Eveline Kuster* war in den sechziger Jahren im damaligen Waisenhaus Winterthur misshandelt und missbraucht worden. Im «grünen Gang», im Keller des Kinderheims, schlug der Waisenvater das Kind regelmässig windelweich. Zweimal musste es mit Verletzungen ins Spital eingeliefert ­werden. Nachts holte er es aus dem Gruppenschlafraum und missbrauchte es in einem unbenutzten Kämmerlein – über Jahre hinweg.

«Es war ein schwerer Schritt»

Zwei Jahre nachdem Eveline Kuster im Beobachter mit anderen Betroffenen ihre Geschichte erzählt und von den bedenklichen Zuständen in Schweizer Kinderheimen der sechziger und siebziger Jahre ­berichtet hatte, macht Winterthur einen wichtigen Schritt: Eine Arbeitsgruppe soll die ­Geschichte der Kinderheime und der vormundschaftlichen Fremd­platzierung ausleuchten. 2013 will sich der Stadtrat an ­einem Anlass für Ehemalige im heutigen Kinder- und Jugendheim Oberi in «würdigem Rahmen» offiziell entschuldigen, wie der Stadtrat in einem Brief an Eveline Kuster ankündigt.

«Wir sind schockiert und tief betroffen über diese Ereignisse und das Ihnen und anderen damaligen Kindern angetane Leid», schrieb Stadtpräsident Ernst Wohlwend. «Wenn wir von einer Wiedergutmachung sprechen, kann sie höchstens symbolisch sein.» Denn eine «echte Wiedergutmachung des Leids, das Sie ­erfahren haben», sei nicht mehr möglich, so Stadtpräsident Wohlwend.

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Eveline Kuster, die nach ­ihrer leidvollen Erfahrung bis heute staatlichen Stellen misstraut, ist erfreut: «Es war für mich ein schwerer Schritt, zu meiner Geschichte zu stehen. Aber ich bereue es nicht, es hat mir geholfen.» Die heute 60-Jährige will den Betrag von 5000 Franken einer bedürftigen Familie zukommen lassen.

Eine Gruppe von 30 Forschern verlangt nun in einer Resolution, dass solche Fremdplatzierungen und fürsorgerischen Zwangsmassnahmen für die ganze Schweiz umfassend aufgearbeitet werden.