Hoch oben über dem 1'300-Seelen-Örtchen Vitznau am Vierwaldstättersee hängen sie in der Wand. «Ihr könnt die nächste Bahn runterlassen», ruft Röbi Küttel, 40, den Berg hinauf. Er ist der Chef hier oben, an einem Seil gesichert, das auf der Felskante an einem Baum befestigt ist. Am Fusse der Rigi ist es noch ruhig um acht Uhr morgens, an diesem Samstag im Juli. Der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet sogar leicht, doch der Wetterbericht ist gut. Der See glitzert da und dort, Steinchen rieseln den Fels hinunter. Küttel trägt einen Helm, die Nagelfluh ist lose: Die Witterung hat dem Mix aus Geröll und Kieselsteinen zugesetzt.
«Alles in Ordnung, sie ist unten», ruft jetzt Küttel, die rote Kunststoffbahn ist an Ort und Stelle. Die Montage kommt gut voran. Küttel greift sich die Plane und befestigt die ersten Ösen an vormontierten Stahlseilen im Fels. Das Team ist eingespielt: Schon seit Jahren besteht es aus rund 20 Freiwilligen der Seegemeinden Weggis, Küssnacht und Vitznau. Mit 15 Jahren ist Pirmin der Jüngste: Er gehört zum «Bodenpersonal», sichert oben die Seile. Die Ausmasse der Fahne sind rekordverdächtig: Insgesamt sechs Bahnen aus Kunststoff werden mit 300 Meter Stahlseil an 170 Bohrankern im Fels montiert. Daraus entsteht termingerecht zum 1. August ein Stück rot-weisse Eidgenossenschaft: 900 Quadratmeter, 400 Kilo - bei guter Fernsicht ist die grösste Schweizer Fahne des Landes mit blossem Auge von Luzern aus zu sehen.

Ein Spass unter Freunden

Früher trugen die mutigen Bergsteiger die Fahnenbestandteile noch eigenhändig auf schmalen Pfaden den Berg hinauf. Heute erledigt dies ein Helikopter. «Überhaupt hat sich in den letzten Jahren einiges geändert», sagt Küttel, der die Idee mit der Flagge als 18-Jähriger hatte. Die erste Fahne montierte er dann 1986 zusammen mit einem Freund. Mickrige 144 Quadratmeter mass sie damals. «Zwar hatten alle Freude daran. Aber als sich niemand finanziell beteiligen wollte, hängten wir sie im darauffolgenden Jahr nicht mehr auf.» Küttel, der in Weggis als technischer Leiter im Alterszentrum Hofmatt arbeitet, bestieg in den Jahren danach Monte Rosa, Dufourspitze, mehrmals das Matterhorn und den Eiger, bildete sich zum Bergführer und Lawinenspezialisten aus und hängte eine Schweizer Flagge an den Bürgenstock.

Eine professionelle Basis bekam das Fahnenprojekt erst, als 14 Jahre nach der Erstmontage der Vitznauer Tourismusverein das Werbepotential erkannte: Aus Lastwagenplanen liess er eine Fahne herstellen und von Küttel im Berg montieren. Doch es gab Probleme: «Bereits bei der Montage blies der Wind, und wir wurden bis zu zehn Meter durch die Luft geschleudert», erinnert sich Küttel. Als die Fahne dann hing, wurden die luftdichten Planen vom Wind immer wieder angehoben, um dann mit lautem Knall gegen die Felswand zu schlagen. Den Vitznauern war das Getöse am Berg nicht geheuer, sie schauten gebannt hinauf und ahnten nichts Gutes.

Plötzlich flogen die Fetzen

Dann, ausgerechnet am 1. August 2000 und mitten in der festlichen Ansprache des Gemeindepräsidenten, blähte sich die Fahne plötzlich auf - und riss. Dem Dorf bot sich ein trauriges Bild: In drei grossen Fetzen hing die Fahne an der Felswand. Bauern benutzten sie später, um ihre Rasenmäher und Holzbeigen abzudecken. Heute sind die Kunststoffplanen luftdurchlässig.

Küttel und seine Mannen, ein patriotischer Trupp, dem die Liebe zum Vaterland über alles geht? Die meisten schütteln den Kopf. «Ich bin höchstens ein Kletterer mit Nationalstolz», sagt einer. Die meisten lockt das Abenteuer, politische Hintergründe verbergen sich da kaum. Als letztes Jahr die Fussball-Nationalmannschaft von Brasilien in Weggis für die WM trainierte, hängten sie eine riesige brasilianische Nationalflagge neben die schweizerische. «Aktionen wie diese sind für uns Ausdruck für Kreativität, Mut, Toleranz und auch Freiheit», sagt Küttel.

Mittlerweile ist es 13 Uhr geworden: Die Sonne hat die Wolken längst vertrieben. Küttel stellt sich vorn auf die Kante und bläst in sein Büchelhorn, dessen Klang weit über den See hinaus verkündet: Sie hängt wieder, die grösste Schweizer Fahne, ob Vitznau an der Rigi.

Anzeige
Placeholder
Quelle: Alexander Jaquemet