Wohnen: Leben unter fünf oder mehr Sternen
Beim Wohnen zeigt sich das soziale Gefälle besonders deutlich. Die einen wohnen in Fünf-Sterne-Hotelsuiten, die anderen praktisch unter freiem Himmel.
Statistisch gesehen leben wir in einer Dreizimmer- bis Vierzimmerwohnung mit guter Infrastruktur und haben zwei oder mehr geheizte Zimmer pro Person zur Verfügung. Eine komfortable Wohndichte also und Platzverhältnisse, um die uns andere Europäer beneiden dürften.
Aber die Statistik ist bekannterweise eine grosse Lüge, zusammengesetzt aus kleinen Wahrheiten. Keine andere Erhebung dürfte so lügen wie jene über das durchschnittliche Wohnen in der Schweiz. Zwischen Anfang und Ende der Skala liegen Welten. «Nicht die Versorgung mit Wohnraum ist ein Problem, sondern die ungleiche Verteilung», stellt Soziologe Peter Farago in einer Wohnstudie fest.
Ein Bett auf sicher heisst noch lange nicht, ein Zuhause zu haben. Auch wer irgendwo Unterschlupf findet, kann sich obdachlos fühlen. Zum Zeitpunkt der letzten Volkszählung waren knapp 8000 Menschen in Notunterkünften einquartiert. Zugegeben: Die Zahlen aus dem Jahr 1990 sind nicht mehr ganz frisch. Aber die nächste Volkszählung steht bevor, und sie wird nicht viel rosiger ausfallen, obwohl heute über 62000 Wohnungseinheiten leer stehen und hinter jeder dritten Wohnungstür eine Person allein haust.
Wohnraum gibt es in verschwenderischer Fülle – aber nicht für alle. Der freie Wohnungsmarkt schliesst Menschen aus: Suchtkranke, Verarmte, psychisch Verwahrloste, Strafentlassene, Flüchtlinge. Die Betreibungsämter der Stadt Zürich notierten Ende 1998 einen traurigen Rekord: 327-mal mussten sie Menschen aus ihren Mietwohnungen zwangsausweisen – das waren 30 Prozent mehr als im Vorjahr.
Öffentliche und private Einrichtungen stellen heute zwar genügend Auffangplätze zur Verfügung. Trotzdem fallen Menschen durch die Maschen des sozialen Netzes. Gesicherte Zahlen über Obdachlosigkeit in der Schweiz gibt es keine. Offensichtlich ist, dass sie sich in den Grossstädten konzentriert. Zürich schätzt die Zahl seiner Obdachlosen auf 250, in Bern dürften es etwas mehr sein. «Es gibt zunehmend Leute, die nicht oder nicht mehr wohnfähig sind, unfähig also, das Wohnen allein zu managen», sagt Jacob Schädelin, Berner Pfarrer und Mitbegründer des Vereins Obdach.
Zigeunerromantik? – Von wegen!
Wie schnell einem der Boden unter den Füssen wegrutschen und das Dach über dem Kopf abhanden kommen kann, hat Roman Vetsch erfahren. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Gartenbauangestellte aus seinem sozialen Gefüge gerissen: Wohnungskündigung infolge Hausabbruchs, wegrationalisierter Arbeitsplatz, kaputte Beziehung, zu Schrott gefahrenes Auto.
«Mir gings dreckig auf der ganzen Linie», erinnert sich Romi. Auf Pump erstand er sich einen alten Wohnwagen und stellte die «Büchse» auf dem Campingplatz Am Schützenweiher bei Winterthur ab – vorübergehend, wie er dachte, bis bessere Zeiten kämen. Mit der grossen Freiheit und Lagerfeuerromantik hatte das nichts zu tun. Es war reine Not – wie für die meisten der anderen rund 60 Dauergäste.
Das war vor sieben Jahren. Die erhofften besseren Zeiten sind gekommen: neuer Job, neue Liebe und «massenhaft Lebensfreude». Nur seine «Adresse» ist noch die gleiche: Romi ist auf dem Campingplatz hängen geblieben. Seine «alte Büchse» ist einem feudalen Achtmeterwagen gewichen. Dank Vorzelt – «meine Küche und mein "living room"» – hat er sich einige Quadratmeter Wohnfläche dazu erobert. 150 Franken für den Standplatz, 150 Franken Personengebühr. Hinzu kommen die Nebenkosten für Strom, Waschmaschinen- und Duschenbenützung und eine Menge Heizkosten, denn Romi liebt es warm und heizt seinen Gasofen ein, was das Zeug hält. In harten Wintern kommt er auf 600 bis 800 Franken Monatskosten.
