Terroranschläge in den USA, Massaker in Zug, Tunnelkatastrophe am Gotthard, Crossair-Absturz bei Kloten: Ein Desaster nach dem anderen jagte in den vergangenen Wochen durch die Schlagzeilen. Die Schweiz schien nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Besonders betroffen war Zug, wo Friedrich Leibacher am 27. September 14 Menschen tötete, bevor er sich selbst erschoss. «Für mich gibt es die Zeit davor und die Zeit danach», bringt es die Zuger Gemeinderätin Elsbeth Müller auf den Punkt.

Zwei Monate sind seit dem Blutbad im Rathaus vergangen. Im Gedenken daran brachte der Kulturverein «Zuger Privileg» eine Audio-CD heraus, auf der 19 direkt und indirekt Betroffene zu Wort kommen. Einer ist Leonhard Jost (Bild), Seelsorger des Kantonsspitals Zug und Psychotherapeut. Die Hiobsbotschaft hatte ihn in den Ferien erreicht. «Ich konnte gar nicht fassen, was mir mitgeteilt wurde», erinnert er sich. Erst als er tags darauf in Zug eintraf, habe er begriffen, was tatsächlich geschehen war. Zug schien ihm vollkommen verändert. «Über der Stadt lag eine Stimmung, die ich noch nie erlebt hatte. Eine Stille, aber auch ein unerhörter Schmerz.» Als Jost dann seine Arbeit im Spital aufnahm, bekam die Tragödie auch ein Gesicht. «Ich traf Menschen, die körperlich und seelisch zutiefst traumatisiert in ihren Spitalbetten lagen.»

Seelische Wunden heilen schwer
Neben dem Schock und der Trauer habe er bei allen eine tiefe, archaische Angst gespürt. Eine Angst, die er in abgeschwächter Form in der ganzen Bevölkerung wahrgenommen habe. Auch in sich selber: «Bis jetzt hatten wir doch immer gedacht, dass sich solche Wahnsinnstaten nur weit weg von uns ereignen», gesteht Jost. «Nun aber befanden wir uns mit einem Schlag mittendrin in dieser verrückten Welt. Von einem Tag auf den anderen war es vorbei mit dem Mythos von der sicheren Schweiz.»

Regierungsrat Hanspeter Uster war vom Attentat dermassen geschockt, dass er seine schweren Verletzungen zuerst gar nicht richtig spürte. Weder die körperlichen noch die seelischen. «Die Situation war viel zu irreal.» Während sein Körper von den Medizinern inzwischen weitgehend wiederhergestellt worden ist, heilen die seelischen Wunden bedeutend weniger schnell. Fast in jeder Nacht tauchen in seinen Träumen getötete Regierungsräte auf. «Und wenn irgendwo unerwartet und laut ein Tisch verschoben wird oder wenn jemand laut schwatzt, dann bin ich überzeugt: Jetzt tätschts!» Wenn Hanspeter Uster an den Täter denkt, befällt ihn meist das Gefühl einer grossen Leere, «manchmal aber auch eine riesige Wut über diese Art von Selbstgerechtigkeit». «Der Wut Raum zu geben ist sehr wichtig», betont die Zuger Psychoanalytikerin Annemarie Andina Kernen. Es sei nötig, dass man sich erlaube, mit Gott und der Welt zu hadern – und mit diesem Täter, der so vieles zerstörte. «Erst wenn die Wut draussen ist, kann der Verlust angenommen und betrauert werden.»

Ob jemand in dieser Zeit der seelischen Not lieber allein ist oder Trost in der Gemeinschaft findet, ist je nach Mensch sehr unterschiedlich. Feuerwehrmann Beni Elsener verspürt noch immer ein grosses Bedürfnis nach Distanz und Raum für sich. Er sei derzeit wahnsinnig labil, sagt er. Etwas, was er von sich sonst gar nicht kenne. «Ich könnte manchmal einfach allein im Zimmer sitzen und weinen.»

Der junge Mann hat den Ort des Grauens mehrere Wochen lang nicht mehr betreten und sich auch sonst ziemlich von der Umwelt abgekapselt. «Wenn jemand von diesem Ereignis spricht, dann kommen in mir immer wieder diese grauenvollen, traurigen Bilder hervor, und es schmerzt.» Dieses Ereignis habe ihn überwältigt. «Das muss man zuerst verarbeiten.» Andere hingegen waren dankbar dafür, in ihrer Trauer und ihrem Schmerz nicht allein zu sein. «Ich bin ja sonst einer, der seine Gefühle nicht so nach aussen zeigen kann», berichtet Billy Bernet, ehemaliger Kantonsrat und Geschäftsstellenleiter der Zuger Kantonalbank. «An diesem Tag aber habe ich Menschen auf der Strasse umarmt, mit ihnen geweint.» Etwas, was für ihn vorher unvorstellbar war. Ebenso gehe es ihm, wenn er an die Verbundenheit denke, die er während des Trauergottesdienstes gespürt habe. Es habe ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben wie noch nie zuvor. «Ich glaube, dass sich bei den Menschen in Zug etwas verändert hat.»

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Davon ist auch alt Ständerat Andreas Iten überzeugt. «Auch für die nicht direkt Beteiligten wird die Tat des 27. September 2001 immer ein Ereignis sein, auf das man sich beziehen wird. Zum Beispiel dann, wenn in der Politik wieder einmal eine Sprache Einzug hält, die auf den Gegner zielt und nicht auf die Sache.»

Nachdem die Politikerinnen und Politiker zuerst noch diskutiert hatten, ob es richtig sei, die Sicherheitsmassnahmen zu erhöhen, gelangte man bald zur Überzeugung, dass man besser präventiv wirke. Geschehen könnte dies etwa durch eine Anlaufstelle für Menschen, die Probleme haben mit dem Staat und mit Autoritäten. «Wir brauchen eine solche Ombudsstelle», betont Annemarie Andina Kernen. «Viele könnten aufgefangen werden, wenn sie mit jemandem reden könnten, der sie und ihre Wut und Ohnmacht ernst nimmt.»

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Monika Zinnenlauf

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