Wohnformen «Ein Eigenheim ist kaum sinnvoll»

P. M. – anonymer Vordenker
 

Der 1946 geborene P. M. (häufigste Initialen im Telefonbuch) arbeitet am Neustart für die Schweiz. Der Philologe hat mit utopischen Romanen und Sachbüchern, darunter die ökosoziale Utopie «bolo’bolo», in den Achtzigern erst Hausbesetzer, dann genossenschaftliche Hausbesitzer inspiriert. Das bolo ist die Grundeinheit, in der 500 bis 700 Leute in überschaubaren Gemein­schaften leben, vernetzt mit anderen bolos. 1995 war P. M. Mitgründer der Zürcher Genossenschaft Kraftwerk1. Weitere Kraftwerke mit mehreren hundert Bewohnern sind in Planung. 

Vordenker P. M. über die Vorteile alternativer Wohnformen.

Beobachter: In der Stadt zu wohnen wird für viele unerschwinglich. Manche ziehen in die Agglo, und wer Geld hat, kauft sich ­etwas auf dem Land. Was ist der Traum von den eigenen vier Wänden wert?
P. M.: Wenig. Ich rate davon ab. Ein eigenes Haus ist kaum noch sinnvoll, weil wir immer mobiler werden. Plötzlich steht das Haus dann am falschen Ort, weil wir zum Beispiel woanders arbeiten. Viele Leute kaufen bloss Eigentum, weil sie ihr Geld sicher parkieren wollen. Nach der Erfahrung mit der jüngsten Bankenkrise ist das ja verständlich – rein ökonomisch. Sozial und ökologisch ist es dagegen Unsinn. Wohneigentümer schla­fen oft nur 50 Zentimeter entfernt von anderen Eigentümern, mit denen sie eigentlich nie etwas zu tun haben wollen. Oder sie landen auf einer Einfamilienhaushalde und generieren jeden Tag Pend­lerverkehr, weil sie woanders arbeiten und die Freizeit verbringen.

Beobachter: Es können ja nicht alle in der Stadt wohnen…
P. M.: Das Land ist grundsätzlich gut für Landwirtschaft und etwas Tourismus. Aber ausser den Bauern schlafen die meisten Leute dort bloss. Die Schweiz hat sich ­eine 2000-Watt-Gesellschaft zum Ziel gesetzt. Hausbesitzer auf dem Land werden das nie erreichen. Die Genossenschaft, in der ich lebe – das Zürcher Kraftwerk1 –, ist zumindest schon auf dem Weg dorthin. Die Städte könnten so verdichtet werden, dass es Platz für alle hat.

Beobachter: Was ist zu tun?
P. M.: Gewisse Einfamilienhaushalden müssen früher oder später aufgegeben werden. Da­gegen haben Städte ab 15000 Einwohnern eine Chance, reanimiert zu werden. Auch die zu Unrecht geschmähten Blocksiedlungen in den Agglos haben gros­ses Potential. Sie können verdichtet und mit Dienstleistungszentren versehen wer­den. Das ist auch der Ausweg für viele Klein­städte und Dörfer, in denen das Leben von der S-Bahn und den immer gleichen Shoppingcentern getötet worden ist.

Beobachter: Was raten Sie den Eigenheimbesitzern?
P. M.: Verkaufen, solange man noch einen ­guten Preis dafür erhält. Das Geld würde ich dann in einer Genossenschaft sicher ­investieren. Damit können innovative Siedlungen in den Agglomerationen und Städten gebaut werden, die den neuen Lebensanforderungen gerecht werden.

Beobachter: Und wie überzeugen Sie die Hauseigentümer?
P. M.: Die meisten merken es selber. Viele glauben noch an eine Art Immobilien-Monogamie. Sie meinen, man könne ein Leben lang mit dem Partner oder der Familie an einem Ort leben und wirtschaften. Sie be­rechnen nächtelang, wie gross das Haus oder die Wohnung mit dem gemein­samen Einkommen sein darf. Dabei werden sie von der Realität überrumpelt. Paare trennen sich, die Kinder ziehen aus, plötz­lich hat man einen tollen Job im Ausland. Das Wohneigentum wird zum Klumpfuss.

