Mediation
Das Kriegsbeil begraben
Wenn Nachbarn nur noch über Anwälte miteinander verkehren, leidet die Lebensqualität. Zur Wiederherstellung des sozialen Friedens bietet sich die Nachbarschaftsmediation an - die Fachleute dafür kann man sich jetzt via den Beobachter holen.

Jahrelang hingen schwarze Wolken über der Grosssiedlung im Berner Stadtquartier Wittigkofen. In den fünf Hochhäuserkomplexen mit bis zu 95 Eigentumswohnungen leben Familien aus fast allen Kulturkreisen. In rund der Hälfte der Wohnungen sind es die Besitzer selber, in den andern Mieter. Das Quartier bietet alles, was es zum täglichen Bedarf braucht, vom Laden bis zum Coiffeursalon. So verwundert es nicht, dass die Anwohner Wittigkofen als «unser Dorf» bezeichnen.
Aber idyllisch war es in Wittigkofen schon länger nicht mehr. Vor allem in einem Block gab es ständig Probleme: Nächtlicher Lärm, Vandalismus in den Liften, drogenabhängige Mieter, ein illegaler Sexsalon und vernachlässigte Unterhaltspflichten in Mietwohnungen belasteten die Nachbarschaft sehr. «Unser Hochhaus verslumte langsam», sagt Bewohnerin Therese Nyffenegger. Der Stockwerkeigentümerausschuss hielt sich bei sozialen Problemen in der Siedlung konsequent zurück. Ausländische Mieter trauten sich nicht, gegen ihre Vermieter vor der Schlichtungsbehörde vorzugehen, auch wenn ihre Wohnung dringend hätte renoviert werden müssen.
Streit zwischen Nachbarn ist weit verbreitet. Denn örtliche Nähe kann Probleme heraufbeschwören; die Schweiz als dichtbesiedeltes Land ist davon besonders stark betroffen. Das bestätigen Zahlen aus dem Beobachter-Beratungszentrum. In den letzten zwei Jahren suchten mehr als 1500 Mitglieder Rat in Nachbarschaftsbelangen. Meist stellt sich heraus, dass ein scharfer Anwaltsbrief oder eine Klage das Problem nicht aus der Welt schafft. Im Gegenteil, juristische Interventionen verschärfen die Spannungen nur noch.
Und vor allem bleibt die Kernfrage meist ausgeklammert: Wie kann ich neben meinem Nachbarn endlich wieder wohnen, ohne dass meine Lebensqualität leidet? Denn Nachbarstreitereien können schwer belasten. Ob im Lift oder im Garten - bei jeder Begegnung ist einem mulmig zumute. Man tut, als kenne man sich nicht, geht sich aus dem Weg, verflucht sich heimlich gegenseitig und hat Angst vor dem nächsten Zusammentreffen. Die Probleme lassen sich vielleicht kurzzeitig verdrängen, als langfristige Lösung taugt diese Strategie aber nicht.
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Mediation spart Tausende von Franken
Nur: Wie bringt man die Zerstrittenen an einen Tisch? «Meist ist eine Partei an einer Veränderung interessiert», sagt Mediatorin Patricia Hasler-Arana von der Dienststelle für Mediation (dime). Nach dem Erstkontakt setze sie sich mit der anderen Seite in Verbindung. «Ich lade sie ein, ihre persönliche Sichtweise darzulegen.» Wichtig sei, ihr dafür ein paar Tage Zeit einzuräumen, damit sie ihre eigenen Vorteile erwägen könne. Fragen wie «Was würden Sie brauchen, um an einem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen?» oder «Können Sie sich vorstellen, wie der Konflikt ohne Mediation weitergehen könnte?» helfen, Unschlüssige doch noch zu bewegen.
Konflikte und ihre Lösung kosten meistens Geld. Sind Anwälte und Richter involviert, sogar Tausende von Franken. Eine Mediation kostet auch, aber wesentlich weniger. Die Parteien teilen den Betrag in der Regel unter sich auf.
In der Berner Wittigkofen-Siedlung hat die Mediation funktioniert. Anwohner gelangten an Patricia Hasler-Arana, die nach längeren Vorabklärungen ein Mediatorenteam bildete. Interesse daran zeigten aber nur gerade zehn Wohnparteien. Dennoch entschloss man sich zur Durchführung der Mediation. Anlässlich der ersten beiden Sitzungen wurden die Konflikte und Anliegen der Anwohner eingeordnet. «Zu Beginn waren wir frustriert und sahen keine Möglichkeiten, etwas zu verändern», sagt Therese Nyffenegger, eine der zehn Teilnehmenden. Doch nach sechs intensiven Zusammenkünften zeichnete sich eine Lösung ab: Die Nachbarn richteten eine eigene, fixe Vermittlungsbehörde ein - nur so sahen sie eine Chance, etwas gegen die Probleme im Block auszurichten.
Die hausinterne Mediatorengruppe unterstützt seither den Stockwerkeigentümerausschuss bei Sozialkonflikten. Ihre Arbeit zeigt Wirkung: In einem Fall forderte sie, dass ein Eigentümer ausgeschlossen werden sollte, sofern er einer Familie, die den Hausfrieden über längere Zeit massiv störte, nicht kündigte. Der Ausschuss stimmte zu, und der Eigentümer sprach die Kündigung aus. Und auch die desolate Wohnung, in der eine ausländische Familie hausen muss, wird dank der Mediationsgruppe endlich renoviert. «Noch gibt es viel zu tun», sagt Therese Nyffenegger. «Aber wir sind auf gutem Weg. Ohne unser Team müssten wir ohnmächtig zusehen. Jetzt können wir etwas verändern.»
Fachleute vom Beobachter
Mediation empfiehlt sich, wenn Betroffene einen Konflikt auf einvernehmliche Art lösen möchten. Das Beobachter-Beratungszentrum vermittelt Mitgliedern des Beobachters geeignete Mediationsfachleute: «Mediation: Der Beobachter vermittelt Fachleute».
© Beobachter Ausgabe 24 vom 21. Nov 2007 - Alle Rechte vorbehalten
