Als es langsam eindunkelt, macht sich Käthi Witschi mit Herzklopfen auf den Weg. Nach über dreissig Jahren soll sie an diesem Freitag ihren früheren Pflegesohn Ernst Spichiger wiedersehen. Das Treffen findet bei einem Galeristen statt, wo Spichiger, der als Künstler arbeitet, seine Bilder ausstellt. Im Gemeindeblatt von Bowil BE hat der Maler zur Vernissage geladen. Insgeheim hat Spichiger gehofft, seine Pflegemutter werde der Einladung folgen, obwohl die beiden damals im Streit auseinander gegangen sind.

Spichiger war 1962 von der Amtsvormundschaft zu den Witschis gebracht worden, im Rahmen der Aktion «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse». Das Hilfswerk, 1926 lanciert von der Pro Juventute und unterstützt von Bund, Kantonen und Gemeinden, verfolgte das Ziel, die Schweizer Fahrenden sesshaft zu machen. Etwa 2000 «Vagantenkinder» wurden aus ihren Familien gerissen, unter Vormundschaft gestellt und bei Pflegeeltern oder in Heimen und Anstalten untergebracht. Die Aktion wurde erst 1973 beendet, nachdem der Beobachter das Vorgehen scharf kritisiert hatte.

Aufgewühlt wartet Ernst Spichiger bei der Galerie aufs Eintreffen der Gäste. Die Gemeindebehörden sind gekommen, auch einer seiner ehemaligen Lehrer. Da sieht Spichiger eine Frau auf sich zukommen, die er gleich erkennt: Käthi. Schweigend gehen sie aufeinander zu, reichen sich die Hand. «Schön, dass du gekommen bist», sagt Spichiger. «Schön, dich wiederzusehen», antwortet Käthi Witschi stockend. Auch jetzt, im April 2000, drückt die Last der Vergangenheit schwer.

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Spichigers Kindheit war geprägt von ständiger Verfolgung. Die Eltern lebten im Wohnwagen. Mit dem Hilfswerk wurden sie bereits vor Spichigers Geburt 1951 konfrontiert. Der Leiter des Hilfswerks, Alfred Siegfried, hatte angewiesen, den Eltern Ernst und seine Geschwister wegzunehmen. Begründung laut Aktennotiz: Die Fahrenden seien «leichtfertige, schlecht beleumdete Leute», die sich «nie um ihre Kinder bekümmert» hätten.

Mutter Spichiger war noch schwanger, als sie von der Polizei verhaftet wurde. Nach der Geburt von Ernst gelang ihr trotz Bewachung die Flucht. Doch es dauerte nicht lange, bis die Häscher die Familie wieder aufgestöbert hatten. Ernst wurde von der Mutter getrennt – es folgte eine Odyssee von einem Heim ins nächste, von einer Familie zur anderen. Säuglingsheim in Chur; Bauernfamilie in Heiden; Jugendheim in Bern; Pflegefamilie in Bern; zurück ins Jugendheim; psychiatrische Anstalt Waldau; Pflegefamilie in Schönried; Kinderheim in Münchenbuchsee – 1962 kam Spichiger zur Familie Witschi.

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Der Fall zeigt exemplarisch, wie hartnäckig das Hilfswerk die jenischen Familien zerstören wollte. Um zu den Mündeln zu kommen, war jedes Mittel recht: Nötigungen, Polizeigewalt, zweifelhafte psychiatrische Gutachten. Einmal bei Pflegeeltern oder in Heimen untergebracht, verhinderte das Hilfswerk gezielt jeden Kontakt zur fahrenden Familie. Briefe wurden beschlagnahmt, Besuche vereitelt, die Zöglinge häufig umplatziert. Manches Kind fühlte sich im Stich gelassen – ohne zu wissen, dass es von Vater und Mutter fieberhaft gesucht wurde.