Beobachter: Mieter haben diese Flexibilität.
P. M.: Ja, aber man bezahlt oft einen viel zu hohen Preis. Es werden zu viele Luxuswohnungen gebaut. Ich frage mich: für wen? Da­bei kann man noch heute in Zürich 100 Quadratmeter grosse Wohnun­gen für weni­ger als 2000 Franken pro Monat bauen. Als Mieter hat man allerdings keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bewohnerschaft. Viel interessanter sind darum Siedlungen oder selbstkonzipierte Nachbarschaften, die einerseits auf die Rendite­maximierung verzichten und anderseits ­eine Auswahl von Wohnun­gen anbieten, in­ner­halb derer die Bewohner wechseln können. Genossenschaften, die über Liegenschaften in verschiedenen Quartieren und Orten verfügen, machen das möglich.

Beobachter: Unser auf Flexibilität ausgerichtetes Leben ­widerspricht doch der Genossenschaftsidee. Die baut ja darauf, dass sich Mitglieder über längere Zeit mit einem Projekt identifizieren.
P. M.: Mit dem Projekt schon, aber nicht un­bedingt mit den eigenen vier Wänden. Viel wich­tiger als das Eigentum sind heute doch verbindliche soziale Beziehungen. Das gibt uns Orientierung und Unterstützung in Kri­sensituationen. In Genossenschaften können solche Netzwerke aufgebaut werden. Meine Genossenschaft ist Mitglied einer Gemüsekooperative, die biologische Produkte liefert. Diese bieten wir in einem ­eigenen Laden den Bewohnern an. Es entsteht dadurch ein direkter Bezug zur Produktion unserer Lebensmittel. Wir sind übrigens günstiger als die Grossverteiler.

Beobachter: In Ihrem Buch «Neustart Schweiz» gehen Sie einen Schritt weiter. Sie postulieren neue ­Formen des Wirtschaftens. So sollen die Bürger etwa entscheiden, was in ihrem Quartier an­geboten wird. Das tönt nach Planwirtschaft.
P. M.: Planung gibt es immer, die Frage ist nur für wen. Es geht nicht bloss um Quartiere, sondern um unser ganzes Wirtschafts­system. Wir taumeln von Crash zu Crash – bei uns merken wir noch nicht viel davon, aber für 80 Prozent der Weltbevölkerung ist das ­eine Dauerkatastrophe. Warum bauen wir nicht die bestehenden öffentlichen Diens­te so aus, dass die Grundbedürfnisse für alle gesichert sind? Zudem sollten wir uns wirtschaftlich absichern, indem wir eine Direktbelieferung zwischen Bauernbetrieben und Nachbarschaften einrichten. Das ist für alle ideal: Die Bauern haben sicher ­Abnehmer, die Konsumenten bekommen günstigere Produkte von Produzenten, die sie kennen. Wir brauchen einen Umbau der verschwenderischen und unsicheren Marktwirtschaft zu einem demokratisch regulierten Haushalt, lokal und global.

Beobachter: Welche Rolle soll der Staat dabei spielen?
P. M.: Eine wichtige, er hat es nur noch nicht gemerkt. Der Staat muss eine Coaching-Rolle wahrnehmen. Es braucht jetzt so etwas wie einen neuen Landigeist, einen Aufbruch zu neuen Ufern. In der Organisation «Neustart Schweiz» arbeiten wir daran.

Beobachter: Der Leidensdruck dafür ist doch viel zu gering.
P. M.: Nicht das Leiden, sondern die Wahrnehmungsfähigkeit für das Leiden ist zu gering. Wir sind so eingespurt in unserem Alltag, dass wir nicht mehr merken, wie schlecht es uns eigentlich geht. Ein Viertel der Schweizer soll ja an Depressionen leiden. Wir können uns leider gar nicht mehr vorstellen, wie gut es uns gehen könnte.

Autor:
  • Peter Johannes Meier
Bild:
  • Oliver Lang
19. August 2010, Beobachter 17/2010