Da denkt man, man kennt sich, und plötzlich stehen drei Pflanzen in den eigenen vier Wänden. Hier war gerade ein Akt radikaler Transformation passiert. Ich mag nämlich keine Zimmerpflanzen. Aber da standen sie nun, diese drei, und waren eigentlich sogar sechs. Aber das Mini-Pflanzen-Dreierset war ein Erstkundengeschenk. Die waren mir quasi von allein nachgelaufen.

Vielleicht habe ich bei der Anzahl auch deshalb etwas geschummelt, weil mir dieser Kauf ein bisschen peinlich war. Ich bin nämlich auf eine Instagram-Werbung, nein, nicht hereingefallen. Schlimmer. Ich bin nachhaltig von ihr überzeugt worden. In allen Punkten! Ich, die 41 Jahre lang sehr erfolgreich nie eine Pflanze gekauft hatte.

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Die schönsten Pflanzen der Welt

Das Seltsamste war, dass ich diese Pflanzen liebte. Von der Sekunde an, als ich sie aus ihrem Postpaket befreit hatte. Sie waren die schönsten der Welt. Ich wollte sie hegen und pflegen, nie mehr hergeben, nie von ihrer Seite weichen, sie mit allem unterstützen, was mir zur Verfügung stand, notfalls sogar mit mir generell schwerfallender Zurückhaltung.

Ich kam ins Grübeln. Waren diese Pflanzen ein Ersatz für etwas? Kompensiere ich mit ihnen vielleicht das katzenförmige Loch in meinem Leben? Sind Pflanzen Haustierersatz? Haustiere Kinderersatz? Oder müsste man nicht einfach Leute zum Schweigen bringen, die an sich schöne Dinge unbedingt als Ersatz von etwas anderem darstellen müssen?

«Ich dachte an Frau L. und daran, was sie nähren und was ihre Wurzeln stärken könnte.»

Caroline Fux, Psychologin

Noch am gleichen Tag platzierte ich die Pflanzen in meiner Praxis. Ich bestaunte mein Werk, sah, dass es gut war, und kostete einen kleinen Flash generativer Kraft aus. Als ob ich die Pflanzen selbst in die Welt gebracht hätte.

Entwurzelt im kalten Land

Dann dachte ich über die Liebe nach. Wie sie manchmal aufblüht und gedeiht und manchmal nicht. Was Pflege mit ihr macht, was Vernachlässigung, was Überfürsorge. Ich dachte an die Menschen, die zwischen diesen Pflanzen sitzen werden. Ihre Herzen, Sorgen und Geschichten im Gepäck.

Ich dachte an Frau L., die sich entwurzelt fühlt in unserem Land, wo es oft kalt ist und die Leute etwas karg sein können. Wie wir gemeinsam grübeln, was sie nähren und was ihre Wurzeln stärken könnte. Eine intensivere Verbindung zu ihrem Ursprungsland? Ein dichteres soziales Netzwerk hier? Wie man so etwas überhaupt erschafft, ein dichtes soziales Netzwerk. In einer Zeit, in der die Leute auf dem Rückzug sind, Offenheit rationiert wird und Unsicherheit und Unbekanntes plötzlich wieder ganz stark zur Tagesrealität gehören.

Aufblühen und verwelken

Ich dachte an Herrn M., der nach einer Operation seine Erektion verloren hatte. Plötzlich, von heute auf morgen. Angedroht zwar vom Arzt, der auf das Risiko der Operation hingewiesen hatte, nicht aber darauf, wie sehr ein steifer Penis auch ein Pfeiler der eigenen Identität sein kann. Ganz ohne dass man es je realisiert hätte. Zuerst hatte Herr M. mit aller Kraft um seine Erektion gekämpft, sich schliesslich aber zögernd auf das Abenteuer eingelassen, seine Potenz in anderem zu entdecken. Und wie er eines Tages die Praxis betreten hatte und wieder ein Stück aufrechter stand. Den Schalk in den Augen und die Erzählung im Gepäck, wie er sich sexuell von einer ganz neuen, souveränen Seite erlebt hatte. Ganz ohne Erektion.

Ich dachte darüber nach, wie manche Dinge hier in diesem Raum aufblühen und andere abflachen. Wie einiges Wurzeln schlägt und anderes abknickt. Wie dieses anfängt und jenes endet. Und ich dachte daran, wie vermessen es wäre, von vornherein zu wissen, was davon gut und passend ist und für wen das Schicksal ganz einfach etwas anderes vorgesehen hat.

«Vielleicht hatte ich Pflanzen ja schon immer gemocht. Ich hatte es einfach nicht gemerkt.»

Caroline Fux, Psychologin

Ich atmete tief durch und widerstand der Versuchung, schon am ersten Tag mit einer systematischen Überwässerung, sprich: Meuchelung, zu beginnen. Dann bestellte ich vier weitere Pflanzen. Ich neige zum Exzess und schäme mich nur selten dafür.

Ich könnte nicht sagen, welche meiner sieben (plus drei) ich aktuell am meisten mag. Liebe multipliziert sich ja bekanntlich gern. Pflanzen offenbar auch.

Zur Person

Caroline Fux

Caroline Fux schreibt für den Beobachter über ihre Arbeit als Psychologin und die tägliche Konfrontation mit sich selbst. Ausserdem ist sie Co-Autorin der Beobachter-Bücher «Was Paare stark macht», «Guter Sex» und «Das Paar-Date».

Quelle: Paul Seewer

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