Der ehemalige Beobachter-Redaktor Hans Caprez hatte den Skandal 1972 aufgedeckt. Er erinnert sich, wie er Ende der achtziger Jahre das Pro-Juventute-Archiv einsehen konnte: «Man zeigte mir ganze Berge von Briefen und Fotos, die Kinder an ihre Eltern geschickt hatten oder umgekehrt. Sie waren vom Hilfswerk abgefangen worden und hatten ihr Ziel nie erreicht. Das war ein erschütterndes Bild.» Auch bei Spichiger wurde versucht, Eltern und Kinder zu isolieren. In einem Brief an den Vormund schrieb Hilfswerkleiter Siegfried 1954, «dass in diesem Fall alles getan werden sollte, um den Kontakt mit den Eltern zu unterbinden». Wörtlich heisst es: «Frau Spichiger ist nämlich wirklich eine ausserordentlich schlechte Mutter.» Die Folge: Jedes Mal, wenn Spichiger zu einem neuen Pflegeplatz kam, liess die Vormundschaft ausrichten, es handle sich um ein Waisenkind ohne Angehörige. Spichiger selber wurde eingeschärft, nichts von seiner Herkunft zu erzählen, sonst komme er wieder ins Heim.

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Kind sein mit einer Lüge
So war es auch bei Käthi Witschi. Eines Tages sei «ein Fräulein von der Amtsvormundschaft» gekommen und habe gesagt, es suche einen Platz «für ein Waisenkind», erinnert sich die Witwe. «Das haben wir geglaubt und mit ihm unser Bestes versucht.» Trotzdem sei es nach kurzer Zeit zu Spannungen gekommen, Ernst sei häufig ausgerissen, habe rebelliert und sich zurückgezogen. Nach der Schule, nach sechs harten Jahren in Bowil, kam Spichiger zu einer neuen Familie. Im Vormundsbericht von 1970 steht: «Am 30. April 1968 verabschiedete sich Ernst von seinen Pflegeeltern – trotz seinem oft rüpelhaften Benehmen nicht ohne Tränen.»

Exakt 32 Jahre später fliessen wieder Tränen. Am Eingang zur Galerie nimmt Spichiger Anlauf, der Pflegemutter die Wahrheit zu sagen. Dass er kein Waisenkind gewesen sei, dass Mutter und Vater ihn oft heimlich besucht hätten, dass er ständig nach den Brüdern und Schwestern Ausschau gehalten habe und nicht fähig gewesen sei, zu Witschis Vater und Mutter zu sagen, wie es die Vormundschaft wollte, weil seine leiblichen Eltern noch lebten. «Verstehst du jetzt?» Käthi Witschi ist fassungslos, kämpft mit den Tränen.

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Seit diesem ersten Treffen haben Ernst Spichiger und Käthi Witschi versucht, gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten – und pflegen heute «einen herzlichen Kontakt», wie Spichiger sagt. «Ich habe die Versöhnung gesucht und gefunden. Mir würde heute etwas fehlen, wenn ich Käthi nicht hätte.» Die Bäuerin hatte Mühe, die Wahrheit zu verdauen, machte sich Vorwürfe. «Nun aber verstehe ich, warum Ernst sich damals so aufgelehnt hat. Das Ganze war auf einer Lüge aufgebaut – das konnte nicht gut gehen.»

Den Skandal aufzuarbeiten war nicht nur für Spichiger, sondern für alle Betroffenen mühsam. Als das Hilfswerk 1973 aufgelöst wurde, wies Pro Juventute jede Kritik zurück. Bereits damals forderte der Beobachter eine umfassende Untersuchung. 1975 gründeten die Jenischen die «Radgenossenschaft», um ihre Interessen besser durchzusetzen. Doch ein Teil der Akten war vernichtet worden, der Rest blieb unter Verschluss, so dass die ganze Tragweite der Verfolgung erst in den achtziger Jahren publik wurde. 1982 entschuldigte sich Pro Juventute bei den Jenischen, der Bundesrat vier Jahre später.

