Ein historischer Vorgang: Nach Jahrzehnten des Schweigens äussern sich Vertreter von Bund, Kantonen und Gemeinden zunehmend selbstkritisch zu den dunklen Kapiteln der Schweizer Sozialgeschichte. Sie bitten offiziell – wie vom Beobachter gefordert – jene Menschen um Entschuldigung, die als Kinder und Jugendliche noch bis in die 1980er Jahre selbstherrlichen Vormundschaftsbeamten ausgeliefert waren. Die sich verdingen mussten oder in Heimen und geschlossenen Anstalten landeten – weil sie als «schwererziehbar» oder «liederlich» galten.

Den Anfang machte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die Mitte September als Justizministerin ehemals administrativ Versorgte um Entschuldigung bat. Der Zürcher Regierungspräsident, der Berner Polizeidirektor und der Kanton Bern zogen nach. Schliesslich folgte Luzern – die Stadt musste eingestehen, dass es «glaubhafte Darstellungen von physischen und psychischen Übergriffen an Heimkindern» gebe.

Geplant: Politische Forderungen

«Diese Entschuldigungen sind ein wichtiger Schritt, vor allem für die Betroffenen», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr. Klar ist aber, dass weitere Taten folgen müssen. Denn viele der Opfer sind traumatisiert, andere leben in wirtschaftlich prekären Verhältnissen. Im Berner Kantonsparlament ist bereits ein Vorstoss hängig, der die Regierung auffordert, die Einrichtung eines Unterstützungsfonds zu prüfen.

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So weit ist es auf nationaler Ebene noch nicht. «Aber die finanzielle Entschädigung wird ein Thema werden», sagt Jacqueline Fehr. «Wir sind dabei, mit Betroffenen politische Forderungen auszuarbeiten.»

Auch der Zürcher Historiker Thomas Huonker, der Zwangsmassnahmen wie Kindwegnahmen und Anstaltseinweisungen erforscht hat, mahnt: «Es darf nicht bei Entschuldigungen bleiben.» Die Schweiz müsse sich daranmachen, die düsteren Kapitel ihrer Sozialgeschichte auszuleuchten; nur so könne ein Rückfall in frühere Zustände verhindert werden. Voraussetzung dafür seien offene Archive – und ausreichende Mittel für die Forschung. Hier hapert es, kritisiert Huonker: «Forschungsprojekte zu diesen Themen werden nur zurückhaltend finanziert. Die Behörden fördern lieber die Erforschung der glanzvollen Seiten unserer Geschichte.»

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