Beobachter: Ledige Mütter – sagen Ihre Akten etwas zu diesem Thema?
Charlotte Christener-Trechsel: Früher wurde mit ledigen Müttern ganz anders umgegangen als heute: Oft wurden sie zu einer Adoptionsfreigabe gedrängt – allein aufgrund der Tatsache, dass sie nicht verheiratet waren. Ich erinnere mich auch an ein Dossier, in dem stand, die junge Kindsmutter sei debil. In Wirklichkeit passte sie wohl einfach nicht ins Schema – wie so viele der betroffenen Frauen. Es finden sich in den Dossiers nicht selten Eintragungen wie «führt einen liederlichen Lebenswandel» oder «empfängt Herrenbesuche». Ziemlich respektlose Bemerkungen also.

Beobachter: Suchten leibliche Mütter bei Ihnen auch schon ihr zur Adoption freigegebenes Kind?
Christener-Trechsel: Ja, das kommt vor, wenn auch sehr selten.

Beobachter: Hat denn die leibliche Mutter eine Chance, an Akten heranzukommen?
Christener-Trechsel: Nein, an die Adoptionsakten kommt sie nicht heran. Das Gesetz schützt die Adoptivfamilie. Aber wenn das Kind erwachsen ist, sind wir bereit zu vermitteln. Dann fragen wir zuerst die Adoptiveltern, ob ihr Kind überhaupt weiss, dass es adoptiert wurde. Dies war früher nicht selbstverständlich. Erst seit dem neuen Adoptionsrecht von 1973 und einem Bundesgerichtsentscheid von 1981 sind die Adoptiveltern verpflichtet, das Kind bis spätestens zum 14. Lebensjahr aufzuklären. Dann fragen wir die Adoptiveltern an, ob sie an einem Kontakt interessiert sind.

Beobachter: Und wenn die Adoptiveltern Nein sagen?
Christener-Trechsel: Dann können wir keinen Kontakt herstellen. Wenn umgekehrt das volljährige Adoptivkind seine leiblichen Eltern sucht, spielt das Adoptionsgeheimnis keine Rolle, und wir müssen die Adoptiveltern nicht fragen. Es kommt häufig vor, dass die Adoptiveltern davon gar nicht wissen.

Beobachter: Wohin können sich betroffene Mütter denn wenden?
Christener-Trechsel: Seit der Revision des Adoptionsrechts gibt es in jedem Kanton eine zentrale Adoptionsbehörde. Ausserdem kann man sich an die Schweizerische Fachstelle für Adoption in Zürich wenden.

Beobachter: Sind Gemeindebehörden verpflichtet, leiblichen Müttern oder Adoptivkindern Akteneinsicht zu gewähren?
Christener-Trechsel: Bei den Gemeindebehörden werden seit 1973 keine Adoptionsdossiers mehr aufbewahrt, sondern nur noch Akten betreffend Vaterschaftsabklärung, Vormundschaft und Platzierung. Diese Dossiers müssen den direkt Betroffenen gezeigt werden. Allerdings können und müssen die Behörden Daten Dritter anonymisieren; das ist manchmal eine sehr komplizierte Aufgabe.

Beobachter: Erhält heute ein ausserehelich geborenes Kind noch einen Vormund?
Christener-Trechsel: Nein, diese Praxis wurde 1978 mit der Revision des Kindsrechts abgeschafft. Wenn es nötig ist, erhält das Kind jedoch einen Beistand. Es ist für die Mütter eine Entlastung, wenn sie sich nicht selbst um Vaterschaftsanerkennung und Alimente kümmern müssen.

Beobachter: Haben heute die betroffenen Mütter ein Widerrufsrecht?
Christener-Trechsel: Eine Mutter darf heute frühestens sechs Wochen nach der Geburt ihr Kind zur Adoption freigeben. Nach dem Verzicht hat sie nochmals sechs Wochen lang die Möglichkeit, den Entscheid zu widerrufen.

Beobachter: Warum hat man vor 40 Jahren den Müttern nicht vorübergehend einen Pflegeplatz für ihr Kind angeboten, statt dieses für immer zur Adoption freizugeben?
Christener-Trechsel: Das war wohl gesellschaftlich bedingt: Aussereheliche Mutterschaft war verpönt. Zudem war es ein finanzielles Problem, denn der Sozialstaat war noch nicht so ausgebaut wie heute. Und es herrschten noch konservative Familienideen vor: Der Vater arbeitet, die Mutter besorgt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder. Wenn dieses Schema durchbrochen wurde, dann wollten die Behörden das Problem möglichst «schlank» lösen. Heute ist das anders: Die Behörden versuchen das Möglichste, damit ein Kind mit seinen leiblichen Eltern aufwachsen kann.