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Nachdem der Beobachter weitere Fakten enthüllt hatte, beschloss das Parlament 1986 eine Studie. 1990 folgte eine weitere Vertröstung des Bundesrats. Elf Millionen Franken wurden als Wiedergutmachung bereitgestellt. Die Betroffenen erhielten eine Abfindung von maximal 20'000 Franken, dann wurde der Fonds geschlossen. Es gibt aber noch Opfer, die nichts oder sehr wenig erhalten haben.

1998 erschien die versprochene Studie, die wegen des knappen Budgets nur die Akten der Pro Juventute analysieren konnte. Doch das Fazit war eindeutig: Den Jenischen sei «durch schwere Demütigungen, durch Diskriminierung und unsäglichen psychischen und physischen Zwang grosses Unrecht angetan, wenn nicht allergrösster Schaden zugefügt worden».

Halt finden in der Malerei
Eine gründliche Befragung der Betroffenen sowie die Analyse weiterer Dokumente bei Kantonen, Gemeinden und Hilfswerken sind bis heute, obwohl von den Jenischen mit Nachdruck verlangt, nicht erfolgt. Die Eidgenossenschaft hat den Skandal nur halbwegs untersucht. Dabei hatte der Bund eine aktive Rolle gespielt; im Stiftungsrat der Pro Juventute sassen Bundesräte, auch bewilligte das Parlament Jahr für Jahr Subventionen.

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Zwischen 1930 und 1967 flossen insgesamt eine halbe Million Franken in die Hilfswerkkasse. Was mit dem Geld passierte, wurde nicht geprüft. Der Staat vernachlässigte seine Aufsichtspflicht und liess das Hilfswerk frei walten. Dabei hätte es genug Gründe zum Einschreiten gegeben: Nicht nur waren die Bevormundungen oft illegal, auch klagten viele Betroffene über sexuelle Übergriffe durch Pflegeväter, Heimpersonal und Vormundschaftsvertreter. Bis heute ist keiner der Täter je verurteilt oder bestraft worden.

Nicht allen gelang es, die Vergangenheit so gut zu verarbeiten wie Ernst Spichiger. Die Beratungsstelle Naschet Jenische betreut Opfer, die Angehörige suchen oder an traumatischen Erlebnissen leiden. Naschet-Sprecher Samuel Woodtli: «Viele sind krank, invalid, psychisch angeschlagen; die Langzeitfolgen des Hilfswerks sind immer noch spürbar.»

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Stefania Stoffel ist so ein Beispiel. Die 68-Jährige wurde mit zwölf Jahren von den Eltern getrennt und bei Familien und in Heimen untergebracht. 1949 landete sie für neun Monate in der Strafanstalt Bellechasse FR – ohne etwas verbrochen zu haben, ohne richterliche Verfügung. Auch sie berichtet von sexuellen Misshandlungen. 19-jährig wurde sie von einem Pflegevater schwanger und musste ihn heiraten.

Zu ihren fünf Kindern und elf Grosskindern habe sie heute «überhaupt keinen Kontakt mehr», sagt Stoffel. Sie habe versucht, wieder eine Beziehung aufzubauen, doch sei sie gescheitert. «Es ist zu viel kaputtgegangen. Wer einmal ein gestempelter Mensch ist, bleibt es für immer.» Die Akten der Pro Juventute bewahrt sie zwar noch zu Hause auf, doch am liebsten würde sie «alles wegwerfen». Denn «gewisse Sachen kommen immer wieder hoch».

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Einmal, im Herbst 1999, hatte auch Stefania Stoffel versucht, ehemalige Pflegeeltern und Vormundspersonen wieder zu treffen. Sie prallte gegen eine Mauer des Schweigens. Entweder mochten sich die betagten Peiniger nicht mehr erinnern oder wollten von der Vergangenheit nichts mehr wissen; zu einer Versöhnung kam es im Gegensatz zu Ernst Spichiger nicht.

Nach dem Weggang vom Hof Witschi wurde Spichiger 1971 volljährig. Die Vormundschaft ging zu Ende. Zunächst konnte er sich nicht mehr orientieren.

