Sascha Greuter ist zehn, da erscheint ihm der Gitarrengott. In einer Ex-Libris-Filiale, zwischen den Buchstaben G und I. Jimi Hendrix. «Live at Winterland». Auf dem Cover scheint Hendrix in Trance – den Kopf zurückgeworfen, die Augen geschlossen, den Mund geöffnet. Die E-Gitarre in goldenem Licht, die Hände fliegen über die Saiten. Bam! Sascha will, ja muss die CD haben. Und weil er schon damals überzeugend ist, zücken die Eltern das Portemonnaie. 

Später packt auch ihn die Trance. Im CD-Player: «Hey Joe». Der erste Song, den Hendrix als Single herausbrachte. Der letzte, den er 1969 am legendären Woodstock-Festival spielte. Ein eifersüchtiger Mann erschiesst seine Frau. Kein Stoff fürs Kinderzimmer. Sascha hat aber nur Ohren fürs Intro. 100 Sekunden Gitarren-Ekstase; play, repeat, play, repeat. Bis die Wände vibrieren und der Bub beschliesst: Das will ich auch können. 

Partnerinhalte
 
 
 
 

«Dieser CD verdanke ich viel, ich höre sie noch immer gern.» Sascha Greuter, 44, sitzt auf einer Wiese hinter seiner Werkstatt in Dübendorf ZH. An den Gartenstühlen klebt Blütenstaub, aus der Tanne regnet Vogelkot. Durch die Luft zieht ein Hauch von Gewürzen. «Die Fabrik», sagt Greuter und deutet mit der Schiebermütze über die Schulter. Givaudan stellt Duftstoffe her, irgendwo da drüben. 

«Wenn ich im Job auf meine Nase angewiesen wäre, könnte ich hier nicht arbeiten», grinst Greuter. Auf dem Gartentisch liegt ein giftgelbes Gerät. Mittendrauf: sein Profil, Mütze und Vollbart – seine Markenzeichen. Daneben: Schalter, Knöpfe, Drehräder, ein Lämpchen und zwei Anschlüsse. Wer nicht Musik macht, könnte heiter Rätsel raten. Gitarristen erkennen im Kästchen ein Pedal. Zwischen E-Gitarre und Verstärker geschaltet, sorgt es für gefährliches Aufheulen – durch künstliches Übersteuern von Kleinstverstärkern. «So stellt ein Musiker eine Farbpalette seiner liebsten Sounds zusammen: Verzerrungen, Echos oder Hall. Für jeden Effekt ein Pedal.» 

Mit 13 voll im Business

Beim Erklären greift Greuter in die Saiten einer Luftgitarre, spielt eine Weile stumme Töne, lacht. «Ich bin ein absoluter Sound-Nerd!» Man siehts; auch auf dem T-Shirt mit der alten Verzerrerröhre. Man hörts, als er wieder von Hendrix spricht. «Er hatte jedes einzelne Pedal. Sogar solche, die damals noch gar nicht auf dem Markt waren.» Was dazu führte, dass Verzerrungen – in den Fünfzigern noch unerwünschte Nebeneffekte – plötzlich en vogue waren. 

Und dass der zehnjährige Sascha ein paar Jahrzehnte später einen Vorsatz fasst. «Ich will E-Gitarre spielen», fordert er in der Dorfschule. «Zuerst kommt Blockflöte», erwidert der Musiklehrer. Aber welcher Rockstar spielt schon Flöte? Also sucht er einen anderen Lehrer – und muss sich erst mal mit der klassischen Gitarre begnügen. Besser als nichts. Eine E-Gitarre kauft er sich mit 13, seine erste Band The Bad Eggs («Weil wir aus Egg kamen») spielt Beatles und Rockklassiker. Led Zeppelin, Deep Purple – und Jimi Hendrix. 

«Und wenn ich mal nicht spielte, dann dealte ich», erzählt Greuter weiter. Dealen? «Jaja, mit 13 hatte ich mein erstes Business.» Als wäre das stinknormal. Das kam so: Als der Onkel eine Schwyzerörgelifabrik in der Zentralschweiz übernimmt, findet der Junge bei der Räumung kistenweise alte Mikrofone und Pedale. Er beschliesst, sie zu verkaufen – sein eigenes Business aufzubauen. Vor der Schule studiert er Inserate, danach fährt ihn der Vater durch die halbe Schweiz. «In verstaubten Kellern überreichten mir ältere Männer Waren, deren Wert sie nicht kannten. Einmal handelte ich einen Marshall-Verstärker auf 400 Franken runter.» Damaliger Wert: 2000 Franken. Heutiger Wert: 10'000. 

Eine Anekdote reiht sich an die nächste, der Nachmittag vergeht. «Eine Stunde habe ich noch», sagt Greuter mit einem Blick aufs Handy, dann müsse er zu seiner Familie. Also, fast forward: Als Teenager macht er eine KV-Lehre auf Treuhand, danach steigt er ins Baugeschäft seines Vaters ein. Später holt er die Berufsmatura nach, streckt die Fühler kurz ins Filmgeschäft, landet als Mechaniker bei Gitarren Total – dem bekanntesten Gitarrengeschäft der Schweiz. Back to the roots. 

