Der Anlass ist ein wichtiger Schritt zu einer moralischen Wiedergutmachung für all jene Männer und Frauen, die als «Liederliche», «Verwahrloste» oder «Arbeitsscheue» von Behörden in Gefängnissen oder Arbeitserziehungsanstalten versorgt wurden, ohne dass sie je straffällig geworden wären. In der Schweiz war dies bis 1981 gängige Praxis. Zehntausende landeten so ohne kriminelle Tat hinter Schloss und Riegel.

Eine von ihnen ist Ursula Biondi, die 1967 als 17-Jährige von Zürcher Vormundschaftsbehörden nach Hindelbank eingewiesen wurde. Ihre Geschichte hatte der Beobachter im Herbst 2008 öffentlich gemacht und damit gemeinsam mit Biondi die Diskussion um die administrativ Versorgten ins Rollen gebracht. Im kommenden August erscheint ein Beobachter-Buch, in dem das Thema umfassend aufgearbeitet wird.

Es geht der Frage nach, weshalb selbst 14-jährige Mädchen und Knaben, die nie straffällig geworden waren, mit Straftäterinnen und Straftätern zusammen eingesperrt wurden. Und es thematisiert, wieso es so lange dauerte, bis diese Praxis abgeschafft wurde, und welche Lehren daraus zu ziehen sind. Das Buch wird nicht nur Betroffene zu Wort kommen lassen, sondern auch Verantwortliche von damals. So zeichnet es ein Sittengemälde einer unbekannten Schweiz, die noch gar nicht so lange Vergangenheit ist.