«Ich hatte meine Wurzeln verloren.» 1992 konnte er seine Akten einsehen. «Das war furchtbar, ich hätte mich am liebsten umgebracht.» Die Grossmutter, die Mutter und einen Bruder fand er auf dem Friedhof. Vom Vater und vom zweiten Bruder fehlt jede Spur. Heute findet Spichiger Halt in der Malerei – und in einem Arbeitsprojekt für Fahrende, das er mit grossem Einsatz verfolgt.

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Tatsächlich kämpfen die Jenischen heute nach wie vor in vielen Bereichen gegen Vorurteile und für eine bessere Zukunft. Viel hat sich nicht getan – die Perspektive für die Jenischen sieht heute kaum besser aus als früher. Das neuste Beispiel: Am 5. Dezember 2001 hat es der Ständerat abgelehnt, die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation zu ratifizieren. Das Abkommen betrifft den Schutz von Urvölkern und würde auch den Fahrenden einen weitreichenden Minderheitenstatus gewähren.

Über die Ablehnung der Konvention zeigt sich May Bittel, Sprecher der Action Sinti et Jenisch Suisse, enttäuscht. Von seinem Wintercamp bei Céligny GE aus engagiert sich der Zigeunerpastor und Flohmarkthändler für die Fahrenden. Meist lebt er mit den vier Kindern und sieben Grosskindern zusammen. Sommers geht es auf Wanderschaft. «Wir haben unsere Kultur bewahrt, weil wir dem Hilfswerk entkommen konnten», sagt Bittel. Der Vater sei immer rechtzeitig weitergezogen, bevor die Verfolger zupacken konnten.

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Nun kämpft Bittel für die Besserstellung der Zigeuner. Nicht nur hat er sich für die Konvention zugunsten der Urvölker eingesetzt, auch hat er kürzlich wegen Diskriminierung bis vor Bundesgericht prozessiert. Der Grund: Der Kanton Waadt hatte ohne Wissen der Betroffenen beschlossen, drei provisorische Standplätze zu errichten. Bittel befürchtete, es könnten «Zigeunergettos» entstehen und die Fahrenden dürften sich künftig noch weniger frei bewegen.

Eine Kultur ohne Platz
«Wir haben in der Schweiz das Recht zu fahren, aber nicht das Recht anzuhalten», ärgert sich der stämmige Mann. In deutlichen Worten spricht er von Vorurteilen, die noch immer bestünden; von den Schwierigkeiten, einen Platz für den Wohnwagen zu finden; vom Verlust von Sprache und Kultur. «Die Verfolgung geht weiter», sagt er. «Jetzt nimmt man nicht mehr die Kinder aus dem sozialen Umfeld heraus – man zerstört das Umfeld.»

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Von 35'000 Jenischen sind heute nur noch etwa 3000 tatsächlich Fahrende. Es fehlt vor allem an Standplätzen. «Wie soll die Akzeptanz erhöht werden, wenn wir nicht offiziell als Minderheit anerkannt sind», kritisiert Bittel. Hier sei das Parlament gefordert. Voraussichtlich wird es die Konvention 169 noch einmal behandeln müssen. Paul Fink, BAK-Sprecher, meint dazu: «Wir würden eine Ratifizierung begrüssen.» Man sei sich bewusst, dass nur «eine anspruchsvolle Überzeugungsarbeit» zum Ziel führen werde, die jenische Kultur nachhaltig zu sichern.

Bis jetzt sind das nicht mehr als schöne Worte. Im Unterschied zu den Sprachgruppen werden die Jenischen in der Bundesverfassung nicht geschützt.

Der ehemalige Beobachter-Redaktor Hans Caprez meint dazu: «Wir haben in der Schweiz etwa gleich viele Rätoromanen wie Jenische – warum nicht auch diese Minderheit offiziell anerkennen?» Also wohl weiter ein Fall für den Beobachter – auch für die nächsten Jahrzehnte.

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