Mit dem Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» hat die Pro Juventute bis 1973 über 580 Minderjährige den jenischen Familien entrissen, wie eine neue Studie des Nationalen Forschungsprogramms NFP51 zeigt. Einer der Autoren, der Historiker Roger Sablonier, kommt zum Schluss, dass auch die Aktenführung die Betroffenen schwer diskriminiert hat. Und dass es für die Aufzeichnung von heiklen Personendaten dringend gesetzliche und ethische Grundlagen braucht.

Beobachter: Herr Sablonier, bisher ging die Forschung davon aus, dass es mindestens 620 «Kinder der Landstrasse» gab. Jetzt hat man diese Zahl auf 586 korrigiert. Ist das Ausmass der Aktion damit definitiv erfasst?
Roger Sablonier: Ja, jedoch gilt diese Zahl nur für die Arbeit der Pro Juventute. Daneben führten andere Hilfswerke und Behörden auch Kindswegnahmen durch, so dass ein grosser Graubereich bleibt. Man muss also annehmen, dass es eine Anzahl Jenischer gab, die von anderen Stellen als vom Hilfswerk Pro Juventute fremdplatziert wurden.

Beobachter: Laut Ihrer Studie hat der Kanton Graubünden mehr als die Hälfte der Wegnahmen vorgenommen, der grosse Rest entfällt auf Tessin, St. Gallen und Schwyz. Hat die übrige Schweiz die Jenischen besser behandelt?
Sablonier: Nein, nicht unbedingt. Das Hilfswerk war einfach dort am aktivsten, wo die Behörden mitgemacht haben, und das war im Bündnerland sehr ausgeprägt. In der Romandie war man zurückhaltend mit den Ideen der Pro Juventute, in städtischen Gebieten wie Zürich hatte sie auch eher einen schweren Stand. Auf die vier genannten Kantone entfallen 90 Prozent der Wegnahmen, was zeigt, wie gut sich das System an diesen Orten eingespielt hatte. In anderen Regionen vermischte sich die sogenannte Vagantenverfolgung mit den Platzierungen der Heim- und Verdingkinder.

Beobachter: Im Bündnerland haben die Behörden die Verfolgung so aktiv betrieben wie sonst nirgends. Müsste von dieser Seite jetzt eine offizielle Entschuldigung folgen?
Sablonier: Das kann die Forschung nicht fordern, das ist Sache der Politik. Was man aber sicher sagen kann: Wir müssen jetzt alle möglichen Massnahmen treffen, damit sich ein solcher Skandal nicht wiederholen kann. Ausschluss passiert auch heute; man denke nur an den Umgang mit Sozialhilfebezügern oder Migranten. Diese werden auch überall in Akten und Dateien erfasst. Fürs Erstellen solcher Dossiers braucht es endlich gesetzliche Regelungen und ethische Leitlinien. Unsere Studie hat gezeigt: Die Jenischen hatten nicht nur unter der eigentlichen Verfolgung zu leiden, sondern auch unter der Aktenführung.

Beobachter: Wie das?
Sablonier: Ein grosser Teil der Stigmatisierung ist durch diese Akten passiert, denn sie stellten eine ganze Volksgruppe als minderwertig dar. Und die damalige Wissenschaft hat dies auch noch unterstützt. Diesem dunklen Kapitel Schweizer Geschichte müssen wir uns stellen - und dürfen es nicht einfach vergessen.

Beobachter: Neben der Pro Juventute gab es andere Hilfswerke, die bei der Verfolgung zentral waren, etwa das Kinderhilfswerk des Kapuzinerordens, das Seraphische Liebeswerk. Doch dort weigert man sich nach wie vor, die Archive zu öffnen. Was ist zu tun?
Sablonier: Auch hier ist der Gesetzgeber gefordert: Ich finde, dass die Aktenführung privater Institutionen, die im Fürsorgebereich im Auftrag des Staates handeln, besser kontrolliert werden muss. Alle müssen verpflichtet werden, ihre Akten transparent zu führen und bei Bedarf zu öffnen.

Die Studie «Aktenführung und Stigmatisierung. Institutionelle Ausschlussprozesse am Beispiel der Aktion ‹Kinder der Landstrasse› 1926-1973» ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms NFP51 «Integration und Ausschluss» und stammt von Roger Sablonier, Thomas Meier und Sara Galle. Weitere Infos: www.nfp51.ch


Quelle: Martin Heimann/«Neue Zuger Zeitung»
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