Noch immer hofft Marlene Häsler, wenigstens einmal im Leben ihren Sohn Markus zu sehen. Vor 46 Jahren haben ihr die Behörden das Baby vom Spitalbett weg aus den Armen gerissen und zur Adoption freigegeben. Auch Adelheid Weber würde gerne ihren 39-jährigen Sohn Beat umarmen, den man ihr nach der Geburt weggenommen hat. Doch bisher waren all ihre Bemühungen vergeblich: Tut uns leid, wir können Ihnen nicht weiterhelfen, beschieden ihr die Behörden. «Was soll ich noch weiter bohren? Die sagen mir sowieso nichts», sagt sie verbittert.

Warten, bis das Kind sich meldet
Tatsächlich haben diese Mütter geringe Chancen, ihre Kinder zu finden. Oft mauern schon die Amtsstellen in den Gemeinden - auch aus dem einfachen Grund, weil die Behörden nicht wissen, ob sie überhaupt Akten herausgeben dürfen. Sie berufen sich auf das im Gesetz verankerte Adoptionsgeheimnis.

Dieses besagt, dass nur die adoptierten Kinder und die Adoptiveltern gesetzlich Anspruch darauf haben, die Identität der leiblichen Eltern zu erfahren. Umgekehrt gilt das nicht. Den «gefallenen Mädchen», die bis in die siebziger Jahre ihre Kinder zur Adoption freigaben - vielfach unter enormem Druck von Eltern, Spitalfürsorgerinnen, Heimleiterinnen oder Vormündern -, bleibt oft nichts anderes übrig, als zu warten, dass sich ihr Kind bei ihnen meldet.

Schuldgefühle überschatten häufig das Leben dieser Frauen. Sie wollen ihrem Kind wenigstens die Umstände erklären, die zur Adoption führten. Es ist gut vorstellbar, dass viele der betroffenen Kinder gar nicht wissen, dass sie adoptiert sind. Oder es wurde ihnen erzählt, was für eine Rabenmutter die leibliche Mutter sei -, ohne dass diese je die Chance erhalten hätte, das falsche Bild zu korrigieren.

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Das Geheimnis durchbrechen
Deshalb fordert Professor Christoph Häfeli, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern, eine Gesetzesänderung: «Den leiblichen Eltern sollte ein Anspruch auf Kenntnis der Personalien ihrer adoptierten Kinder zuerkannt werden, wenn deren Erziehung und Ausbildung abgeschlossen ist.» Häfeli stützt sich auf eine Dissertation von René Locher aus dem Jahr 1993. Das Adoptionsgeheimnis macht laut dieser Studie durchaus Sinn: Es bezweckt, dass sich die leiblichen Eltern nicht in die Erziehung der Adoptivfamilie einmischen; die neue Familie soll sich unabhängig von den leiblichen Eltern entwickeln können. Allerdings heisse das nicht, dass diese Geheimhaltungspflicht für immer gelte: «Sie ist nur so lange von Bedeutung, wie die Erziehung durch die Adoptiveltern andauert.» Danach bestehe kein Grund mehr, am Adoptionsgeheimnis festzuhalten.

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Die Beobachter-Artikel über das Leid der ledigen Mütter haben ein riesiges Echo ausgelöst - auch auf politischer Ebene. Die Zürcher CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl kennt das Thema aus nächster Nähe: «Ich habe all das hautnah miterlebt», erzählt sie. «Diese Frauen, die oft unter Druck ihre Babys zur Adoption freigaben, sollen jetzt wenigstens die Möglichkeit erhalten, ihre Kinder kennen zu lernen.»

Zapfl will rasch handeln: In der Juni-Session wird sie im Parlament eine entsprechende Motion einreichen, damit das Gesetz geändert wird. «Ist das Adoptivkind erwachsen und einverstanden, sollen die leiblichen Mütter ihre Kinder kontaktieren dürfen.»