Reiseverkehr: Carbranche auf dem Prüfstand
Überarbeitete Chauffeure, schlechte Fahrzeugwartung: Carunternehmen sparen, wo sie können – auf Kosten der Sicherheit. Polizeikontrollen sollen die schwarzen Schafe stoppen. Kein leichtes Unterfangen.

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Der Bus darf so nicht mehr weiterfahren.» Diesen
Satz, mal in Deutsch, mal radebrechend in Französisch
oder Italienisch, haben die Beamten der Baselbieter Verkehrspolizei
an der letzten grossen Reisecarkontrolle gleich viermal ausgesprochen.
Alle betroffenen Busse mussten unter Polizeibegleitung die
nächste Garage aufsuchen und dort die Bremsen neu einstellen
lassen, bevor sie ihre Reise wieder aufnehmen konnten.
Insgesamt 44 Fahrzeuge wurden an dem Tag im Kanton Basel-Landschaft
kontrolliert. Schweizweit nahmen 123 Polizisten in 350 Kontrollstunden
299 Cars unter die Lupe. Die Grosskontrolle fand im Rahmen
einer europaweit koordinierten Aktion des European Traffic
Police Network (Tispol) statt. Nebst der Fahndung nach Drogen
und Schmuggelware werden dabei jeweils auch die Fahrzeuge
und deren Chauffeure auf Fahrtüchtigkeit und Einhaltung
der Vorschriften hin untersucht.
«Bei den Ruhezeiten wird gepfuscht»
Allein in den letzten zwei Jahren nahm die Schweiz an sechs
Tispol-Einsätzen teil. «Das statistische Material
ist noch zu mager, um wirklich aussagekräftig zu sein.
Ich bin aber der festen Überzeugung, dass vermehrte Kontrollen
auch einen Erfolg zeitigen und zu mehr Verkehrssicherheit
führen werden», sagt Beat Schüpbach, Chef
der Baselbieter Verkehrspolizei.
Die in den verschiedenen Ländern gesammelten Informationen
werden ausgetauscht, um die schwarzen Schafe der Branche möglichst
effizient herauspflücken zu können. Das ist dringend
nötig: Wie im Lastwagenverkehr wird auch in der Reisecarbranche
bei der Instandhaltung der Fahrzeuge gespart, mit überhöhten
Lasten die Verkehrssicherheit gefährdet und bei den
Fahrzeiten geschummelt. Unfälle wegen Übermüdung
oder technischen Versagens können die schwerwiegenden
Folgen sein. So wurde unlängst im Luzernischen ein italienischer
Car von der Polizei angehalten, dessen zwei Fahrer innerhalb
von 38 Stunden während 26 Stunden am Steuer gesessen
waren den Rastlosen wurde eine Zwangspause verordnet.
«Gerade bei den Fahr- und Ruhezeiten wird extrem
gepfuscht, die Chauffeure sind da sehr erfinderisch»,
sagt Monika Friedrich von der Gewerkschaft VHTL. Davon kann
auch Armin Gyger, Hauptinspektor der Polizei Basel-Landschaft,
ein Lied singen: «Besonders beliebt ist der Trick mit
dem Fahrerwechsel. Dabei treffen sich zwei Busse auf einer
Raststätte, etwa beim Gotthard. Derjenige, der von Süden
kommt, steigt in den Car, der Richtung Italien fährt
und umgekehrt. So haben die Fahrgäste das Gefühl,
sie hätten einen neuen, ausgeruhten Chauffeur gekriegt.
Tatsächlich sind aber beide schon seit Stunden unterwegs.»
Ebenfalls häufig ist, dass parallel fahrende Cars auf
derselben Strecke von nur drei statt vier Chauffeuren begleitet
werden. Der Dritte wechselt dann zwischen den Wagen hin und
her.
Zudem würden Chauffeure teilweise die Stromzufuhr
zum Fahrtenschreiber unterbinden, was die Kontrolle zusätzlich
erschwere, erzählt Gyger weiter. «Es gibt sogar
Garagen, die darauf spezialisiert sind, Anlagen zur Unterbrechung
des Fahrtenschreibers in die Cars einzubauen. Dann kann der
Fahrer das Gerät einfach per Knopfdruck ausschalten.»
Verbote werden mit Tricks umgangen
Noch häufiger als zu überlangen Fahrzeiten kommt
es laut Gyger zu Überschreitungen der täglichen
Arbeitszeit. Die Fahrzeit darf nicht mehr als sechs Stunden
am Stück respektive zehn Stunden pro Tag betragen, die
Arbeitszeit pro 24 Stunden nicht mehr als deren 15. Doch allzu
oft überschreitet das Tagespensum diese Werte.
Kein Wunder, allein die in der Schweiz immatrikulierten
Reisecars legen jährlich im Durchschnitt 45230 Kilometer
zurück. Und zur reinen Fahrzeit kommen noch weitere Aufgaben
hinzu: «Gepäck ein- und ausladen, Reisegäste
ins Hotel einchecken, trotz Verspätung Sonderwünsche
erfüllen, im Stau ausharren da kommen schnell
einmal 20 Stunden pro Tag zusammen», erzählt ein
Chauffeur.
Wirklich auspacken wollen die wenigsten Fahrer, sie fürchten
um ihren Job. Denn um die Reisecarbranche steht es nicht zum
Besten. Seit Jahren findet eine Konsolidierung statt: Traditionsunternehmen
wie die Zürcher Geissberger Reisen oder Dürmüller
mussten Konkurs anmelden, Stutz Reisen wurde von einem Konkurrenten
übernommen. Mancher Reiseveranstalter ist mit den Lohnzahlungen
im Rückstand, weil der spärliche Umsatz nur fürs
Notwendigste wie Leasingraten, Treibstoff und Versicherung
ausreicht.
Zudem unterbieten ausländische Chauffeure die Preise.
So fahren sie eine Tour vom Flughafen Kloten nach Interlaken
für 400 bis 500 Franken. «Ein Schweizer Carunternehmen
muss dafür 900 Franken haben», sagt Bruno Schmid
vom Pfäffiker Carunternehmen Schmid Reisen.
Eigentlich ist es ausländischen Cars verboten, innerschweizerische
Fahrten anzubieten also etwa einen Trip von Basel nach
Kandersteg und zurück. Dieses Verbot wird umgangen, indem
ein Abstecher über die Landesgrenze gemacht wird
schon ist die Fahrt legal. «Die Branche ist auf dem
letzten Zacken», erklärt Schmid. «Und wenn
2005 selbst diese Begrenzung wegfällt, sieht es schlimm
aus für uns.»
Auch für die Reisegäste werden Carfahrten immer
unsicherer. «Ich befürchte, dass es vermehrt zu
Unfällen mit Cars kommen wird», warnt Schmid. «Früher
musste man vor der Carprüfung den Lastwagenbrief machen
und mindestens 500 Fahrstunden mit dem Lastwagen vorweisen
können. Seit dem 1. April gilt diese Voraussetzung nicht
mehr.»
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten











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