Wo es am schönsten ist? Da muss ich nicht lange überlegen, hier bei uns natürlich! Ein Tal wie die Göscheneralp findet man kein zweites Mal auf der Welt. Das sagte schon mein Vater. Wir haben so viele schöne Berge und Wanderwege. Und fünf SAC-Hütten auf Gemeindegebiet, das gibt es nirgendwo sonst.

Am eindrücklichsten ist das Panorama von der Dammahütte aus, wo ich über 20 Jahre lang Hüttenwart war. Sie ist 1916 erstellt worden, 15 Jahre vor meiner Geburt. Wunderschön liegt sie, nah am Gletscher, dahinter die Dammabergkette.

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Aber am schönsten ist es hier wegen der Mineralien. Ich bin ja selber Strahler. So viele Kristalle – einfach wunderbar. Im Jahr 2005 wurden am Planggenstock Riesenkristalle gefunden, 300 bis 400 Kilo schwer. Das sind die grössten der Schweiz. Mein grösster Fund wog 102 Kilo.

Konrad Mattli sitzt am Stubentisch in seinem kleinen Haus, das genau gegenüber dem Gasthaus Göscheneralp liegt, das er früher geführt hat. Im Weiler Gwüest, weit hinten im Tal, gut acht Kilometer Luftlinie von Göschenen entfernt. Er nippt an seinem Kafi mit frischer Kuhmilch.

Das Strahlen ist für mich nicht nur ein Hobby gewesen, sondern Arbeit. Ich habe zu all meinen Kristallen eine Beziehung. Aber viele habe ich auch verkauft, ich habe das Geld gebraucht, um die sechsköpfige Familie durchzubringen. Zwei Söhne, zwei Töchter. Und meine Frau Alice aus dem Walliser Turtmanntal.

Mattli führt ins Nebenzimmer und zeigt auf einen grossen, schwarzen Kristall. 38 Kilo schwer. Er nimmt ein paar kleinere Kristalle aus ihren Kistchen, hält sie ins Licht. Durchsichtige, dunkle, rötliche, sogar behaarte Steine, Fluorite und Fadenquarze.

«Hier oben können nur die leben, die Wurzeln bis in die Hölle haben.»

Zu Besuch bei Konrad Mattli auf der Göscheneralp

Konrad Mattli, ehemaliger Gastwirt, Bauer, Jäger und Strahler.

Quelle: Nik Hunger

Wir Bergler, wir sind treue Menschen. Eher hart, vom Berg geformt, wir vertragen viel. Hier im Göscheneralptal leben den Winter durch nur 15 Leute. Man ist aufeinander angewiesen, die Strasse ist von November bis April gesperrt. Im Oktober kaufen wir jeweils kiloweise ein, Grundnahrungsmittel wie Teigwaren, Mehl und  Zucker. Im Sommer machen wir viel Gemüse ein oder wir frieren es ein, das passt schon. «Hier oben können nur die leben, die Wurzeln bis in die Hölle haben», hat mein ältester Bruder einmal gesagt. Das ist richtig. Man muss hier verwurzelt sein, das ist schon so.

Mein Grossvater Josef, mein Vater Julius und dann ich, der Konrad, haben hier oben gewirtet. 2015 mussten wir das Gasthaus verkaufen, keins der Kinder wollte übernehmen, sie haben andere Berufe und Interessen. Aber die Neuen, eine junge Familie, machen es tipptopp, hart war es trotzdem.

Ich war gut 20, als meine Familie das Haus auf der Hinteralp, zuhinterst im Hochtal, verlassen musste, damals, als der Stausee gebaut wurde. Da sind wir dauerhaft runter in den Weiler Gwüest gezogen. Das war schon ein Einschnitt, die Heimat versinken zu sehen.

Mattli nimmt einen Bildband zur Hand, «Alte Göscheneralp – Erzählungen und Bilder zur Zeit vor dem Stausee (1920–1955)». Im Buch hat er in schönster Handschrift seine Erinnerungen festgehalten. «Ziggletä, von der Hinteralp ins Gwüest und umgekehrt. Das Jüngste wurde jeweils in der Scheesä getragen», steht etwa bei einem Schwarzweissfoto seiner Mutter.

Konrad Mattli hält den Bildband «Alte Göscheneralp» in der Hand

«Alte Göscheneralp»: Der Bildband ist ergänzt mit Konrad Mattlis Erinnerungen.

Quelle: Nik Hunger

Früher war ich oft zu Berge und bin viel auf Skitouren gegangen. Immer mit zwei Kollegen, beide viel jünger als ich. Der eine war aus Schwyz, der andere aus Basel. Der aus Basel hatte lange Haare, sah aus wie ein Beatle, ein Fotograf. Ich habe ihn kennengelernt, als ich Hüttenwart auf der Dammahütte war. Seither waren wir oft miteinander unterwegs. 

