Die 30 Schweizer Abfallverbrennungsanlagen verursachen knapp 5 Prozent des landesweiten Ausstosses von Kohlendioxid. Damit gehören sie zu den grössten CO2-Quellen und tragen zur Klimaerwärmung bei. Das passt schlecht zum ökologischen Image des Verbands der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen VBSA, den der grüne Nationalrat Bastien Girod präsidiert.

Doch nun gibt die Branche den Pionier und setzt sich grosse Ziele. Die Anlagen sollen schon bald kein Kohlendioxid mehr ausstossen. Nicht etwa, indem sie weniger Abfall verbrennen. Das CO2 soll klimaneutral entsorgt werden, und zwar unter dem Meeresgrund.

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Möglich machen soll dies carbon capture and storage, kurz CCS. Vereinfacht gesagt wird dabei das Klimagas eingefangen, gesammelt und dann tief unter dem Meeresgrund sicher eingeschlossen. Das Verfahren der CO2-Abscheidung und -Speicherung funktioniert seit Jahren. Der Weltklimarat IPCC sagt, sie sei notwendig, um die Klimaerwärmung zu beschränken. Doch massentauglich ist CCS noch nicht, weltweit existieren nur ein paar wenige Anlagen.

«Das erinnert mich an die Zeit, als man Atommüll im Meer versenkt und behauptet hat, die Entsorgung sei sicher.»

Isabelle Chevalley, Nationalrätin GLP

Gegen die Pläne des VBSA gibt es Widerstand: «Mit dem Klimamüll ins Meer, das erinnert mich an die Zeit, als man Atommüll im Meer versenkte und behauptete, die Entsorgung sei sicher», sagt die grünliberale Waadtländer Nationalrätin Isabelle Chevalley.

Bis man das CO2 aus Schweizer Verbrennungsanlagen sicher entsorgen könne, seien noch «grosse Hürden zu überwinden», räumt VBSA-Geschäftsführer Robin Quartier ein. Das CO2 herausfiltern sei dabei das geringste Problem. Die entsprechenden Anlagen brauchten aber sehr viel Energie.

Der Plan sieht vor, das Gas anschliessend über Pipelines an einen Mittelmeerhafen und von dort in flüssiger Form per Schiff nach Norwegen zu transportieren. Dort existieren bereits CO2-Speicher. Teils sind das ausgeschöpfte Öl- und Gaslagerstätten, teils grundwasserführende Gesteinsschichten, sogenannte Aquifere.

Vorreiter Norwegen

Kein Land ist mit der CO2-Speicherung im Meer so weit wie Norwegen. Und niemand fördert die Technologie so stark. Bereits 2024 will ein Konsortium aus den Ölfirmen Equinor, Shell und Total die ersten Lager für ausländisches CO2 eröffnen. «Wir sind in intensivem Kontakt mit den Norwegern», sagt VBSA-Geschäftsführer Quartier.

Dass ausgerechnet Ölfirmen CO2-Lager anbieten, macht Umweltschützer misstrauisch. Der britische Meeresbiologe David Santillo beschäftigt sich für Greenpeace International seit Jahrzehnten mit CCS. Er sagt zu den Plänen: «Die Forschung zeigt, dass es grosse Unsicherheiten in Bezug auf die Langzeitsicherheit gibt.» Generell gebe es zu wenige Studien.

«Wir gehen davon aus, dass 99 Prozent des CO2 auf Tausende Jahre hinaus sicher unter dem Meer bleiben werden.»

Klaus Wallmann, Geowissenschaftler

Der deutsche Geowissenschaftler Klaus Wallmann hat im Auftrag der EU zwei norwegische CO2-Speicher untersucht und dabei «keine Lecks gefunden». Es gebe aber durchaus Schwachstellen, durch die das Gas austreten könne. «Wir gehen jedoch davon aus, dass 99 Prozent des CO2 auf Tausende Jahre hinaus sicher unter dem Meer bleiben werden.» Komme es dennoch zu kleineren Leckagen, sollte der Schaden gering sein.

Natürliche CO2-Speicher würden «seit Jahrzehnten bewirtschaftet und weisen darauf hin, dass langfristig mit den Risiken umgegangen werden kann», schreibt das Bundesamt für Umwelt. Zudem müssten europäische CCS-Projekte nach einer EU-Richtlinie bewilligt werden.

Laut Forscher Santillo gibt es grossen internationalen Druck, CCS voranzutreiben. Dennoch seien Staaten wie Deutschland kritisch. Greenpeace fordert ein sorgfältiges Monitoring der CO2-Speicherung unter dem Meeresboden und völlige Transparenz.

Klimaschädliche Industrien setzen grosse Hoffnungen in die neue Technologie. Denn bei verschiedenen industriellen Prozessen – etwa bei der Produktion von Zement – lassen sich CO2-Emissionen nie komplett vermeiden. Der Verband der Zementbranche Cemsuisse ist daher am Projekt der Abfallbranche interessiert.

Noch ist die Finanzierung fraglich. Die Entsorgung einer Tonne CO2 mit CCS ist teuer. Sie werde anfänglich etwa 340 Franken kosten, also das Zehnfache des heutigen CO2-Preises, schätzt der Abfallverband VBSA. Eine einzige Anlage kostet rund 45 Millionen Franken. Alle CO2-Emissionen der Abfallverbrenner zu entsorgen, würde damit 1,3 Milliarden Franken pro Jahr kosten – eine enorme Summe. Bezahlen müssten sie die Steuerzahler, da die Abfallentsorgung der öffentlichen Hand gehört.

«Sinnvoller, die Abfallmenge zu reduzieren»

Eine CCS-Infrastruktur, die auch andere Branchen nutzen könnten, sei eine Generationenaufgabe, sagt auch VBSA-Verbandschef Robin Quartier. Er sehe aber keine Alternativen, um die klimapolitischen Verpflichtungen erfüllen zu können.

Wegen der enormen Energie und der hohen Kosten sei die CO2-Entsorgung mit CCS der falsche Ansatz, findet dagegen Nationalrätin und Abfallexpertin Chevalley. «Der Abfallverband betreibt doch einfach ‹Greenwashing›», sagt die Grünliberale. Viel sinnvoller sei es, die Abfallmenge zu reduzieren. Doch genau das geschehe nicht. «Mit Recycling kann man Plastik, Holz und Karton mehrmals nutzen. Aber nach einigen Verwertungszyklen muss dennoch alles verbrannt werden», sagt Quartier. Greenpeace pflichtet bei: Um das zu ändern, müsse beim Kauf eines Produkts ein Zuschlag für die Klimabelastung verlangt werden – gemäss dem Verursacherprinzip.

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