Wenn Daniel Thelesklaf vom Russian Laundromat spricht, greift er zum Superlativ: «Das russische Geldwäschesystem kann zum grössten publik gewordenen Fall von Geldwäscherei in Europa werden.» Thelesklaf ist Vorsitzender des Geldwäscherei-Ausschusses des Europarats und Leiter der Liechtensteiner Finanzermittlungsbehörde.

2014 war das kriminelle System aufgeflogen. Mehr als 20 Milliarden Dollar russischen Geldes, mutmasslich erwirtschaftet durch Korruption, Steuerhinterziehung und organisierte Kriminalität, waren zuvor auf Tausende Firmenkonten weltweit geflossen. Es wurde bekannt als «Russian Laundromat» (russische Waschmaschine).

61 Journalistinnen und Journalisten aus 32 Ländern sind der Spur des Geldes gefolgt, von Russland über Moldawien nach Lettland – und von dort in alle Welt. Unter ihnen Reporter der regierungskritischen russischen Zeitung «Nowaja Gaseta», der «Süddeutschen Zeitung», des britischen «Guardian».

Ebenfalls dabei: Journalisten des Beobachters. Sie sind jenen Transaktionen nachgegangen, die in die Schweiz führten. Wie sie dabei vorgegangen sind, zeigen wir hier auf.

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Zürich, Herbst 2016

Im September 2016 erhält die Beobachter-Reporterin Sylke Gruhnwald eine verschlüsselte E-Mail vom Reporternetzwerk OCCRP («Organized Crime and Corruption Reporting Project»).

Die Nachricht mit Daten zu Geldströmen, die OCCRP und die russische Zeitung «Nowaja Gaseta» zuvor von Informanten erhalten haben, löst mehrmonatige Recherchen rund um den Globus aus – der Name: «Russian Laundromat» (russische Waschmaschine).

Dem Beobachter liegen etwa 70'000 Überweisungen vor. Über 1000 davon belegen Zahlungen an Privatpersonen und an mehr als 40 Unternehmen mit Konten in der Schweiz. Es geht um über 600 Millionen Dollar teils fragwürdiger Herkunft.

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Zürich, Winter 2016/17

Reporterin Sylke Gruhnwald beginnt, die Daten auszuwerten, und rekonstruiert den «Schweizer Feinwaschgang». Rund 270 Millionen Dollar landeten auf Konten des Russen Alexei Krapiwin. Der ist kein Unbekannter. Sein Beziehungsnetz reicht über seinen Vater Andrei bis in den Dunstkreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Für einen Beobachter-Artikel fehlen aber noch viele Puzzleteile.

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Zürich, Februar 2017

Mittlerweile arbeiten 61 Journalisten aus 32 Ländern an der Recherche. Die ist heikel und für einige Kolleginnen und Kollegen im Ausland gefährlich. Über verschlüsselte E-Mails, Kurznachrichten und Telefonate sowie über eine gesicherte Chatplattform tauschen sie ihre Ergebnisse aus.

An einer ersten Redaktionssitzung bespricht das Beobachter-Team die Ergebnisse. Skizzen der Geldströme helfen, das System der russischen Waschmaschine zu verstehen. Chefredaktor Andres Büchi gibt grünes Licht für einen Artikel. Beobachter-Redaktor Otto Hostettler kommt an Bord. Die Investigativjournalistin Alexandra Stark unterstützt das Team. Sie hat lange Zeit in Russland als Auslandskorrespondentin gearbeitet.

Schweiz, Ende Februar 2017

Der Beobachter macht Schweizer Empfänger der Überweisungen ausfindig und kontaktiert sie. Auffällig: Praktisch bei allen Firmen, die in die Geldflüsse involviert sind, nahmen ein oder zwei Jahre vor den fragwürdigen Geldüberweisungen russische Vertreter Einsitz im Verwaltungsrat.

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Zug, März 2017

Eine Zuger Anwaltskanzlei kontaktiert im Auftrag einer Schweizer Geldempfängerin den Beobachter. Für Waren, die angeblich nach Russland geliefert werden sollten, hatte die Frau via 27 Zahlungen einen siebenstelligen Betrag erhalten.

Zu ihrem Firmenkonglomerat zählen mindestens fünf Firmen, die ihren Sitz in Panama oder auf den Britischen Jungferninseln haben. Als «Beweis» legt sie eine Rechnung einer ihrer Offshorefirmen vor. Für Autobatterien, Ölpumpen, Hydrauliksysteme, Ersatzteile und Arbeitskleidung für Automechaniker. Dass diese Firmen wegen Geldwäscherei strafrechtlich verfolgt werden, kümmerte sie nicht.

Ihr Anwalt baut bei einem Treffen in der Kanzlei nahe dem Zuger Bahnhof eine Drohkulisse auf. Doch er kann die Veröffentlichung des Artikels nicht verhindern.

Zürich, März 2017

Das Infografik-Team übersetzt die komplexen Zahlungsströme in verständliche Bilder. Die Reporter arbeiten am Artikel. Sie interviewen den Zürcher Geldwäscherei-Experten Daniel Thelesklaf, telefonieren auf Russisch mit Viorel Morari, Leiter der für Geldwäschedelikte zuständigen Staatsanwaltschaft in Moldawien. Informationen werden ergänzt und ausgetauscht. Der Medienanwalt des Beobachters prüft persönlichkeitsrechtliche Aspekte und die Quellenlage. Layouter bringen die Geschichte in eine leserfreundliche Form. Redaktoren und Lektoren suchen akribisch nach allfälligen Fehlern oder Ungenauigkeiten.

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Montag, 20. März 2017, 19 Uhr

Gleichzeitig mit den Kollaborationspartnern veröffentlicht der Beobachter die Geschichte. Tags darauf berichten andere Medien über die internationale Recherche, in der Schweiz unter anderem der «Tages-Anzeiger» sowie Radio und Fernsehen SRF.

Am 31. März liegt das Heft in den Briefkästen der Abonnenten und am Kiosk. Die Reaktionen der Leser fallen heftig aus.

Die Berichte legen erstmals offen, wer von dem Geldwäschesystem profitierte. Staatsanwaltschaften weltweit ermitteln – gegen Richter, Gerichtsvollzieher und leitende Bankangestellte. Bislang konnten die Ermittler aber nur Strohmänner und mutmassliche Helfer ausfindig machen. Für sie gilt bis zur Verurteilung die Unschuldsvermutung. Für den Beobachter gilt: Wir lassen nicht locker.

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Lesen Sie hier die beschriebene Story:

«Laundromat»: Geldwäsche – Die Schweiz als Drehscheibe

Über eine halbe Milliarde Dollar fragwürdiger Herkunft sind über verschlungene Wege aus Russland in die Schweiz gelangt. Das zeigen Recherchen eines Mediennetzwerks, dem der Beobachter angehört.

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