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Gebühren

Im Irrgarten der Tarife

Text:
  • Christoph Schilling
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
22/06

Die Kosten für Wasser, Abwasser und Abfall unterscheiden sich in den grossen Schweizer Städten massiv. Das zeigt ein Vergleich des Preisüberwachers.

Es gibt ein Schweizer Bauwerk, das an Länge die Chinesische Mauer um ein Vielfaches übertrifft. Was das sein könnte? Ein Tipp: Es wäre vom Mond aus nicht sichtbar, denn es schlummert unter der Erde. Es ist unser Kanalisationsnetz.

Klar, dass diese Röhren unterhalten werden müssen. Das kostet nicht überall gleich viel. Der Preisüberwacher liess die Gebühren für Abwasser, Wasser und Abfall in den grössten Städten vergleichen. Ein aufwändiges Projekt, denn jede Gemeinde hat ihr eigenes, kompliziertes Tarifsystem. Die Unterschiede sind beachtlich. Die drei teuersten Städte sind Zürich, St. Gallen und Biel. Eine vierköpfige Familie (sechs Zimmer) bezahlt in der Stadt Zürich 1'800 Franken im Jahr für die drei Gebühren. Sitten und Chur sind mit rund 800 Franken nicht einmal halb so teuer, Luzern und Emmen unterbieten mit 1'000 Franken die Zürcher ebenfalls markant.

Beim Trinkwasser sind die Städte St. Gallen, Neuenburg und La Chaux-de-Fonds Spitzenreiter, beim Abwasser sind es Zürich, Biel und Bern, und die höchsten Abfallgebühren kassieren Thun, Frauenfeld und Zug.

Preisüberwacher verärgert die Ämter


Wieso diese grossen Unterschiede? Wieso kann Chur das Dreckwasser von vier Personen für 173 Franken klären, während Zürich 761 Franken verlangt? Das möchte auch Preisüberwacher Rudolf Strahm wissen, quasi der Schutzheilige der Schweizer Rappenspalter. Sein Wort hat Gewicht, die genannten Gebühren sind staatlich administrierte Preise, Strahm hat gegenüber den Behörden ein Empfehlungsrecht.

«Noch vor 15 Jahren liefen diese Kosten Handgelenk mal Pi übers Gemeindekässeli, wurden also über die Steuern bezahlt. Doch seit einigen Jahren gilt für Abfall und Abwasser das Verursacherprinzip», erklärt Strahm. Deshalb wurden Kläranlagen und Kehrichtverbrennungsanlagen aus der Verwaltung ausgegliedert. Nun läuft das Ganze über Gebühren. Strahm befürwortet das Verursacherprinzip, bekämpft aber übertriebene Reservebildungen, die aufs Konto der Gebührenzahler gehen. «Auf Teufel komm raus werden Reserven angehäuft. Das kann ich nicht immer tolerieren.»

Die Städte haben an Strahms Vergleich wenig Freude. Reflexartig wehren sie ab mit dem Argument, man könne nicht Äpfel mit Kiwis vergleichen. Der Zürcher Stadtrat Martin Waser lässt ausrichten, Zürich lasse sich von der Siedlungsdichte und der Topografie zum Beispiel nicht mit Chur vergleichen. Komme hinzu: «In der Stadt Zürich bewegen sich täglich rund 275'000 Pendler.» Auch diese belasteten die Abfall- und Abwassereinrichtungen. Es folgt eine euphorische Hymne von Wasers PR-Abteilung auf den Entsorgungspark Zürich: «162 Wertstoffsammelstellen», «24-Stunden-Entsorgung», «Kompostberatung für private Haushalte», «Gratis-Sperrmüllentsorgung», «Cargo-Tram» zur Abgabe von Sperrmüll, «E-Tram» zur Abgabe von Elektrogeräten, «Stellen und Warten von Containern für Rund-um-die-Uhr-Entsorgung von privatem und betrieblichem Kehricht» und so fort. Agnes Meyer Frund, Leiterin des Gebührenvergleichs bei der Preisüberwachung, sieht ihren Verdacht bestätigt: Sie ortet einen gewissen Hang zum Perfektionismus, der seinen Preis habe. «Zürichs Leistungen bei der Entsorgung lassen kaum Wünsche offen. Doch wollen die Gebührenzahler das alles?»

St. Gallens Stadtrat Fredy Brunner begründet die hohen Trinkwassergebühren mit dem Argument Seewasser: «Die Stadt St. Gallen wird ausschliesslich mit Trinkwasser aus dem Bodensee versorgt.» Das ist teurer als Grundwasser. «Wir haben zudem eine innerstädtische Höhendifferenz von 575 Metern. Das bedingt aufwändige Infrastrukturen.» Er kritisiert ferner, dass in Chur die Abwasserreinigung noch nicht voll über Gebühren gedeckt werde.

Ein Vier-Personen-Haushalt in Frauenfeld zahlt für den Abfall 508 Franken im Jahr, ein Basler nur 317 Franken. Wieso? Der Frauenfelder Baudirektor Urs Müller verteidigt die hohen Abfallgebühren wie sein Zürcher Kollege mit den darin enthaltenen Leistungen: Grünabfuhr, Unterhalt und Reinigung der Grüncontainer, Aufsicht und Unterhalt der Sammelstellen, Entsorgung von Spezialabfall und so fort. Immerhin teilt er die für Gebührenzahler frohe Kunde mit, dass im Gemeinderat (Legislative) eine Vorlage zur Senkung des Abwassertarifs hängig sei. Rolf Iseli von der Bieler Baudirektion findet es «grundsätzlich fragwürdig, Gebührenvergleiche anzustellen». Zudem habe die Stadt Biel in den letzten 15 Jahren überdurchschnittlich hohe Investitionen im Abwasserwesen getätigt, «was entsprechend hohe Kapitalkosten zur Folge hat».

Wie dem auch sei: Unterschiede von jährlich bis zu 1'000 Franken für einen Vier-Personen-Haushalt sind erklärungsbedürftig. Es lohnt sich also, wieder mal einen längeren Blick auf die Nebenkostenabrechnung zu werfen.


Gebühren: So viel zahlen die Haushalte in den grössten Städten der Schweiz


Kosten pro Jahr für Wasser, Abwasser und Abfall (in Franken)

Gebührengrafik

 3 Personen/4 Zimmer-Wohnung
    
  4 Personen/6 Zimmer-Wohnung
    
 
1
keine Abfallgebühren
 
2
keine Abwassergebühren
   
Quelle: Preisüberwacher

© Beobachter Ausgabe 22 vom 25. Okt 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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