• Anzeige:

  • Anzeige:

Reiseverkehr: Carbranche auf dem Prüfstand

Text:
  • Andrea Haefely
Ausgabe:
18/03

Überarbeitete Chauffeure, schlechte Fahrzeugwartung: Carunternehmen sparen, wo sie können – auf Kosten der Sicherheit. Polizeikontrollen sollen die schwarzen Schafe stoppen. Kein leichtes Unterfangen.

Der Bus darf so nicht mehr weiterfahren.» Diesen

Satz, mal in Deutsch, mal radebrechend in Französisch

oder Italienisch, haben die Beamten der Baselbieter Verkehrspolizei

an der letzten grossen Reisecarkontrolle gleich viermal ausgesprochen.

Alle betroffenen Busse mussten unter Polizeibegleitung die

nächste Garage aufsuchen und dort die Bremsen neu einstellen

lassen, bevor sie ihre Reise wieder aufnehmen konnten.

Insgesamt 44 Fahrzeuge wurden an dem Tag im Kanton Basel-Landschaft

kontrolliert. Schweizweit nahmen 123 Polizisten in 350 Kontrollstunden

299 Cars unter die Lupe. Die Grosskontrolle fand im Rahmen

einer europaweit koordinierten Aktion des European Traffic

Police Network (Tispol) statt. Nebst der Fahndung nach Drogen

und Schmuggelware werden dabei jeweils auch die Fahrzeuge

und deren Chauffeure auf Fahrtüchtigkeit und Einhaltung

der Vorschriften hin untersucht.

«Bei den Ruhezeiten wird gepfuscht»

Allein in den letzten zwei Jahren nahm die Schweiz an sechs

Tispol-Einsätzen teil. «Das statistische Material

ist noch zu mager, um wirklich aussagekräftig zu sein.

Ich bin aber der festen Überzeugung, dass vermehrte Kontrollen

auch einen Erfolg zeitigen und zu mehr Verkehrssicherheit

führen werden», sagt Beat Schüpbach, Chef

der Baselbieter Verkehrspolizei.

Die in den verschiedenen Ländern gesammelten Informationen

werden ausgetauscht, um die schwarzen Schafe der Branche möglichst

effizient herauspflücken zu können. Das ist dringend

nötig: Wie im Lastwagenverkehr wird auch in der Reisecarbranche

bei der Instandhaltung der Fahrzeuge gespart, mit überhöhten

Lasten die Verkehrssicherheit gefährdet und bei den

Fahrzeiten geschummelt. Unfälle wegen Übermüdung

oder technischen Versagens können die schwerwiegenden

Folgen sein. So wurde unlängst im Luzernischen ein italienischer

Car von der Polizei angehalten, dessen zwei Fahrer innerhalb

von 38 Stunden während 26 Stunden am Steuer gesessen

waren – den Rastlosen wurde eine Zwangspause verordnet.

«Gerade bei den Fahr- und Ruhezeiten wird extrem

gepfuscht, die Chauffeure sind da sehr erfinderisch»,

sagt Monika Friedrich von der Gewerkschaft VHTL. Davon kann

auch Armin Gyger, Hauptinspektor der Polizei Basel-Landschaft,

ein Lied singen: «Besonders beliebt ist der Trick mit

dem Fahrerwechsel. Dabei treffen sich zwei Busse auf einer

Raststätte, etwa beim Gotthard. Derjenige, der von Süden

kommt, steigt in den Car, der Richtung Italien fährt

– und umgekehrt. So haben die Fahrgäste das Gefühl,

sie hätten einen neuen, ausgeruhten Chauffeur gekriegt.

Tatsächlich sind aber beide schon seit Stunden unterwegs.»

Ebenfalls häufig ist, dass parallel fahrende Cars auf

derselben Strecke von nur drei statt vier Chauffeuren begleitet

werden. Der Dritte wechselt dann zwischen den Wagen hin und

her.

Zudem würden Chauffeure teilweise die Stromzufuhr

zum Fahrtenschreiber unterbinden, was die Kontrolle zusätzlich

erschwere, erzählt Gyger weiter. «Es gibt sogar

Garagen, die darauf spezialisiert sind, Anlagen zur Unterbrechung

des Fahrtenschreibers in die Cars einzubauen. Dann kann der

Fahrer das Gerät einfach per Knopfdruck ausschalten.»

Verbote werden mit Tricks umgangen

Noch häufiger als zu überlangen Fahrzeiten kommt

es laut Gyger zu Überschreitungen der täglichen

Arbeitszeit. Die Fahrzeit darf nicht mehr als sechs Stunden

am Stück respektive zehn Stunden pro Tag betragen, die

Arbeitszeit pro 24 Stunden nicht mehr als deren 15. Doch allzu

oft überschreitet das Tagespensum diese Werte.

Kein Wunder, allein die in der Schweiz immatrikulierten

Reisecars legen jährlich im Durchschnitt 45230 Kilometer

zurück. Und zur reinen Fahrzeit kommen noch weitere Aufgaben

hinzu: «Gepäck ein- und ausladen, Reisegäste

ins Hotel einchecken, trotz Verspätung Sonderwünsche

erfüllen, im Stau ausharren – da kommen schnell

einmal 20 Stunden pro Tag zusammen», erzählt ein

Chauffeur.

Wirklich auspacken wollen die wenigsten Fahrer, sie fürchten

um ihren Job. Denn um die Reisecarbranche steht es nicht zum

Besten. Seit Jahren findet eine Konsolidierung statt: Traditionsunternehmen

wie die Zürcher Geissberger Reisen oder Dürmüller

mussten Konkurs anmelden, Stutz Reisen wurde von einem Konkurrenten

übernommen. Mancher Reiseveranstalter ist mit den Lohnzahlungen

im Rückstand, weil der spärliche Umsatz nur fürs

Notwendigste wie Leasingraten, Treibstoff und Versicherung

ausreicht.

Zudem unterbieten ausländische Chauffeure die Preise.

So fahren sie eine Tour vom Flughafen Kloten nach Interlaken

für 400 bis 500 Franken. «Ein Schweizer Carunternehmen

muss dafür 900 Franken haben», sagt Bruno Schmid

vom Pfäffiker Carunternehmen Schmid Reisen.

Eigentlich ist es ausländischen Cars verboten, innerschweizerische

Fahrten anzubieten – also etwa einen Trip von Basel nach

Kandersteg und zurück. Dieses Verbot wird umgangen, indem

ein Abstecher über die Landesgrenze gemacht wird –

schon ist die Fahrt legal. «Die Branche ist auf dem

letzten Zacken», erklärt Schmid. «Und wenn

2005 selbst diese Begrenzung wegfällt, sieht es schlimm

aus für uns.»

Auch für die Reisegäste werden Carfahrten immer

unsicherer. «Ich befürchte, dass es vermehrt zu

Unfällen mit Cars kommen wird», warnt Schmid. «Früher

musste man vor der Carprüfung den Lastwagenbrief machen

und mindestens 500 Fahrstunden mit dem Lastwagen vorweisen

können. Seit dem 1. April gilt diese Voraussetzung nicht

mehr.»

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh