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Jenische«Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen»

Innenministerin Ruth Dreyfuss über das weitere Vorgehen im Fall «Kinder der Landstrasse»

Beobachter: Die Studie über das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» wurde den Kantonen zur Vernehmlassung zugestellt. Was für Reaktionen sind bei Ihnen eingetroffen?
Ruth Dreifuss: Das Echo ist erfreulich positiv. Die Kantone – eine Antwort fehlt noch – haben die Studie als wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der damaligen Ereignisse gewürdigt. Sie sei wichtig, um die Bevölkerung zu sensibilisieren, damit so etwas nie wieder vorkommen könne. Der Bericht zeige, dass man auch heute den Umgang mit Minderheiten ernst nehmen müsse.

Beobachter: Damit unterstützen die Kantone die Forderung der Opfer, die Tätigkeit des Hilfswerks restlos aufzuklären. Was dürfen die Betroffenen nun erwarten?
Dreifuss: Obwohl das Interesse vieler Kantone, insgesamt sind es elf, gross ist, fühlen sie sich überfordert, eigene Studien durchzuführen. Sie haben aber klar signalisiert, bei der Suche nach Dokumenten mitzuhelfen und nach Möglichkeit die Archive zu öffnen.

Beobachter: Die Autoren der Studie bemängeln, die Vernehmlassung sei zu unverbindlich – besser hätte der Bund konkrete Aufträge erteilt und finanziert.
Dreifuss: Solches liegt nicht in unserer Kompetenz, dafür braucht es Fachleute. Wichtig ist, dass wir als politische Instanz die Richtung anzeigen und klar den Willen ausdrücken, dass dieses Kapitel für uns noch nicht geschlossen ist. Wir haben jetzt eine produktive Vernetzung erstellt zwischen den Bundesstellen, den Opfern, der Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende» und nun auch den Kantonen.

Beobachter: Und die Rolle der Gemeinden?
Dreifuss: Das ist eine Frage der Zuständigkeit. Die Kantone regeln die Kompetenzen sehr unterschiedlich. Doch von der Stimmung her, die in den Antworten vorherrscht, habe ich ein gutes Gefühl: Die Bereitschaft, etwas zu tun und sich dem Problem zu stellen, ist gross.

Beobachter: Damit liegt der Ball wieder bei Ihnen. Wie sieht der weitere Fahrplan aus?
Dreifuss: Wir werden die Vernehmlassung auswerten und publizieren. Elf Kantone haben den Wunsch geäussert nach einem weiteren Auftrag an die Forschung und nach einer Koordination mit allen Beteiligten. Wann weitere Studien erfolgen können, kann ich jedoch nicht sagen.

Beobachter: Viele Betroffene hoffen, der Bund werde sie für das Unrecht entschädigen. Die bisherige Wiedergutmachung war bescheiden. Sind jetzt weitere Zahlungen geplant?
Dreifuss: Die Entschädigung für die Opfer war klein, das stimmt. Der hierfür geschaffene Fonds ist ausgeschöpft, weitere Zahlungen sind nicht vorgesehen.

Beobachter: Heute ist erwiesen, dass der Leiter des Hilfswerks, Alfred Siegfried, wegen Unzucht mit Kindern verurteilt wurde, bevor er zur Pro Juventute stiess. Das wirft ein neues Licht aufs damalige Geschehen. Ist das nicht Grund genug, die finanzielle Hilfe zu erweitern?
Dreifuss: Nein, wir haben jetzt einfach die Bestätigung eines schon lang gehegten Verdachts. Für alles, was passiert ist, haben wir die Verantwortung wahrgenommen – mit einer bundesrätlichen Entschuldigung, mit der geleisteten Aufarbeitung, mit der einmaligen Wiedergutmachung. Unter sexueller Ausbeutung mussten damals neben Jenischen auch andere Benachteiligte in Heimen und Anstalten leiden. Das besondere Unrecht an den «Kindern der Landstrasse» ist jedoch der rassistische Hintergrund – die Jenischen wurden als Volksgruppe systematisch verfolgt.

Beobachter: Viele Betroffene leiden heute noch unter den sexuellen Verfehlungen, brauchen psychologische Hilfe, die sie zum Teil selber bezahlen müssen. Ist das gerecht?
Dreifuss: Ich sehe das nicht nur als Geldfrage an. Auf juristischem Weg weitere Hilfe zu erkämpfen dürfte schwer sein – auf Grund der Verjährungsfristen. Aber es geht vor allem darum, die Schuld voll anzuerkennen, was die Pro Juventute und der Bundesrat getan haben.

Veröffentlicht am 19. März 2001