Ganz konnten sich die Sparmeister von SVP und FDP im Nationalrat nicht durchsetzen: Die Opfer von Zwangssterilisationen sollen eine pauschale Genugtuung von 5000 Franken erhalten. Die Rechtskommission hatte Entschädigungen von maximal 80'000 Franken vorgeschlagen (siehe auch Artikel zum Thema «Zwangskastration: Keine Genugtuung?»).

Betroffen sind Hunderte von Frauen und Dutzende von Männern, die meist dem ärmeren Bevölkerungsteil angehörten oder Fahrende waren. Auch die jenische Schriftstellerin und Ehrendoktorin Mariella Mehr wurde Opfer einer Sterilisation wider Willen. Sie spricht denn auch Klartext: «Diese Regelung ist eine Zumutung – typisch für diesen Staat.»

Ihre Geschichte ist exemplarisch für das Unrecht, das vielen Frauen und Männern angetan wurde. Sie brachte 1966 ein Kind zur Welt. Ihr Lebenswandel war einwandfrei, ihr Freund bekannte sich als Vater. Trotzdem wurde sie auf Betreiben des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse» wegen «sittlicher Verwahrlosung und Arbeitsscheu» in der Strafanstalt Hindelbank administrativ versorgt. Ihr Kind musste sie Pflegeeltern übergeben. Bei einer späteren Untersuchung führte der Frauenarzt auf Geheiss der Pro Juventute gleich eine Sterilisation durch – ohne sie zu orientieren.

Er wandte dabei eine untaugliche Methode an. Die Folge: 1992, als 44-Jährige, wurde Mehr schwanger und musste aus medizinischen Gründen eine Abtreibung vornehmen. Darunter leidet sie heute noch.

Mehr wurde ein Opfer brauner Rassenhygiene, in deren Namen Menschenrechte grob missachtet wurden. Das hinderte Bundesrat Christoph Blocher nicht, gegen Entschädigungen zu plädieren: «Wir können nicht Vorgehensweisen, die früher rechtens waren, im Nachhinein als unrechtmässig bezeichnen.»

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