Wenn heute einzelne Jugendliche Anpassungsschwierigkeiten haben und Lehrer, Polizei, Gerichte oder Sozialbehörden beschäftigen, erklingt oft der Ruf nach einer härteren Hand. Schnell wird die angebliche «Kuscheljustiz» gescholten, und in Meinungsforen der Medien wünscht sich mancher die «gute alte Zeit» zurück.

Doch wir dürfen nie vergessen, zu welchem Preis die nostalgisch verklärte, gutschweizerische Ordnung bis in die achtziger Jahre hinein erkauft worden ist. Der Beobachter hat in mehreren Recherchen nachgewiesen, wie Tausende Kinder und Erwachsene jahrzehntelang ohne richterlichen Beschluss weggesperrt, verdingt, sterilisiert oder psychiatrisiert wurden. Nicht weil sie straffällig geworden wären, sondern allein deshalb, weil sie sich nicht schnell genug oder gar nicht in die geltende bürgerliche Ordnung einpassen konnten oder wollten. Oder auch nur, weil sie einfach Pech hatten und in einer schwierigen Situation keine Hilfe bekamen.

Anzeige

Die Opfer leiden bis heute

Mindestens 20'000 Opfer dieser Ordnungspolitik leben heute noch, schätzen Historiker. Und viele von ihnen leiden bis heute. Sie leiden, weil sie bleibende psychische oder körperliche Verletzungen erlitten oder keine Chance auf eine Ausbildung bekamen.

Der Beobachter setzt sich traditionell für die Opfer behördlicher Willkür ein. Exemplarisch für dieses Engagement waren die Enthüllungen zum Hilfswerk «Kinder der Landstrasse»: Von 1926 bis in die siebziger Jahre hatte die Pro Juventute Kinder aus sogenannten Vagantenfami­lien den Eltern weggenommen, um sie zu sesshaften Menschen zu machen. Erst die kritischen Berichte im Beobachter brachten 1973 die Wende. 1986 entschuldigte sich der Bundesrat bei den Betroffenen und bewilligte elf Millionen Franken zur «Wiedergutmachung».

Anzeige

Wir bitten Sie um Ihre Mithilfe

Nun wird die Schweiz erneut von der Geschichte eingeholt. Recherchen des Beobachters zum Schicksal von Verdingkindern und administrativ Versorgten führten dazu, dass sich der Bundesrat 2010 bei einer ersten Opfergruppe entschuldigen musste. Vor kurzem beschloss das Parlament die Rehabilitierung aller administrativ Versorgten. Eine finanzielle Wiedergutmachung steht jedoch noch aus.

Doch der Staat steht hier in der Verantwortung. Deshalb unterstützt der Beobachter die überparteiliche Volks­initiative für eine umfassende Wiedergutmachung und bittet auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Ihre Mithilfe: Unterschreiben Sie und geben Sie den Unterschriftenbogen in Ihrem Freundeskreis weiter – setzen Sie damit ein Zeichen.

Schweizer Behörden haben Tausende Kinder und Jugendliche verdingt, weggesperrt, sterilisiert, psychiatrisiert und zur Adoption freigegeben. Viele Betroffene leiden bis heute. Sie müssen endlich entschädigt werden. Lesen Sie mehr über die Hintergründe und Schicksale:
Zwangsmassnahmen: Die Schuld der Schweiz
Guido Fluri «Ich will Gerechtigkeit»

Anzeige

Eidgenössische Volksinitiative

«Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen (Wiedergutmachungsinitiative)»

Die Bundesverfassung  wird wie folgt geändert:

Art. 124a
Wiedergutmachung für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen

1 Bund und Kantone sorgen für die Wiedergutmachung des Unrechts, das insbesondere Heimkinder, Verdingkinder, administrativ versorgte, zwangssterilisierte oder zwangsadoptierte Personen sowie Fahrende aufgrund fürsorgerischer Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen erlitten haben.

2 Sie sorgen für eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Massnahmen und fördern die Diskussion darüber in der Öffentlichkeit.

Art. 196 Ziff. 122     
12. Übergangsbestimmung zu Art. 124a (Wiedergutmachung für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen) 
  

1 Der Bund errichtet einen Fonds in der Höhe von 500 Millionen Franken für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen, die vor dem Jahre 1981 vorgenommen wurden.

2 Anspruchsberechtigt sind Menschen, die von solchen Massnahmen unmittelbar und schwer betroffen waren. Die Höhe der Wiedergutmachung richtet sich nach dem erlittenen Unrecht. Über die Ausrichtung der Leistungen entscheidet eine unabhängige Kommission.

3 Der Fonds wird zwanzig Jahre nach seiner Errichtung aufgelöst. Ein allfälliger Restbetrag wird den Einlegern anteilsmässig rückerstattet.

1 SR 101

2 Die endgültige Ziffer dieser Übergangsbestimmung wird nach der Volksabstimmung von der Bundeskanzlei festgelegt.

Unterschriftenbogen herunterladen

Unterschriftenbogen klein (3 Unterschriften; PDF)
Unterschriftenbogen gross (10 Unterschriften; PDF)

Anzeige

Andere Länder sind grosszügiger

500 Millionen Franken: Auf den ersten Blick ist es ein immenser Betrag, den die Wiedergutmachungsinitiative für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen fordert. Zumal der Betrag explizit nicht als Soforthilfe für Betroffene vorgesehen ist, die heute unter prekären Bedingungen leben. Er soll vielmehr allen Opfern zugutekommen, unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen – ausgerichtet vom Bund, als Anerkennung des erlittenen behördlichen Unrechts.

Über die Höhe der Entschädigung würde eine unabhängige Kommission von Fall zu Fall entscheiden. Fürstliche Summen sprängen für die Betroffenen bei Annahme der Volksinitiative allerdings nicht heraus. Gemäss Schätzungen sind heute noch mindestens 20'000 Opfer am Leben. Verteilte man die halbe Milliarde auf sie alle, blieben pro Kopf 25'000 Franken – oder fünf Monatslöhne à 5000 Franken. Zum Vergleich: Wird einem Arbeitnehmer missbräuchlich gekündigt, sprechen ihm die Gerichte heute in der Regel eine Entschädigung zwischen zwei und sechs Monatslöhnen zu.

Andere Länder mit ähnlich dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte sind heute schon wesentlich konsequenter, als es die reiche Schweiz nach einem Ja zur Wiedergutmachungsinitiative wäre. Irland etwa stellte allein für die Entschädigung von misshandelten Heimkindern 1,28 Milliarden Euro bereit. In Schweden erhalten Opfer von Gewalt und Vernachlässigung in Heimen und Pflegefamilien eine Entschädigung von umgerechnet je rund 34'000 Franken.

Anzeige