Wohnformen
Wohnen? Leidenschaftlich gern!
«My home is my castle» - das mag ja für viele gelten. Doch einige kultivieren ihr Zuhause zum Ausdruck ihrer ganz persönlichen Lebenshaltung. Ein Blick durchs Schlüsselloch.

(Bild: Matthias Willi)
Der eine widmet sein Haus dem Mythos Ferrari, der andere hat den Himmel zum Greifen nahe. Und wieder andere steuern ihre Wohnung mal nach Basel, dann wieder nach Berlin. Der Tüftler Josef Kaiser, der Kunstmaler Hans Rudolf Strupler und das Künstlerpaar Aernschd Born und Barbara Kothe verwirklichten ihren Wohn-Traum.
Der Fan: Ferrari über alles
Ein Ferrari Testarossa in der Garage war Josef Kaiser nicht genug - in den letzten zwei Jahren verwandelte der Tüftler sein Haus nach und nach in eine Huldigung an sein Traumauto. Für seine grosse Leidenschaft verzichtet er sogar auf Ferien und eine Partnerin.
Als Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher im Sommer 2004 auf dem besten Weg zu seinem fünften Weltmeistertitel auf Ferrari war, gab auch Josef Kaiser in Oberbüren SG Vollgas: Zu Ehren seines Idols wollte er sein Haus so schnell als möglich auf Ferrari trimmen. Heute präsentiert sich Kaisers Reich als museales Kolosseum oder kolossales Museum für den deutschen Star in der Formel-1-Manege. 3000 Arbeitsstunden und einen Grossteil seines Ersparten investierte der Ferrari-Schwärmer und Idealist in seinen Lebenstraum. «Das ist mein Herzblut», sagt der 59-jährige Kaiser. Die Frage, ob er ein Spinner sei, will er gar nicht erst aufkommen lassen.
Ein Rundgang durch die Räumlichkeiten der drei Geschosse in den Ferrari-Farben Rot, Schwarz und Gelb bringt den Besucher auf Hochtouren: Ferrari, so weit und breit das Auge reicht. Briefkasten, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Staubsauger, Laptop, Fernseher, Uhr, WC-Deckel, Handy, Vasen, Barhocker, Dusche, Gläser, Waschmaschine und Tumbler, Teppiche, Lichtschalter, Lampen, Champagnerflaschen: Alles steht in Farbe und Design für den Mythos Ferrari und sein Zugpferd «Schumi». Auch das legendäre Ferrari-Pferd springt dem Gast an allen Ecken und Enden ins Auge.
«Ein unglaubliches Hochgefühl»
Und nochmals nimmt Josef Kaiser die Frage, ob er sich als Spinner fühle, mit der Erklärung vorweg: «Ich will anders sein als die anderen - so anders wie möglich.» Das hat er möglich gemacht.
Den Grundstein zu seiner Ferrari-Mania legte der geschiedene und dreifache Vater Kaiser mit dem Ziel, dereinst einen Ferrari sein Eigen zu nennen. Schon seit 30 Jahren fasziniert ihn die Formel 1 mit ihren ehrgeizigen Protagonisten - allen voran Michael «Schumi» Schumacher mit seinem vorbildlichen Durchhaltevermögen. Den Traum erfüllte sich Kaiser 2002 mit dem Kauf eines damals 14-jährigen roten Ferrari Testarossa mit einem handverchromten Auspuff. «Ich konnte es kaum fassen, dass dieses Auto mir gehörte», schwärmt Kaiser. «Mich überkam ein unglaubliches Hochgefühl.» Heute schätzt er den emotionalen Stellenwert seines Ferraris höher ein als dessen Marktwert und schwärmt vom «Supersound», wenn der Motor «brodelt».
Kein Wunder, brach es ihm fast das Herz, dass dieser hochkarätige Schlitten wie ein herkömmliches Vehikel mit einer kommunen Garage vorlieb nehmen sollte. Also machte sich Kaiser ans Werk, einen entsprechend vornehmen Stall zu bauen. Das Kunststück mit gekachelten Wänden, Schieferboden und einer monumentalen, stilechten Tür kann sich sehen lassen.