Dafür wäre eine Klein- oder Sozialwohnung zu haben. Doch Romi winkt ab. «Ich könnte mich nicht mehr hinter Mauern verschanzen. Das Atmen fiele mir schwer», sagt der 35-Jährige, der sich gern «frei und mobil» fühlt. Ein kleiner Selbstbetrug, denn mobil ist er nur theoretisch: Mag er auch auf Achse leben, reisen tut er nicht. Sein Eigenheim auf Rädern disloziert er nur, wenn er gezwungen wird: Im Sommer müssen die Dauercamper auf dem städtischen Campingplatz für einige Wochen den Touristen weichen.
«Das ist unsere Zeit der Entwurzelung», sagt Romi, der auf seine Art sesshaft geworden ist. Und er fährt fort: «Wir sind eine grosse Familie geworden. Man hilft einander, wo man kann. Mögen wir nach aussen auch als Asoziale gelten – die Leute würden staunen, wie sozial es bei uns zugeht. Kommt ein Neuer mit nichts an, kramt jeder in seinen Habseligkeiten nach etwas, was er ihm abtreten könnte.»
Diese Solidarität bestätigt auch Helga Ruf, seit 25 Jahren Platzwartin: «Viele, die gehen, kommen immer wieder vorbei, um die alte Gemeinschaft zu spüren oder weil sie das feuchtfröhliche Freitagabendfeuer vermissen.» Helga Ruf ist nicht nur Einkassiererin und für Ruhe und Ordnung zuständig, sondern auch Anlaufsstelle für Probleme und Problemchen – eine «Campingmutter» eben, die tröstet, schlichtet, berät und schimpft.
Das Camping am Schützenweiher ist nicht der einzige Landeplatz für bunte Vögel. Fast alle Ganzjahres-Campingplätze dienen vorübergehend als Notschlafstelle. Auf dem Camping Eymatt an der Berner Stadtgrenze logieren etwa 40 Dauermieter. Platzwart Paul Hächler spricht von einem «tragfähigen sozialen Gefüge» unter den Dauermietern. «Das ist auch den Fürsorgeämtern und Sozialstellen nicht entgangen: Wir wurden schon angefragt, ob wir nicht ein Dutzend Obdachlose bei uns aufnehmen könnten.» Hächler machte nicht mit: «Wir sind primär eine Einrichtung für Touristen und keine Sozialhelfer.»
Die Luxusvariante im Hotel
Nicht nur Randständige, auch Gutbetuchte nisten sich immer häufiger an einem touristischen Ort ein – wenn auch an einem luxuriöseren: Knapp 1000 ältere Menschen haben ihren ständigen Wohnsitz im Hotel. Dabei handelt es sich vor allem um Häuser an erster Adresse: «Dolder» und «Waldhaus» in Zürich, «Victoria-Jungfrau» in Interlaken, «Schweizerhof» in Bern. Alle beherbergen Dauergäste, die sich den Luxus etwas kosten lassen. Die Direktoren hüllen sich in Schweigen. Denn Diskretion und Sicherheit sind im Logierpreis inbegriffen.
Doch ein Gast lässt sich offenherzig in die Hotelsuite blicken: Hazy Osterwald, Schweizer Bandleader und lebende Musiklegende. Seit 18 Jahren residiert er in einem Dreizimmerappartement im Grandhotel National mitten in Luzern. Den Eingang schmücken fünf Sterne, der Service ist entsprechend. «Schöner und praktischer könnten wir nicht wohnen», sagen Hazy und seine Ehefrau Eleonore Schmid.
Die Königsetage ist majestätisch ausstaffiert und thront aussichtsreich über den Dächern der Innenstadt. Kaiserlich ist auch die Miete: 5000 Franken im Monat blättert Hazy für den Luxus hin. Dafür stehen im Haus vier Restaurants zur Auswahl, Zimmer- und Receptionsservice sind rund um die Uhr erhältlich – und sind die Bewohner auf Tournee, wird der Haushalt versorgt. Buntes Leben vor der Tür, geruhsame Privatsphäre dahinter. «So und nicht anders möchte ich wohnen. Bis zum Schluss.»
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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf
© Beobachter Ausgabe 25 vom 10. Dez 1999 - Alle Rechte vorbehalten













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