Jodierung
«Von Amts wegen vergiftet»
Nächtliches Herzrasen, chronische Entzündungen, Hungeranfälle, Pickel: Jodkranke machen den Staat für ihre Beschwerden verantwortlich. Ihre Schilddrüse spielt verrückt. Denn die Schweiz versetzt fast sämtliche Nahrungsmittel künstlich mit Jod.

(Bild: Patrick Rohner)
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Spricht man Federico Crestani, 54, aus Schlieren ZH auf das Thema Jod an, wird er laut und deutlich: «Wir werden von Amts wegen vergiftet und zwangsjodiert wie das Vieh.» Der Unternehmer sagt, das Spurenelement Jod löse bei ihm massive gesundheitliche Beschwerden aus: Nächtliche Heisshungeranfälle, Unruhe bis hin zu Panikattacken, Schuppenflechte, rote Pickel, Herzklopfen und Herzrasen. «Ärzte wollten mich für 20000 Franken am Herzen operieren», sagt Crestani.
Crestani ist damit nicht allein. Die Selbsthilfegruppe «Krank durch Jod» hat über 100 Mitglieder. Sie können dem für sie gefährlichen Stoff nicht ausweichen. Ob Schokolade, Tiefkühllasagne, Käse oder Brot: Praktisch alle in der Schweiz hergestellten Nahrungsmittel enthalten Jod – von Amts wegen. Das Bundesamt für Gesundheit lässt Speisesalz mit jährlich drei Tonnen Jod aus Chile künstlich anreichern. Erstmals geschah dies im Jahr 1922, mit drei Milligramm pro Kilo, heute mit 20 bis 30 Milligramm.
Zwar enthalten manche Nahrungsmittel natürliches Jod. Das ist den Behörden nicht genug: Hühner, Kühe, Rinder, Kälber, Schweine fressen jodiertes Kraftfutter, dazu jodierte Nährsalze. Ein Teil davon verlässt über Kot und Urin den Körper der Tiere. Der Rest bleibt in Fleisch, Eiern und Milch und landet auf unserem Teller.
In unserem Essen ist Jod omnipräsent
Die Schweizer Regierung ordnete die Jodierung vor gut 80 Jahren an, um Kropf und Schwachsinn vorzubeugen. Mit Erfolg: Daran leidet heute niemand mehr. Trotzdem erhöhte die Regierung 1998 die Menge: von 15 auf 20 bis 30 Milligramm pro Kilo Salz, um Rückfälle zu vermeiden.
«Immer mehr Menschen leiden unter der künstlichen Jodierung», sagt der Schulmediziner und homöopathisch tätige Arzt Jürg Hess aus Buchs SG. Und dies womöglich schon lange. «Heute erst erkenne ich, dass mein ganzes Leben durch Beschwerden geprägt war, die Jod verursachen kann», sagt die 59-jährige Denise Vanazzi aus Neuenegg BE. Dazu gehören bei ihr Sehstörungen, Lidrand- und Bindehautentzündungen, Wärme- und Lichtempfindlichkeit, Dauerschnupfen und Darmentzündungen. Im Februar 2001 wollten Ärzte ihr den Dickdarm herausoperieren. «Ich war am Ende. Es wäre mir egal gewesen, zu sterben.»
Heute meiden Federico Crestani und Denise Vanazzi Jod und sind seither beschwerdefrei. Sie müssen dafür aber über die Grenze einkaufen gehen. Hierzulande können sogar Bioprodukte künstlich jodiert sein. «Ich koche nur noch mit Lebensmitteln aus Frankreich, Polen und Argentinien, weil dort nicht flächendeckend jodiert wird», sagt Vanazzi. «Mein Land hat mich nicht nur krank gemacht. Es kann mich nicht einmal ernähren.»
