Akten sind nicht bloss ­Papier, sondern auch Leben. Zumindest für Leute, die behördlich in Heimen, Gefängnissen oder Pflegefamilien platziert oder gar zwangssterilisiert wurden. Erst durch diese Akten können sie sich vor Augen führen, was man ihnen an­getan hat. Doch solche Dokumente laufen Gefahr, bei der Reorganisation des Vormundschaftswesens verlorenzugehen.

Anfang 2013 werden aus 2584 kommunalen Vormundschaftsbehörden ein paar Dutzend zentrale Ämter mit Profis. Hunderte von Gemeindebeamten räumen ihre Büros und lassen einsame Archive zurück. In fast allen Kantonen bleiben die Dossiers der abgeschlossenen Fälle liegen, wo sie heute sind.

«Akten in Gemeindearchiven sind immer etwas gefährdet», warnt der St. Galler Staatsarchivar Stefan Gemperli. Gerade in kleinen Dörfern gehe man damit teils unsorgfältig um. Daher wird Gemperli Ende Jahr alle St. Galler Gemeinden nochmals auf die sensiblen Dossiers von administrativ Versorgten, Heim-, Verdingkindern und Zwangssterilisierten hinweisen. Bereits 2010 verlangte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf per Brief an alle Kantone die ­Sicherung dieser Akten, nachdem der Beobachter auf das Problem hingewiesen hatte.

Andrea Weik, Leiterin des Jugendamts des Kantons Bern, sieht zumindest für Akten von Opfern fürsorgerischer Zwangs­massnahmen keine Gefahr: 2009 habe der Justizdirektor die Sicherung dieser Dossiers verfügt und dies unlängst erneut in Erinnerung gerufen.

Schreddern – ja oder nein?

Gemeinden müssen Vormundschaftsdossiers je nach Kanton 50 (ZH, SG) oder 30 (BE) Jahre aufbewahren. Danach können sie meist selbst entscheiden, ob sie sie schreddern. Nur in wenigen Kantonen wie etwa Zürich müssen die Akten dem Staatsarchiv zwingend zur Triage ­angeboten werden. Da ist also Fingerspitzengefühl gefragt. Und es geht nicht nur um Verding- und Heimkinder. Auch die Einsicht in Akten eines ­heutigen Obhutsentzugs sind für den betroffenen Menschen entscheidend, um Jahre später sein Leben zu verstehen.

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Musterbrief Akteneinsicht

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