Kühe sehen anders als Menschen. Die Tiere haben nur etwa 30 Prozent unseres Sehvermögens. So können die 61 Kühe der Rasse Holstein, die im Laufstall von René Eigenmann stehen, nicht erspähen, worum sie viele beneiden würden: Sie geniessen unverbaute Sicht auf den Bodensee, der in drei Kilometern Entfernung in der Sonne schimmert. «Das kümmert sie herzlich wenig», sagt Eigenmann, der die Tiere beobachtet. «Dass sie mehr Platz haben und frei wählen können, ob sie fressen, liegen oder vom Melkroboter gemolken werden, bekommen sie aber sehr wohl mit.»

 

Es ist ein Vorzeigestall, den der Landwirt auf dem Eigenmannshof in Berg SG gebaut hat. Mit einem grossen Laufhof im Freien, der jederzeit zugänglich ist. Bei schönem Wetter können die Kühe selbstständig auf die Weide gehen, wenn sie wollen. «Für mich steht das Tierwohl an oberster Stelle. Ich glaube nicht, dass ich den Kühen ein besseres Leben bieten könnte als das, das sie hier haben.» Vorher standen 25 Tiere im Anbindestall, die Arbeit mit ihnen war zeitintensiver. Man musste sie rauslassen, reinholen, melken. Letzteres erledigt heute ein Melkroboter. Rund zwei- bis dreimal pro Tag laufen die Kühe durch die Anlage, die ihnen Schläuche an die Zitzen setzt. «Das ist für sie sehr angenehm. So haben sie nie ein zu volles Euter.» 

Der neue Laufstall und die Vergrösserung der Herde von 25 auf 61 Tiere war ein grosser Schritt. «Wir setzen damit voll auf die Milchwirtschaft.» Der St. Galler war sich schon als Bub sicher, dass er den elterlichen Betrieb übernehmen will. «Ich wusste aber auch immer, dass ich neue Wege gehen will, um effizient arbeiten zu können.» So verbringt er seit der Anschaffung des Melkroboters zwar nicht weniger Zeit im Stall, «aber ich kann diese flexibler nutzen». Anstatt zu melken, was er früher gerne getan hat, heute aber nicht vermisst, kann er sich intensiver mit jedem einzelnen Tier auseinandersetzen: «Landwirtschaft bedeutet Veränderung.» Die besseren Bedingungen im Stall machen seine Kühe zu sehr guten Milchproduzentinnen. Im Durchschnitt gibt jede Kuh 35 Kilo Milch. Das sind vier mehr als noch zu Zeiten des Anbindestalls. Einerseits sei er wegen seiner Liebe zu den Kühen gerne Milchbauer, sagt Eigenmann, der seine Kühe auch an regionalen Schauen zeigt. Andererseits sei es ihm ein grosses Anliegen, einen so wertvollen Rohstoff wie Milch herzustellen. «Das ist mir schon eine grosse Ehre.»

 

85 Prozent seines täglichen Milchertrags verkauft er an die Schaukäserei Stein und die Käserei Obersteinach, welche daraus Appenzeller Käse herstellen. «Wir produzieren zudem unsere eigene Butter sowie unseren eigenen Käse.» Ihn freut es, dass einheimisch produzierte Lebensmittel seit der Corona-Krise mehr geschätzt werden. «Die Konsumenten wissen wieder, dass wir Bauern systemrelevante Arbeit leisten.»

 

Neben der Milchwirtschaft sind die 5000 Legehennen sowie der Hofladen weitere Standbeine. 2005 liessen Eigenmanns Eltern den Hofladen umbauen. Sie ergänzten den Neubau wegen der wachsenden Nachfrage 2008 mit einer Produktionsküche. So kann die Familie mit ihren drei Angestellten und zwei Lehrlingen die meist hofeigenen Rohstoffe vor Ort zu Dörrobst, Teigwaren und Müesli verarbeiten.

 

Eigenmanns sind auch Mitglied der beiden Direktvermarktungs-Plattformen «Vom Milchbuur» und «Vom Hof». Diese zeigen Interessierten mit einem Klick, wo es in ihrer Nähe Hofläden gibt. Von diesem Tool haben auch einige Neukunden Gebrauch gemacht. Denn seit der Corona-Krise verzeichnet Eigenmanns Frau, die Chefin des Hofladens, eine grosse Zunahme an Kunden. «Wir werden regelrecht überrannt», sagt Sandra Eigenmann, 35. So falle es auch nicht ins Gewicht, dass sie ihre Ware derzeit nicht auf dem St. Galler Bauernmarkt verkaufen dürfen. «Die Lebensmittel, die wir dort jeweils anbieten, gehen momentan im Hofladen genauso gut weg.»

 

Auch die Kinder Fabian, 7, Sarina, 8, und Anja, 11, helfen mit. So haben sie vor Kurzem Vater René darauf aufmerksam gemacht, dass eine Kuh am Kalben sei. Bis sie ihn in den Stall beordert hatten, lag das Kalb schon im Stroh. Kühe gebären meist schneller als Menschen.

«SWISSMILK GREEN» – FÜR NACHHALTIGE SCHWEIZER MILCH

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Quelle: swissmilk

Seit 2019 gilt der neue Branchenstandard für nachhaltige Schweizer Milch «swissmilk green». Die dafür geschaffene Marke ist auf Verpackungen von Milch und Milchprodukten in den Kühlregalen von Schweizer Detaillisten zu finden. Mit den Vorgaben für den neuen Standard wird die Schweizer Milchwirtschaft in Sachen Tierwohl, Fütterung, Nachhaltigkeit und Soziales auf hohem Niveau standardisiert. Es lohnt sich, beim Kauf von Milch und Milchprodukten auf die Marke «swissmilk green» zu achten. 

 

Informationen zu «swissmilk green» auf www.swissmilk.ch/green
 

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Quelle: AMS Agro-Marketing Suisse