Beobachter: Bilder aus der ganzen Welt zeigen, dass die Luft seit dem Lockdown viel klarer geworden ist. Profitiert auch das Klima?
Reto Knutti: Die Sicht ist besser, weil weniger Russpartikel und Aerosole in der Luft sind. Das und auch die Wetterlage helfen, dass man in China die Sonne und in Indien den Himalaja wieder sieht. Es geht um kurzlebige Stoffe mit einer Aufenthaltszeit von Tagen oder Wochen in der Luft. Sobald wir zurück zum Normalzustand gehen, wird die Luft innert Tagen wieder gleich belastet sein.

Partnerinhalte
 
 
 
 


Reduziert der Lockdown nicht auch den CO2-Ausstoss, der für den Klimawandel verantwortlich ist?
Weltweit betrachtet nur marginal. Längst nicht alle Länder haben einschneidende Massnahmen ergriffen. Ein grosser Teil der Infrastrukturen, Gas- und Kohlekraftwerke, laufen immer noch. Auch viele Fabriken haben die Produktion nicht eingestellt, und der Güterverkehr ist geblieben. In China wurde während des Lockdowns eine CO2-Reduktion von 25 Prozent gemessen. Weltweit und über das ganze Jahr gerechnet, dürften es aber nur rund 5 Prozent sein. Solche Berechnungen sind natürlich spekulativ, weil wir nicht wissen, wie lange die Lockdowns dauern.


Homeoffice und weniger Flugreisen werden den Klimawandel also kaum bremsen?
Für die Produktion der Treibhausgase ist der Effekt fast vernachlässigbar. Das Problem ist der weltweite Gesamtausstoss von CO2 über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Die paar Wochen Lockdown fallen nicht ins Gewicht. Vor allem, wenn wir danach wie bisher weiterfahren. Für die menschengemachte Erwärmung bewegen wir uns dann im Promillebereich.


Welchen Effekt hat es überhaupt, wenn wir zu Hause arbeiten?
Der Strassenverkehr produziert in der Schweiz gut 20 Prozent der Treibhausgase, davon ist rund die Hälfte Freizeitverkehr. Rechnen wir mal mit 10 Prozent für den motorisierten Pendlerverkehr und nehmen wir an, alle würden einen Tag pro Woche zu Hause arbeiten. Dann sind wir bei 2 Prozent Reduktion. Das ist schön, aber keine Lösung. Wir brauchen 100 Prozent, müssen vollständig weg vom CO2-Ausstoss, um die Klimaerwärmung zu bremsen Nach neuem Weltklimabericht «Wir müssen alles tun, was wir tun können» – aber nicht über Lockdowns. Das Homeoffice ist aber ein wichtiger Beitrag zur Entlastung der Verkehrsinfrastruktur. Und hat vielleicht einen psychologischen Effekt, indem wir erkennen, dass eine Verhaltensänderung möglich ist, ohne dass das Wirtschafts- und Sozialsystem gleich kollabiert.


Nützt weniger fliegen mehr?
Leider nein. Das Fliegen macht weltweit nur 2 bis 3 Prozent der CO2-Produktion aus, weil die meisten Menschen auf der Welt ja gar nie fliegen. In der Schweiz sind es rund 20 Prozent, ähnlich viel wie beim Strassenverkehr. Wenn wir plötzlich nicht mehr fliegen würden, hätte das schon einen Effekt. Die Realität vor dem Lockdown waren aber Wachstumsraten um die 5 Prozent – jedes Jahr.


Business-Flüge werden nach dem Boom der Videokonferenzen Digitale Meetings 10 einfache Tipps für Videokonferenzen und Chats nur noch schwer zu rechtfertigen sein.
Das denke ich ebenfalls. Es bringt ja auch wirtschaftlich nur Vorteile: Kosten, unproduktive Reisezeit und Zeitverschiebung fallen weg. Die Erkenntnis war allerdings schon vor der Pandemie da. Der grösste Teil der Fliegerei hat aber nichts mit Arbeit zu tun, es sind Ferienflüge. Hier ist das Umdenken wohl schwieriger.