Als Nächstes baute Josef Kaiser im Untergeschoss eine Bar ein, das Prunkstück des Interieurs: Türen und Geräte strahlen in den Originalfarben, in Vitrinen und an Wänden finden sich Raritäten und Originalitäten - bis hin zum Bild eines Sarges in Form eines Ferraris. Nicht weniger als 1’100 eigenhändig gerahmte Bilder in der markeneigenen Trikolore zieren die Räume.
Und Ferrari steckt auch im Detail: Jede Woche kauft Kaiser für mehr als hundert Franken frische Rosen, vornehmlich in den Farben Rot und Gelb, versteht sich. Sie zieren in stilechten Vasen die Treppen, beleben die Räume und erfrischen die Atmosphäre.
Mit Ferrari-Vertretung verwechselt
Als nächste Etappe hat sich der unermüdliche Schaffer den Eingangsbereich zum Haus vorgenommen. Hier soll neben den vier Ferrari-Fahnen ein Parkplatz die Präsenz des italienischen Rennstalls markieren und die Besucher auf das einmalige Innenleben von Kaisers Heim einstimmen. Dass schon jetzt Passanten anklopfen, die hier eine Ferrari-Vertretung vermuten, belustigt und beflügelt Kaiser.
Die Freizeitarbeit und die Fantasie werden dem Tüftler nicht ausgehen. «Im Bett denke ich mir oft aus, was ich noch an die Hand nehmen und perfektionieren könnte», sagt er. Ein Dorn im Auge ist ihm die moderne, aber vergleichsweise banale Küche. Je länger, je mehr empfindet er sie als Fremdkörper.
Und natürlich geht ihm sein Testarossa bei den Verschönerungsplänen nicht aus dem Kopf. Um das «Schönwetterauto», dessen Interieur auch nach 18 Jahren noch nach veritablem Leder riecht, näher bei sich zu haben, hat er sich immer wieder überlegt, wie er es ins Haus integrieren könnte. Er liebäugelt damit, ein Guckloch durch die Wand des Wohnzimmers zu brechen, um immer freie Sicht auf seine Karosse in der Garage zu haben. «Ich habe in den letzten anderthalb Jahren mit Freude auf vieles verzichtet», zieht er vorläufig Bilanz. An Ferien sei nicht zu denken gewesen. Und auch eine Frau habe keinen Platz mehr gehabt in seinem Alltag.
Der Mythos will gepflegt sein
Umso mehr freut sich Josef Kaiser jeden Tag über die Wärme seines Hauses und fühlt sich hier glücklich. «Ferrari ist mit seiner Geschichte und seinen Fahrern ein Mythos», sagt er. Und den gelte es zu hegen und zu pflegen. Er bewundere und respektiere die Spitzenleistungen der Formel-1-Fahrer so sehr, weil sie auf hartem Training und Disziplin beruhten.
Zum vollkommenen Glück fehlt dem Ferrari-Verehrer nur noch der Besuch von Michael Schumacher. «Das ist mein letzter und grösster Wunsch», sagt er. Badezimmer, Gästeschlafraum und Ferrari-Stübli sind jedenfalls bezugsbereit.
Eine Gemeinsamkeit mit seinem grossen sportlichen und menschlichen Vorbild sieht Kaiser allemal: «Sein Rennfieber ist vergleichbar mit meinem Perfektionismus, das ganze Haus unter seine Flagge zu stellen.» Er könne nicht mehr anders leben und frage sich immer wieder, wo er noch Retouchen anbringen könne. «Ja, vielleicht ist das eine Sucht.»
Der Maler: Einsame Spitze
40 Meter über Boden, im historischen Zürcher Grimmenturm, wohnt und arbeitet der Kunstmaler Hans Rudolf Strupler - und fühlt sich dort oben im wahrsten Sinne wie im siebten Himmel.
Über die 94 Treppenstufen zu seinem Hochsitz hat Strupler umgerechnet schon mehr als zwei Mal die mehr als 8840 Meter des Mount Everest überwunden, und zwar von Meereshöhe aus gemessen und mit seinen Bildern als Vollpackung. Seit nunmehr 40 Jahren thront Strupler über den Dächern der Stadt Zürich und lässt den Blick über die Altstadt schweifen.
«Das ist eine Traumlage», sagt der Künstler und schwebt in seinem Wohnatelier 40 Meter über Boden im siebten Himmel. Die Zürcher Vogelschau ist das Kontrastprogramm zu seinem zweiten Wohn- und Arbeitssitz in Tremona im Tessin. Dort lebt er nämlich ebenerdig und betrachtet seine Umwelt aus der Froschperspektive: «Ich geniesse den eigenen Garten und die Natur.»
