. Und Kinder werden am einfachsten bei Laune gehalten, indem man sie auf dem Einkaufswagen mitfahren lässt. Bei Teenagern hilft alles nichts: Sie schlurfen mit demonstrativ zur Schau getragener Apathie drei Schritte hinter den Erwachsenen her und hoffen, auf keine Kollegen zu treffen.

Der Duft eines Frühblühers erfüllt die Luft. Und als hätte der Frühling die Lust am Geruch geweckt und endlich die verstopften Nasen freigegeben, wird tüchtig an Blüten, Kräutern und Sträuchern geschnuppert. Zwei verloren wirkende Jungmänner, Franz und Markus, stecken ihre Nasen in gelbe Blüten, suchen das Anhängeschildchen mit dem Namen drauf. Zaubernuss, Hammamelis mollis, liest der eine mit leicht ratlosem Gesicht, zwei Tütchen Gauchheil-Samen in der Hand. «Markus hat mich mitgeschleppt», sagt Franz.

Es ist laut. Die Einkaufswagen, vor allem die leeren, veranstalten einen ohrenbetäubenden Lärm, wenn sie über die gepflasterten Wege unter den gewölbten Kunststoffdächern gestossen werden. In all dem Krach lehnt eine alte Frau am Gehstock gegen einen hohen Stapel 50-Liter-Säcke mit Komposterde. Ihre Begleiterin hat sie dort deponiert, während sie selber das stille Örtchen aufsucht. Zehn Minuten später steht die alte Frau noch immer am selben Ort. Das Geschäft scheint etwas länger zu dauern.

Jungfamilie Sury mit Baby schleicht um die Kletterpflanzen. Der Balkon soll bepflanzt werden. Andrea Sury wird sich für eine Clematis, eine Waldrebe, entscheiden. Währenddessen ist das Personal damit beschäftigt, für konstanten Nachschub zu sorgen. Die von gierigen Händen aufgerissenen Lücken in den Petersilien- und Schnittlauchreihen, beim Lavendel, bei den Primeln, den Narzissen, bei Veilchen und bei den Gänseblümchen müssen geschlossen werden.

Eine knapp ein Meter hohe Putte mit einem Laternchen aus Metall in der Hand - Kostenpunkt 159 Franken - wackelt sachte im Einkaufswagen. Gut, dass sie aus Kunststoff ist. Die zukünftige Besitzerin, Elisabeth Naef aus Grenchen, trägt Blumen auch am Leib. Ihr selbst gemachter Rock passt in Farbe und Sujet bestens zu den Topfpflanzen, die sie neben dem Engel im Korb stehen hat. Bis zu 5’000 Franken pro Jahr gibt sie für ihren Garten aus. Andere sind da sparsamer: «Wenn man die Gemüse- und Salatsetzlinge beim Bauern holt, ist es viel billiger», meint eine ältere Frau. Sie wird heute nichts kaufen, ist nur zum «Glüschtle» hier, zum Zeitvertreib.

Ein Rosenbeet zum Geburtstag

Zwei Männer mittleren Alters wandeln suchend zwischen den Tischen, bleiben schliesslich vor dem Lavendel stehen. Die Frau des einen hat morgen Geburtstag, der andere versteht etwas vom Gärtnern. Ihr Plan: zu Ehren des Geburtstagskinds ein freies Beet mit Rosen und Lavendel (gegen die Blattläuse) bepflanzen. Viel Zeit zum Entscheiden ist nicht mehr, in einer Stunde schliesst das Gartencenter.

Der Ladenschluss rückt immer näher. An den drei Kassen formieren sich längere Schlangen bis zu den Gestellen mit den Dahlienknollen. Die Einkaufswagen sind bunt bestückt, die Gesichter dahinter wirken abgespannt. Pflanzenshopping ist anstrengend und verlangt nach Entscheidungen. Rote oder gelbe Rosen? Zehn Setzlinge, oder müssen es doch zwölf sein? Vor dem Eingang laden drei Leute zehn mannshohe Kirschlorbeerpflanzen in einen Pferdetransporter. Und obwohl die Kassen in zehn Minuten schliessen, finden immer noch Gartenfreunde den Weg ins Center - die meisten mit der obligaten 15er-Schachtel Primula vulgaris unter dem Arm.

Derweil hat im Gartenhaus bereits das grosse Giessen begonnen - Tausende von Setzlingen, Kübel- und Topfpflanzen wollen getränkt werden. Besen werden gezückt, der Kassensturz gemacht. Draussen leert sich nach und nach der Parkplatz. Und morgen wird gepflanzt, was das Grünzeug hergibt.

 

© Beobachter Ausgabe 9 vom 26. Apr 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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