«Erkennen, dass ihnen Unrecht angetan wurde»: Verdingkind Bild: Alessandro della Valle/Keystone

Wiedergutmachungsinitiative«Fantasie der Behörden war meist ziemlich ungezügelt»

Der Schriftsteller Lukas Hartmann engagiert sich für die Wiedergutmachungsinitiative. Als Autor erkennt er auch, wie Betroffene schon sprachlich zu Geächteten gemacht wurden.

von Otto Hostettler

Beobachter: Ihre Grossmutter wurde einst bei einem Bauern verdingt. Wie haben Sie ­davon erfahren?
Lukas Hartmann: Sie erzählte uns Kindern, wie sie von ­ihren Eltern weggegeben wurde und wie sie dann bei einem Bauern buchstäblich untendurch musste. Ich war damals elf oder zwölf.

Beobachter: Wie gingen Ihre Eltern mit ­der Familiengeschichte um?
Hartmann: Sie sprachen nicht gern da­rüber. Später schrieb ich die Geschichte meiner Grossmutter auf. Ihr Vater war ­Rutengänger und verletzte sich, als er Sprengarbeiten für ­einen Brunnen durchführte. Es gab damals keine soziale Absicherung, und weil das Geld nicht mehr für die ganze Familie reichte, mussten die Urgrosseltern ihre fünf Kinder weggeben.

Beobachter: Eine ganz andere Rolle hatte da Ihr Onkel.
Hartmann: Er war Amtsvormund. Als Kind war ich manchmal mit ihm unterwegs, wenn er im Emmental die Bauersleute besuchte und kontrollierte, wie die Kinder untergebracht waren. Er setzte sich sehr für seine Mündel ein. Aber später habe ich begriffen, dass er nur schon aufgrund ihrer Anzahl eine unmögliche Aufgabe zu erfüllen hatte. Es war praktisch unmöglich, in allen Fällen die Verhältnisse auf den Bauernhöfen richtig zu kontrollieren. Heute weiss man auch, dass die Bauern manchmal schwindelten, wenn der Amtsvormund zur Kontrolle angemeldet war. Sie zeigten dem Vormund einfach das schönste Zimmer des Hofs.

Beobachter: Viele Akten von Verdingkindern und Fremdplatzierten zeigen dramatische Familienschicksale auf. Andere sind sehr nüchtern gehalten. Wie beurteilen Sie die Rolle der damaligen Behörden?
Hartmann: Ich glaube, es kam weitgehend auf die einzelnen Behördenmitglieder an. Aber grundsätzlich war es schon so: Die Behörden definierten die gesellschaftlichen Regeln und gaben vor, wie eine anständige Familie zu leben hatte. Gleichzeitig forderten sie, dass die Regeln eingehalten wurden. Amtsvormunde, die sich in bedrückende Verhältnisse einfühlten, waren wohl die Minderheit.

Beobachter: Die Begriffe «liederlicher ­Lebenswandel» und ­«der Trunksucht verfallen» ­reichten, um gegen Familien Massnahmen zu ergreifen.
Hartmann: Solche Ausdrücke wurden oft benutzt, oft auch missbraucht. Bei den Jenischen war es genau das Gleiche. Es reichte, wenn etwa eine alleinstehende oder verwitwete Frau Männerbesuch erhalten hatte. Die Be­hörden hatten gleich den schlimmsten Verdacht. Ihre Fantasie war meist ziemlich ungezügelt.

Beobachter: Akteneinträge waren oft auch despektierlich. Wie ­sehen Sie als Schriftsteller die Bedeutung der amtlichen Formulierungen?
Hartmann: Der Sprachgebrauch in Akten schafft immer eine gewisse Realität. Allein die Sprache kann dazu beitragen, dass jemand nicht so beurteilt wird, wie es ihm entspräche. Die Sprache ist vor allem ganz entscheidend, wenn es um Abhängigkeiten geht. Eine Aktenformulierung kann schnell zu einer Vorverurteilung im moralischen Sinn führen, auch wenn sich eine Begebenheit später gar nicht als Delikt herausstellen sollte.

Beobachter: Betroffene reagieren manchmal trotz denkwürdigen Einträgen positiv, wenn sie ihre Akten finden.
Hartmann: Betroffene erhalten mit ihren Akten endlich Gewissheit, dass sich ihre Geschichte tatsächlich so abgespielt hat. Ihre eigenen Erlebnisse, die sie vielleicht nur in den Grundzügen kannten, sind nun amtlich festgehalten. Es gibt auch Betroffene, die ihre Geschichte zu beschönigen versuchen, vermutlich aus Selbstschutz. Plötzlich begreifen sie, was mit ihnen wirklich geschehen ist. Ich glaube, das ist für sie enorm wichtig. Sie sehen sich endlich bestätigt in ihren Erinnerungen. Es war eben doch so, wie sie aus Erzählungen gehört hatten oder sie sich zu erinnern glaubten.

Beobachter: Die Akten geben Betroffenen die ­Gewissheit über ihre eigene Geschichte.
Hartmann: Ja. Dieser Einblick ermöglicht ihnen, sich entsprechend zu verhalten. Sie können sich gegen die Diskriminierung wehren. Sie sind sich sicher, dass ihnen Unrecht angetan wurde. Das ist eine entscheidende Erkenntnis in der Aufarbeitung.

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Lukas Hartmann, 70, ist Autor zahlreicher ­historischer Romane und lebt in Bern. In diesen Tagen erscheint ­sein neues Buch «Auf beiden Seiten». Hartmann ist Mitglied ­im ­Unterstützungskomitee der Wiedergutmachungsinitiative.

Ein Blick in die Fürsorgeakten

Die Stadt Bern beteiligt sich aktiv an der Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Sie hilft ehe­mali­gen Verdingkindern und Fremdplatzierten, ihre Geschichte zu rekonstruieren. Die Ausstellung «Auf der Suche nach der ­eigenen Geschichte» im Kornhausforum ermöglicht zudem der Bevölkerung einen Einblick in die Fürsorgeakten. Anhand zweier Dossiers dokumentiert das Stadtarchiv die Folgen der dama­ligen Armenpolitik. Die Dokumente stammen aus dem Fundus von rund 30'000 Personendossiers der einstigen städtischen Fürsorgedirektion aus den Jahren 1920 bis 1960. Nur durch einen Glücksfall wurden die Akten überhaupt vor der routinemässigen Vernichtung gerettet – in den neunziger Jahren ­beschloss der Fürsorgedirektor und ­spätere Stadtpräsident Klaus Baum­gartner, sie wegen ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung zu erhalten.

  • «Auf der Suche nach der eigenen Geschichte – Fremdplatzierungen in Bern 1920–60», Ausstellung Kornhausforum Bern, 25. März bis 25. April

  • «Die Macht der Akten», 7. April, 19 Uhr. Lesung aus den Fürsorgeakten mit Lukas Hartmann und Regierungsrat Christoph Neuhaus. Anschliessend Podiumsgespräch mit Guido Fluri, Initiant Wiedergutmachungsinitiative, Historikerin Loretta Seglias, Christoph Neuhaus, Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektor Kanton Bern, und Lukas Hartmann. Moderation: Otto Hostettler (Beobachter)
Veröffentlicht am July 24, 2015