Wenn weniger Flug- und Autoverkehr die Erwärmung kaum verringern: Wo wäre der Effekt gross?
Bei der Produktion der Energie. Da gibts nur eins: Weg von Öl, Gas, Kohle, Benzin hin zu erneuerbaren Energieträgern, also die Dekarbonisierung Nachhaltige Pensionskassen Vorsorgegelder befeuern den Klimawandel . Anders als bei Lockdowns, die Milliarden kosten und die Wirtschaft abwürgen, machen Innovation und nachhaltige Energieträger auch ein gewisses Wachstum und entsprechenden Wohlstand möglich.
 

«Der freie Markt allein wird keine Klimawende bringen.»

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich

Lässt sich aus den Lockdown-Massnahmen nichts für das Klima ableiten?
Doch. Sie erhöhen vielleicht die Akzeptanz anderer Massnahmen. Der freie Markt allein wird ja keine Wende bringen, weil fossile Energieträger schlicht zu billig sind. Historisch gesehen zeigen viele Beispiele, dass es ohne veränderte Rahmenbedingungen nicht geht. Beim Abfall zum Beispiel, als man beschloss, ihn nicht mehr einfach im Wald zu entsorgen. Beim Wasser, das nicht mehr verschmutzt in den See geleitet werden darf. Die obligatorischen Katalysatoren und Partikelfilter, um die Luftqualität zu verbessern, oder das Verbot von FCKW , um das Wachsen des Ozonlochs zu stoppen.


Auf die Einsicht der Einzelnen zu hoffen, wäre zu naiv?
Ich sage jeweils, wir sind alle etwas dumm, etwas faul, etwas egoistisch und denken etwas kurzfristig. Das sind vielleicht die vier grössten Probleme beim Klimawandel.


Viele Umweltbewegte wittern die historische Chance, jetzt mit strengen Umweltauflagen einen grossen Schritt nach vorn zu machen. Andere fürchten genau das Gegenteil: dass jetzt die Vorgaben geschwächt werden, damit die Wirtschaft schneller auf die Beine kommt.
Die zweite Variante wäre besonders schlecht, ein lasches CO2-Gesetz zum Beispiel. Aber auch das erste Szenario birgt Gefahren. Die Pandemie hat uns in eine ausserordentliche Lage geworfen. Und die Regierung soll uns möglichst unbeschadet aus dieser Notlage führen. Mit dieser Legitimation darf man aber nicht weitere Ziele unter Dach und Fach bringen, den Klimaschutz, die Steuergerechtigkeit, den Mutterschutz oder was auch immer. Das muss über die üblichen demokratischen Prozesse gelingen. Der Klimaschutz ist zwar ein drängendes Problem, aber es geht nicht um Wochen wie bei der Pandemie.


Lehrt uns die Pandemie nicht, dass ohne besondere Dringlichkeit kein rasches Handeln möglich ist?
Die Herausforderung ist, trotz ausgebauter demokratischer Prozesse rasch etwas gegen die Klimaerwärmung zu unternehmen.


Man könnte auch ganz demokratisch zum Schluss kommen, dass man der Wirtschaft nur unter strengen Umweltauflagen hilft.
Ja, aber man muss das nicht zwingend miteinander verbinden. Man kann der Wirtschaft finanziell helfen und parallel dazu für alle die Rahmenbedingungen verschärfen, die für das Erreichen der Klimaziele nötig sind.

Luftbelastung in China während Lockdown

Luftbelastung in China während Lockdown

Lockdown in China: Luftbelastung durch Stickoxide im Januar (links) und im Februar 2020

Quelle: EPA/NASA/Keystone

Firmen, die auf Staatshilfe angewiesen sind, sollen ja auch auf Boni und Dividendenzahlungen verzichten. Solche Verknüpfungen sind doch legitim?
Hier sind sie aber viel unmittelbarer. Der Bund gibt Geld und will verhindern, dass es in die Taschen der Manager und Aktionäre abfliesst. Es ist legitim, mit Auflagen abzusichern, dass der Zweck der Kredite erhalten bleibt.