Jetzt regt sich politischer Widerstand gegen die Jodierung. Der grüne Nationalrat Geri Müller aus dem Aargau hat beim Bundesrat eine Interpellation eingereicht. «Es kann nicht sein, dass der Staat sämtliche Grundnahrungsmittel jodiert. Schilddrüsenkranken bleibt so keine Möglichkeit, auf andere Nahrung auszuweichen.» Müller fordert jodfreie Grundnahrungsmittel und eine sofortige Deklaration.
Mit der Frage der Deklaration habe man sich «bis jetzt nicht abgegeben», sagt Michael Zimmermann, der Präsident der Fluor- und Jodkommission der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften. Auf Speisesalzpackungen sei die Jodmenge angegeben. Und allergische Reaktionen gebe es nur, wenn man sich «grammweise» Jod zuführe, etwa über Medikamente. Es sei nicht belegt, dass Allergien auf kleinste Mengen Jod existierten. Die Jodzufuhr sei «knapp genügend» und «mit Sicherheit nicht übermässig». Dies zeigten Urinproben von Kindern.
Doch wie viel Jod wirklich im Essen steckt, weiss Zimmermann nicht. Er verweist auf eine Untersuchung von 1983: Schon damals nahm ein Erwachsener täglich über die Mahlzeiten bis zu 287 Mikrogramm Jod auf. Dabei empfiehlt die Jodkommission für Erwachsene eine Tagesdosis von 150 Mikrogramm, für Kinder 50 bis 100 Mikrogramm. Doch es können schnell bis zu 900 Mikrogramm sein (siehe Nebenartikel «Auf unseren Tellern: Jodbomben»).
Unter solchen Mengen würden fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung leiden, sagt Professor Jürgen Hengstmann von der Berliner Urban-Klinik. «Das ist jener Teil der Bevölkerung, der eine erbliche Anlage zu Schilddrüsenkrankheiten trägt, dies aber nicht unbedingt weiss oder merkt.»
Die Experten streiten über die Folgen
Jodbefürworter Zimmermann hält dies für «völlig aus der Luft gegriffen». Jürgen Hengstmann dagegen ist überzeugt: Diese Krankheiten «schlummern oft», erst das Übermass an Jod im Essen löst sie aus und heizt die Entzündung der Schilddrüse regelrecht an. Mediziner sprechen dabei von Morbus Hashimoto, wobei es zu einer Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse kommen kann:
- Bei der Unterfunktion der Schilddrüse ist die Ausscheidung von Jod über die Nieren verringert. Die Schilddrüse reagiert dann auf dieses Überangebot an Jod, indem sie die Hormonproduktion verringert – Schilddrüsenzellen werden zerstört. Die Symptome: Antriebsschwäche, Gewichtszunahme, Haarausfall, Depressionen. Professor Jürgen Hengstmann: «Die Betroffenen bemerken diese Krankheit häufig lange nicht. Gelegentlich bildet sich ein kleiner Kropf.»
- Die Überfunktion der Schilddrüse (Morbus Basedow) vergrössert das Herz und lässt die Augäpfel hervortreten. Die Schilddrüse produziert in diesem Fall zu viel Hormone. Die Betroffenen leiden an Herzrasen, Unruhe, hohem Blutdruck, Schlaflosigkeit, Heisshunger.
Die staatliche Jodierung durchkreuze die Therapie dieser Patienten, sagt Professor Hengstmann. «Hat sich die Schilddrüse einmal erholt und setzt ein Patient die Medikamente ab, verursacht zu viel Jod häufig einen erneuten Ausbruch der Krankheit.» Das komme auch in Ländern vor, die in ihren Nahrungsmitteln weniger Jod haben, behauptet Michael Zimmermann von der Schweizerischen Fluor- und Jodkommission.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin dagegen hielt letztes Jahr in einer umfassenden Beurteilung fest: Die künstliche Jodierung berge «ein hohes Risiko für unerwünschte Wirkungen» bei Konsumenten, die an unerkannten Schilddrüsenproblemen leiden.
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© Beobachter Ausgabe 7 vom 31. Mär 2005 - Alle Rechte vorbehalten













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