Dass er damals ganz zuoberst im historischen Grimmenturm aus dem 13. Jahrhundert auf Umwegen eine Bleibe gefunden hat, empfindet er noch heute als «Glück». Nicht nur zum Wohnen ist der Horst einsame Spitze. Die Fensterfront mit Sicht über Dächer, Giebel und aufgemöbelte Terrassen sorgt für ideales Licht. Hier kommt Struplers Fabulierkunst zum Blühen: Aus dem anfänglichen Chaos zaubert er mit Temperafarben tiefgründige Symbol- und Seelenlandschaften auf Papier und Karton. «Ich brauche Atmosphäre», erklärt der weit gereiste Einzelgänger.
Dazu sind in Zürich wie Tremona Bücher und Musik ein Muss: «Ohne Musik kann ich nicht malen.» Er läutet den Arbeitstag mit Werken der Klassiker ein und lässt ihn mit modernen Stücken oder Jazz ausklingen - das sei wie ein Ritual. Auch Hermann Hesse, Thomas Mann und Theodor Fontane sind in Form von Hörbüchern seine ständigen Begleiter. Der Raum als solcher habe auf seine Kreativität keinen Einfluss. «Ich bin in Zürich und Tremona ein und derselbe Kreator.» Im geräumigen Atelier im Tessin kann sich Strupler auch grossformatige Werke vornehmen.
Fantasie- und Märchenwelten
Auf Individualreisen in den Fernen und Nahen Osten hat sich der Künstler mit verschiedenen Kulturräumen auseinander gesetzt und Länder auf langen Fussmärschen erkundet. Die Eindrücke verwebt er zu Fantasie- und Märchenwelten, in denen kunterbunte Drachen, Barken, Pyramiden und archetypische Symbole wie Sonne oder Weltenauge auftauchen.
Seit Heerscharen von Touristen fremde Lebenshaltungen und Kulturen eingedampft haben, zieht es Strupler nicht mehr in die Welt hinaus. «Zum Glück habe ich die Ursprünglichkeit noch erlebt.» Die Impressionen seien bei ihm im Reich der Sinne gespeichert und «abrufbar».
Mit zunehmendem Alter fahren dem 71-jährigen Meister der subtilen Farbtöne und Formen die 94 Treppenstufen in die Beine; zumal er für seine Ausstellungen in der ganzen Schweiz auch den Transport seiner Bilder besorgt und sie treppab und treppauf schleppt. Mittlerweile hat er einen bequem zugänglichen Lagerraum gefunden. Auch Kunstinteressenten müssen nicht ausser Atem geraten, um in Struplers fantastische Welt einzutauchen: Bei einem Besuch in der Zürcher Galerie am Paradeplatz oder der Galerie Orly in Basel kommen sie mühelos auf ihre Kosten.
Bei Gelegenheit wird Hans Rudolf Strupler in Zürich von der Vogelschau Abschied nehmen und wie im Tessin zur Froschperspektive wechseln. Deshalb hält er in der Altstadt Ausschau nach einem Wohnatelier im Erdgeschoss. «Ich möchte noch zehn Jahre arbeiten.» Ein Rückzug ganz ins Tessin kommt nicht in Frage. Er brauche den Puls von Zürich als Impuls.
Das Künstlerpaar: Immer auf Achse
Der Kabarettist Aernschd Born und seine Partnerin sind von ihrer Art zu wohnen überzeugt, aber diesbezüglich alles andere als festgefahren: Sie leben in einem zwölf Meter langen Bus. Nun hoffen sie auf einen neuen Standplatz und den Goodwill der Behörden.
Als Autor, Satiriker, Regisseur, Sänger und Kabarettist ist Aernschd Born mit allen Wassern gewaschen. Selbst als in seiner Küche und Dusche Ende März der Wasserhahn endgültig zugedreht wurde, zog er geistesgegenwärtig alle Register. Das Multitalent setzte sich ans Steuer seiner Wohnung im deutschen Weil am Rhein und kutschierte Hab und Gut in eine nahe gelegene Werkstatt. Dort wartet sein fahrbares Eigenheim auf eine neue Bleibe in der Schweiz, einen so genannten Standplatz. Doch davon später.
