Nelly Haueter, 79, eines der im Beobachter (siehe Artikel zum Thema Verdingkinder: «Du chasch nüüt, du bisch nüüt, us dir gits nüüt») porträtierten ehemaligen Verdingkinder, hat einen überraschenden Brief erhalten. Nachkommen ihres damaligen Pflegevaters – Haueter nannte ihn nur den «Sklaventreiber» – haben sich bei ihr gemeldet. Sie haben «mit Schrecken» den auf der Fotografie abgebildeten Bauernhof erkannt. «Der Übeltäter muss Herr Heimberg gewesen sein, er war der Urgrossvater meines Mannes Stefan», schreibt ihr Nelly Hurni, die Ehefrau des Urenkels. «Es tut uns so leid, was damals mit Ihnen passiert ist.» Sie lädt Nelly Haueter ein, ihre Familie zu besuchen. Die 79-jährige Rentnerin freut sich sehr und nimmt die Einladung von Hurnis gerne an.

Nelly Haueter musste in der Zwischenzeit aber auch Unerfreuliches erfahren. Sie hat sich mittlerweile die Vormundschaftsakten beschafft, was ziemlich mühsam war, wie sie sagt. Sie habe der Gemeindeverwaltung mehrmals telefonieren müssen, um Auskunft zu erhalten. «Ich habe nicht lockergelassen.» Dabei musste sie sich Fragen gefallen lassen wie: «Wozu brauchen Sie denn diese Akten überhaupt?» «Ich sagte, ich wolle herausfinden, warum ich damals als Siebenjährige weggegeben wurde.»

Die bittere Wahrheit in den Akten
Schliesslich hat sie die Kopien ihrer Akten erhalten. Diese geben eine bittere Wahrheit preis. Nelly Haueters Eltern pendelten zwischen Gefängnis, Armenanstalt und einem Leben in Freiheit, wo die Mutter als Küchenmädchen und der Vater als Knecht arbeitete. «Ich schäme mich für meine Eltern.» Offenbar drohte ihr Vater den Behörden mit Selbstmord. Der Präsident der Armenkommission schrieb 1936: «Die Drohungen mit dem In-den-Tod-Gehen sind nicht ernst zu nehmen. Die Drohungen gegenüber Drittpersonen schon eher. Ich führe dies der geistigen Minderwertigkeit dieser Leute zu.» Die Vormundschaftsbehörde «hat deshalb angeordnet, dass beide wieder interniert werden müssen. (…) Frau B. (Nellys Mutter) wird kaum mehr aus der Armenanstalt entlassen werden, wenn sie weiter intrigiert, so wird ihr unweigerlich Hindelbank sicher sein.»

In den Akten sind auch die Schicksale von Nelly Haueters Geschwistern aufgelistet. So ertrank etwa ihre Schwester Minna als Kleinkind an ihrem Pflegeplatz in Ipsach BE im Güllenloch.

Johanna Schmassmann hat sich seit dem Bericht im Beobachter ebenfalls um ihre Akten bemüht. «Leider ist es nicht möglich, von den gewünschten Dokumenten Kopien zu erhalten», schrieb ihr die Vormundschaftsbehörde von Basel-Stadt. Sie müsse schon selber vorbeikommen. Egal, dass sie schon 75 Jahre alt ist. Erst auf Intervention des Beobachters scheinen Kopien plötzlich möglich zu sein. «Aus Datenschutzgründen» muss sie zwar immer noch selber vorbeikommen, denn «manchmal müssen die Namen von Dritten abgedeckt werden». Sind die Akten aber erst einmal gesichtet, «besteht selbstverständlich die Möglichkeit, Kopien zu machen», antwortet Peter Moser von der Vormundschaftsbehörde.

Eigenmächtige Fürsorgerin
Peter Weber hat Kopien seines Dossiers bei der Vormundschaftsbehörde erhalten. Er wurde noch 1959 als Vierjähriger auf einen Hof im Emmental verdingt. Sein Vater war zur Zeit, als Peter den Eltern weggenommen wurde, im Gefängnis, geht aus den Akten hervor. Weber wurde sogar eigenmächtig von der Fürsorgerin platziert – ohne vorherige Einwilligung der Vormundschaftsbehörde und obwohl die «ungenügenden Voraussetzungen des Pflegeplatzes» aktenkundig waren. Auch Weber musste sich von der Behörde jetzt die ungehörige Frage gefallen lassen, wozu er seine Akten überhaupt brauche.

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