Jeden Morgen um vier Uhr stand Gertrud Biondi-Hasler auf, um in der Migros Limmatplatz in Zürich Regale aufzufüllen – damit sie den Aufenthalt ihrer Tochter im Gefängnis Hindelbank bezahlen konnte. Tochter Ursula hatte nichts verbrochen: Die Jugendliche war von zu Hause ausgerissen und mit 17 Jahren unehelich schwanger geworden.

Die Zürcher Vormundschaftsbehörde empfahl den Eltern daraufhin ein «geeignetes Erziehungsheim»: Der Teenager wurde «administrativ versorgt», also ohne Urteil weggesperrt. Dass Ursula in einem Gefängnis landete, erkannte die 38-jährige Mutter erst beim ersten Besuch. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig. Jeden Tag ging sie zum Limmatplatz und füllte Regale auf. So stotterte sie insgesamt Fr. 6774.90 für 373 Gefängnistage ihres Kindes ab, von April 1967 bis Mai 1968.

Heute ist Gertrud Biondi 81-jährig und freut sich. «Dieses Pflegebett erlaubt mir, noch nicht ins Altersheim zu müssen», sagt sie. Das Spezialbett samt Zubehör im Wert von 8000 Franken hat die Stadt Zürich bezahlt – als Wiedergutmachung für die stossenden «Unterstützungsauslagen», die sie für ihre unrechtmässig weggesperrte Tochter zahlen musste.

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Auf den Skandal der administrativ Versorgten, den der Beobachter aufgedeckt hatte, reagierte nicht nur die Stadt Zürich. Im Nationalrat wurde Mitte April eine parlamentarische Initiative eingereicht, die ein Gesetz zur Rehabilitierung der administrativ Versorgten verlangt – unterschrieben von Vertretern sämtlicher grosser Parteien. Das Parlament soll das Unrecht anerkennen, das die Behörden den Betroffenen zugefügt haben, für freien Zugang zu den Akten sorgen und sich verpflichten, die Vorgänge historisch aufarbeiten zu lassen.

Einige Kantone fordern einen Härtefonds

Nicht gefordert wird eine finanzielle Wiedergutmachung. «Die Konsequenzen der Aufarbeitung müssen aber später thematisiert werden», sagt SP-Nationalrat Paul Rechsteiner, der die Initiative zusammen mit seiner Parteikollegin Jacqueline Fehr lanciert hat. Mit dem Vorstoss werde das Maximum dessen erreicht, was derzeit politisch umsetzbar sei, meint Rechsteiner. «Das ist aber viel mehr, als noch vor kurzem vorstellbar war.» Die Betroffenen freuts: «Wir sind froh, dass diese Initiative so breit unterstützt wird», sagt Ursula Biondi.

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Dass es nicht nur bei schönen Worten bleibt, dafür sorgen derzeit auch die Kantone. So hat der Grosse Rat des Kantons Bern einen Vorstoss der Grünen Christine Häsler mit grossem Mehr überwiesen. Darin wird die Errichtung eines Fonds gefordert, der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Notlagen helfen soll. Auch Regierungsräte von Bern, Luzern und Basel-Landschaft haben sich für einen solchen Härtefallfonds ausgesprochen.

Erst weggesperrt – und nun ohne Rente

Aber auch Institutionen wie die Invalidenversicherung müssten über die Bücher. Das zeigt der Fall von Hans-Jörg Klauser, der in diversen psychiatrischen Anstalten und von 1973 bis 1976 in der Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain «versorgt» worden war. Trotz psychischen Problemen und starken Rückenschmerzen arbeitete er als Wachmann und bezog eine Teilrente der IV. Anfang dieses Jahres wurde dem 58-Jährigen die Rente nun gestrichen – er könne wieder voll arbeiten, war die lapidare Begründung der IV. Den jungen Klauser sperrte der Staat in Anstalten, weshalb er keine Lehre machen konnte. Mit bald 60 schickt derselbe Staat ihn zurück in den Arbeitsmarkt und sagt ihm, er solle trotz psychischen Problemen und Rückenbeschwerden gefälligst weiterarbeiten.

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