Seit mittlerweile anderthalb Jahren kosten Aernschd Born und seine Lebenspartnerin Barbara Kothe ihren real existierenden Traum von Flexibilität und Mobilität aus: Nach langem Suchen fanden sie in Hamburg einen zwölf Meter langen, zweieinhalb Meter breiten und dreieinhalb Meter hohen 13-Tönner der Marke Magirus-Deutz; sie bauten das Gefährt eigenhändig in einen gemütlichen Wohnraum mit ausgewachsener Küche, Dusche und Toilette um. Der Schlafbereich im hinteren Teil des Wagens kann durch eine Abtrennung vor neugierigen Blicken geschützt werden. Freudvoll liess sich der 57-jährige Kabarettist zum Lastwagenfahrer ausbilden und schwärmt heute vom einmaligen Fahrgefühl.
In Weil am Rhein gleich jenseits der Grenze bei Basel fand das Künstlerpaar einen geeigneten Platz auf einem leer stehenden Fabrikareal mit Strom- und Wasseranschluss. Seither kultivieren die beiden in ihrem rund 30-jährigen Bus mit Blick auf den Rhein die Leichtigkeit des Seins. Ob sie im Inland oder Ausland auf Tournee gehen: Sie wohnen zu Hause, führen ihren Arbeitsplatz immer mit sich, können vor Ort Künstlerinnen und Kunden empfangen und auch mal spontan einen Zwischenhalt einlegen.
Die Vertreibung aus dem «Paradies»
«Mit dem eigenen Bett unterwegs zu sein ist ein wunderbares Gefühl», sagt Born. Er habe noch nie so gut geschlafen wie im Bus. Am Morgen immer wieder mit einer anderen Aussicht aufzuwachen sei eine «Lebensqualität der besonderen Art».
Seine Lebenspartnerin Barbara Kothe, Kulturmanagerin und -gestalterin aus Berlin, gibt zu bedenken: «Bei einem begrenzten Wohnraum ist man gezwungen, sich aufs Nötigste zu beschränken - auch auf sich selber.»
Die Vertreibung aus dem «Paradies» am Rhein kam für Born und Kothe nicht aus heiterem Himmel. Sie wussten von Anfang an, dass sie den Platz beim Rheinhafen zu räumen haben, wenn die Fabrik umgebaut wird. Seit letztem Sommer halten die beiden nun Ausschau nach einem neuen Quartier.
«Eine herkömmliche Wohnung ist im Moment keine Option», sagt Aernschd Born. Er möchte mit seiner Partnerin möglichst oft nach Berlin fahren, um dort deren Tochter zu besuchen - und trotzdem in der Nähe von Basel bleiben, um nahe bei seinen Töchtern zu sein.
Born hat auch beruflich viel in Basel zu tun: Er schreibt seit Anfang Jahr abwechselnd mit Martin Hennig das Drehbuch zur Sitcom «Café Bâle» auf SF 2, tritt mit «TroubaTour de Bâle» auf und moderiert im Basler Kleintheater Parterre das Talk-Konzert «Born trifft …» mit Überraschungsgästen.
Die Suche nach einem neuen Aufenthaltsort geht weiter. Weder der Aufruf im Internet noch der Aufschrei in der «Basler Zeitung» fanden ein Echo. «Die Situation wird etwas stressig», übt sich Born in Gleichmut. Und seine Partnerin doppelt nach: «Langsam geht es ans Eingemachte, wie die Berliner sagen.» Beide hoffen, dass ihnen nicht der Boden unter den Füssen weggezogen wird.
Die unkonventionellen Zeitgenossen machen sich auch auf einen intensiven Dialog mit den Behörden gefasst, wenn sie ihr neues Domizil in der Schweiz legalisieren. Hierzulande ist leben auf Rädern mit festem Wohnsitz nicht vorgesehen, geschweige denn reglementiert.
Born: «Behördlich gesehen ist das Rad noch nicht erfunden, wenn es die Wohnung bewegt.» Er und seine Lebenspartnerin zählen auf die «Ermöglicher» und nicht auf die «Verhinderer». Denn gerade der Staat wünsche sich flexible und mobile Menschen.
© Beobachter Ausgabe 9 vom 26. Apr 2006 - Alle Rechte vorbehalten