Spinnen und Städter

Ich könnte nicht in der Stadt leben. Warum? Ein Beispiel: Am Morgen lese ich eine Stunde meine Zeitschriften, die «Tierwelt» oder den «Jäger». Und die Mineralienzeitung. Danach nehme ich meinen Feldstecher mit auf ein Gängli, einen Spaziergang. Ich beobachte die Tiere rund ums Haus, die Munggen und Gämsen, Füchse und Adler, aber auch mal ein Bienli oder eine Spinne. Spinnen gibts in der Stadt kaum. Die werden sofort abgemurkst, ihre Netze zerstört. Ich habe das Gefühl, die Städter schätzen die Natur nicht so wie wir hier oben. Und sie können das Wetter nicht lesen. Ohne Smartphones mit Wetter-Apps sind sie aufgeschmissen.

Als junger Mann bin ich einmal mit einem Kollegen nach Zürich gefahren. Mit dem Zug. Wir wollten uns die Stadt ansehen. Aber auf dem Bahnsteig in Zürich war so ein Gedränge, es wimmelte von Menschen, niemand schaute einen an. Alle rannten umher, rempelten einen an. Ein Ameisenhaufen. Mein Kollege und ich sind gleich wieder umgekehrt. Nahmen den nächsten Zug zurück.

Mattlis Stein in Zürich

Später dann, als einer meiner Kollegen gestorben war, bin ich zur Beerdigung wieder nach Zürich gefahren. Ich konnte bei einem Freund übernachten, er hat mich überredet, doch zwei Tage zu bleiben. Ich durfte mir wünschen, was wir in Zürich machen sollten.

Am ersten Tag sind wir auf den Uetliberg. Ich war begeistert, so ein schöner Berg grad neben der Stadt, das wusste ich gar nicht, dass es so etwas in Zürich gibt. Am zweiten Tag wollte ich zum Siber + Siber, das ist eine grosse und bekannte Mineralienhandlung. Im Geschäft habe ich einen meiner Steine erspäht, das war schön. Aber ich bin dann doch gern wieder heimgekommen.

Ist es ihm nie zu eng geworden im Tal? Mattli fährt mit der Hand durchs weisse Haar, winkt ab.

Weltberühmte Gäste

Ich habe viel Kontakt mit vielen verschiedenen Menschen gehabt, zum Beispiel mit Bergsteigern, die im Gasthaus rasteten. Oft haben die uns jeden Sommer wieder besucht. Einmal hat einer der Schweizer Erstbezwinger des Mount Everest bei uns übernachtet. 1956 war der auf dem Mount Everest, da bin ich sicher. Ernst Schmied? Ich glaube, es war der Ernst Schmied. Das sind schöne Erinnerungen.

Obwohl er den ganzen, 1200 Kilometer langen Alpenbogen von Italien bis Slowenien gut kennt, würde sich Mattli nicht als Bergsteiger bezeichnen. Auch nicht als Reisenden, obwohl er mit den erwachsenen Kindern auch schon in der Türkei und in Paris war, wo er in der Mineraliensammlung des französischen Nationalmuseums Kristalle von der Göscheneralp entdeckte.

Ob wir Angst vor Corona hatten? Herrje, wir hier oben haben Angst vor Lawinen, Erdrutschen, Naturgefahren. Aber vor so einem Virus doch nicht.

Als Alice und ich uns impfen liessen in Altdorf, da hat die zuständige Frau nach meiner Handynummer für das Zertifikat gefragt. Ich musste lachen, so was habe ich doch nicht. Ich habe ein Festnetztelefon und ein Barometer. Mehr brauche ich nicht. Von meinen beiden Söhnen hat sich nur der eine impfen lassen, der andere war strikt dagegen. Corona hatten dann beide, gleichzeitig, ohne dass sie sich gesehen hatten.

So ist das Leben. Wer weiss schon, was richtig und was falsch ist. Deswegen soll man sich doch nicht entzweien.

Dieser Artikel ist Teil der Beobachter-Sonderausgabe «Hallo Helvetia».

Über die Beobachter-Sonderausgabe «Hallo Helvetia»

Zum 1. August widmen wir eine Beobachter-Ausgabe ganz der Schweiz: Unsere Redaktorinnen und Redaktoren sind für «Hallo Helvetia» zu Entdeckungsreisen ausgeschwärmt und zeigen ein facettenreiches Bild unseres Landes im Jahr 2022.

Sie haben interessanten Stoff für zahlreiche Berichte gesammelt: Gespräche mit spannenden Menschen, überraschende Entdeckungen, Einblicke in aktuelle Entwicklungen und schwelende Konflikte. Es geht um Heimat und Identifikation, um Trennendes und Verbindendes.
 

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