Da beschäftigt sich der Sound-Nerd auch beruflich mit Pedalen. Und sorgt dafür, dass das Sortiment von drei auf mehrere Hundert Effektgeräte wächst. Irgendwann fällt ihm auf, dass sie ein Problem mit der Qualität hatten. «Von zehn identischen Geräten waren drei super, fünf ganz gut und zwei enttäuschend.» Das lässt ihm keine Ruhe, also nimmt er ein Teil auseinander und begreift: Guter Klang hat nur bedingt mit der Schaltung und den Komponenten zu tun. Wichtiger ist die Justierung. Grossen Produzenten fehlt die Zeit, jedes Schräubchen zu drehen, jedes Pedal zu testen. 

Zurück in die Praxis

Das weckt Greuters Ehrgeiz. Auf der ganzen Welt sucht er Einzelteile zusammen, dreht und schraubt, bis der Klang perfekt ist. Seine Beratung ist beliebt, das Business läuft gut. So gut, dass er in die Geschäftsleitung aufsteigt. Und irgendwann öfter am Computer als an den Pedalen sitzt. Nicht wirklich seine Sache.

Also fasst der Sound-Nerd 2015 einen Entschluss: Er macht sich selbständig. Selber Pedale entwickeln, gestalten, bauen, verkaufen. Als erster Schweizer, trotz Risiko. Er kündigt, als seine Tochter gerade eins ist. Zum Glück hat seine Frau einen guten Job in der Forschung am Kinderspital. «Ohne ihre Unterstützung hätte ich den Schritt nicht gewagt.»

Neben der Musik engagiert sich Greuter für den Verein Zitrone, der verlassene Räume für wenig Geld vermittelt. Oft an Selbständige und Kulturschaffende – so kommt er zu seiner Dübendorfer Wohnung, die bald abgerissen wird. 

Dahin zieht er sich zurück, als die Sonne zu heiss und die Gewürzwolke zu penetrant wird. Überall liegen Drähte, Kabel, Schrauben und Werkzeug. Auf dem Pult stehen ein Lötkolben, kalter Tee und daneben die alte Lieblingsgitarre, der Lack blättert ab. Hinten im Regal ein Familienfoto: Greuters Frau und die drei Kinder. «Mittwoch ist Papitag», sagt er, dann geht es wieder um Transistoren und Widerstände, Elektronik und Schaltkreise. 

In der Anfangszeit verbringt er ganze Tage hier; am Pult, an der Gitarre, im Internet. «Es war ein endloses Umetüftle! Manchmal bis die Ohren schmerzten, bis ich nur noch schlafen wollte.» Zufrieden ist er erst, als der Ton im Proberaum genau so tönt wie in seinem Kopf. Im Oktober 2015 hat er sechs Modelle, die den Test bestehen. Damit sie im Laden nicht untergehen, kümmert er sich um Design und Farbe. So werden die Pedale knallorange, giftgrün oder rosa wie Zuckerwatte. Zeigen Mondlandschaften, Tonspuren, geometrische Formen.

Finanziell lohnt sich die Arbeit lange nicht. Durch schwierige Zeiten wie die Coronakrise bringen ihn Optimismus und Durchhaltewillen. Der Geschäftssinn, den er schon als Junge hatte. Mit dem er eine Nische auf dem Musikmarkt erobert. Heute sind Greuters zwölf Modelle weltweit bekannt. Auch in Japan findet man die Schiebermütze. In der Schweiz spielen Bands wie Annie Taylor oder Eluveitie mit seinen Pedalen.

Geld ist nicht so wichtig

Bald zahlt sich der Sound-Nerd denselben Lohn aus wie damals bei Gitarren Total. «Besonders viel ist das nicht. Aber in all den Jahren ist mir die Freude an der Musik nie vergangen, das ist das Wichtigste.» Noch immer stehe er gern in der Werkstatt und auf der Bühne. Als Gitarrist der Bands Grandjean und Sheep on the Moon. Man habe ihm sogar schon gesagt, manchmal erinnere er ein wenig an Hendrix. Das hätte den zehnjährigen Sascha gefreut.

Der 44-Jährige hat zu lange in der Vergangenheit geschwelgt und kommt zu spät nach Hause. Vor ihm liegen 45 Minuten Velofahrt von der Dübendorfer Werkstatt in die Altstetter Wohnung. Trotzdem fällt ihm eine letzte Geschichte ein, als er beim Aufräumen das Innenleben eines Pedals findet.

«Mit fünf griff ich zum Schraubenzieher und zerlegte das Autoradio meines Vaters. Ich fand eine winzige Stadt aus kleinen, farbigen Klötzchen, mit grünen Wiesen und vielen Leitungen. Dabei wollte ich nur wissen, wo der Sound herkommt.» Inzwischen weiss er es. 

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox
«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»
Jasmine Helbling, Redaktorin
Der Beobachter Newsletter