Virologen und Infektiologen haben zurzeit einen enormen Einfluss auf die Politik. In der Klimafrage sieht das anders aus. Sind Sie etwas neidisch?
Nein, das ist ja auch gut nachvollziehbar. Je unmittelbarer und persönlicher eine Bedrohung ist, umso mehr kümmert man sich darum, und umso mehr interessiert man sich für Expertenwissen. Wenn ich krank bin, verschlinge ich alles, was ich dazu finde. Vom Klimawandel sind wir– in der Schweiz zumindest – in den kommenden Wochen nicht an Leib und Leben bedroht. So wird das Handeln als weniger dringlich wahrgenommen als gegen die Pandemie.
 

«Das Hauptproblem ist der leidige Grabenkampf zwischen Rechts und Links.»

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich

Der Bundesrat hat in der Corona-Krise einen wissenschaftlichen Beirat einberufen. Müsste er das nicht auch für das Klimaproblem tun?
Klimaexperten werden eigentlich ziemlich ernst genommen, solange sie neutrale Berichte erstellen, zum Beispiel die regelmässigen Uno-Berichte des IPCC. Es mangelt ja auch nicht an Forschungsergebnissen. Seit 1996 gibt es zudem ein vom Departement für Umwelt eingesetztes beratendes Organ für Fragen der Klimaänderung, das OcCC. In der Realität hat es aber zu wenig Einfluss. Ein intensiverer Austausch zwischen Politik und Wissenschaftlern ist dringend nötig, wenn wir etwas erreichen wollen. Ich denke dabei nicht nur an Klimaforscher, sondern auch an Ökonomen, Technologen und Sozialwissenschaftler.


Warum passiert das nicht?
Das Hauptproblem ist der leidige Grabenkampf zwischen Rechts und Links, der Diskussionen über Fakten und Lösungen fast unmöglich macht. Es mangelt schon an der Bereitschaft, gemeinsam an einen Tisch zu sitzen. Vielleicht verbessert sich das ja mit den Erfahrungen aus der Pandemie.


Woran denken Sie konkret?
Wir müssen gemeinsam eine Einsicht gewinnen, was überhaupt das Problem ist. Bei Corona haben wir das weitgehend, auch wenn es unterschiedliche Auffassungen über die richtigen Massnahmen gibt.


Welche Gräben müssen geschlossen werden?
Es gibt in der Politik wenig Einigkeit darüber, wie schlimm der Klimawandel überhaupt ist, was dagegen zu unternehmen ist und wer wie viel an eine Lösung bezahlen soll. Also ziemlich viele Gräben.


Schaffen es die Wissenschaftler denn nicht, zu überzeugen?
Die ganze Klimafrage ist überlagert von einer Wertefrage, wie es bei Corona auch der Fall ist. Was ist der Wert eines Menschenlebens? Was darf es kosten, die Klimaerwärmung zu bremsen? Das ist ja keine rein wissenschaftliche Frage. Es geht darum, welchen Wert wir einer lebenswerten Zukunft für unsere Nachfahren beimessen – und welchen Wert einem kurzfristigeren Wirtschaftswachstum dank billiger Energie. Klar ist aber: Die CO2-Emissionen jetzt zu vermeiden, ist langfristig wesentlich günstiger, als später für die Schäden des Klimawandels zu bezahlen.

Zur Person

Reto Knutti, 47, ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Er hat in leitender Funktion an Berichten des Uno-Weltklimarats mitgearbeitet.

Die besten Artikel – Woche für Woche
«Die besten Artikel – Woche für Woche»
Peter Johannes Meier, Ressortleiter
Der Beobachter Newsletter