Zürich will wissen, wieso Männer und Frauen bis 1981 ohne Urteil weg­gesperrt wurden, nur weil sie als «liederlich», «arbeitsscheu» oder «verwahrlost» galten. Deshalb beauftragt Stadtrat Martin Waser einen Historiker, der alle Fälle von adminis­trativen Versorgungen wissenschaftlich aufarbeiten soll.

Doch nicht nur das: Die Stadt will Betroffenen eine Wiedergutmachung leisten, wenn auch nur eine symbolische. «Das kann ein persönliches Gespräch mit Stadtrat Waser sein, aber auch eine finanzielle Überbrückungshilfe für Leute in Not», sagt Peter Walter, Leiter des Rechtsdienstes des Zürcher Sozialdepartements.

Bern und Luzern ziehen mit

Im Fall von Ursula Biondi hat die Stadt bereits Wiedergutmachung geleistet. Biondi wurde 1967 von den Vormundschaftsbehörden im Frauengefängnis Hindelbank versorgt, obwohl die damals 17-Jährige nie eine Straftat begangen hatte. Sie war nur von zu Hause ausgerissen und unehelich schwanger geworden. Biondis Mutter musste für den Gefängnisaufenthalt ­ihrer Tochter Tausende von Franken zahlen. Als Wiedergutmachung hat die Stadt der 81-Jährigen ein Pflegebett für rund 8000 Franken finanziert (siehe Artikel zum Thema «Administrativ Versorgte: Es geht voran mit der Rehabilitierung»). Jetzt richtet ­Zürich einen Aufruf an alle, die von Stadtzürcher Behörden ­administrativ versorgt wurden (siehe nachfolgender «Aufruf»).

Das entschlossene Handeln des Zürcher Stadtrats Martin Waser ist nicht selbstverständlich. Chur zum Beispiel hat es abgelehnt, die administrativen Versorgungen aufzuarbeiten. Und ein Härtefonds, der auch finanzielle Entschädigungen leisten könnte, könne «nur auf Bundesebene, allenfalls auf kantonaler Ebene erfolgen», beantwortete der Churer Stadtpräsident Christian Boner im November 2010 einen parlamentarischen Vorstoss.

Ähnlich äusserte sich bereits im September die Stadtberner Regierung: Die knappen Finanzen würden es nicht ­erlauben, einen Historiker zu ­beauftragen. Ein Härtefonds sei zwar sinnvoll, aber die Stadt Bern wolle erst Geld sprechen, wenn die Kantone und der Bund entsprechende Schritte unternehmen.

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Das ist jetzt in Vorbereitung: Die Kantone Bern, Luzern und Baselland wollen im Rahmen der Konferenz der Kantons­regierungen einen Härtefonds für administrativ Versorgte ­einrichten.

Aufruf

Wer von Behörden der Stadt Zürich administrativ versorgt wurde, melde sich bitte bei:

Sozialdepartement der Stadt Zürich
Sekretariat Zentrale Verwaltung
Administrative Versorgungen
Verwaltungszentrum Werd
Postfach
8026 Zürich
E-Mail: alice.groner@zuerich.ch
Telefon 044 412 60 22
(Bitte jeweils Beobachter-Artikel erwähnen)