Beobachter: Börsencrashs, Terrorgefahr und Klimawandel – die globale Verunsicherung ist gross. Wie sehen Sie als Soziologe die Lage der Welt?
Ulrich Beck: Ich bin nicht derjenige, der den Weltuntergang vorhersagt. Heute sind wir jedoch in einer Phase, in der fast alle Bereiche der Gesellschaft vom Risikobegriff terrorisiert werden. Die technischen Potentiale der Moderne haben eine immer grössere Reichweite entwickelt – und damit zeichnen sich parallel auch mögliche Katastrophen immer nachdrücklicher ab.

Beobachter: Das tönt sehr düster. Es wäre ja auch denkbar, dass wir diese globalen Risiken noch rechtzeitig in den Griff bekommen. 
Beck: Risiko bedeutet nicht Katastrophe, sondern die Vorwegnahme von Katastrophe. Viele der Ereignisse, die uns heute ängstigen, zeichnen sich erst als Möglichkeiten ab. Die Risikoperspektive kann, wie im Fall der Finanzkatastrophe oder des Klimawandels, als enorme Mobilisierungskraft wirken, die Grenzen aufhebt, Prinzipien in Bewegung setzt – und möglicherweise genau das verhindert, was an die Wand gemalt wurde. Insofern ist das Risiko auch eine Chance.

Beobachter: Weil es den Blick über die Grenzen hinweg öffnet und uns zur Einsicht bringt, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen?
Beck: Es öffnet das, was ich den kosmopolitischen Blick nenne. Die Weltrisikogesellschaft bringt einen enormen Impuls mit sich, ein kosmopolitisches Moment. Der Gefahrenschock produziert allerdings nicht automatisch Kosmopoliten. Es kann sein, dass sich Menschen aufgrund dieses Schocks verstärkt ins nationale Schneckenhaus zurückziehen. Renationalisierung, Fremdenfeindlichkeit – all dies ist auch eine mögliche Reaktion auf die dramatische Erfahrung dieser Abhängigkeit. Die Leute verstehen nicht mehr, was in der Welt los ist.

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Beobachter: Selbst die Experten sind ratlos, wie wir bei der Finanzkrise gesehen haben.
Beck: Das ist in der Tat richtig. In der Ökonomie ist das Wort Krise fast zum Fremdwort geworden. Daher tritt anstelle von Wissen und Expertentum der Staat, der Ruhe stiftet. Das ist die ursprüngliche Funktion des Staats, die im Neoliberalismus fast vollständig untergegangen ist und die bei dieser Gelegenheit eine Renaissance erlebt. 

Beobachter: Sie haben die Finanzkrise 2007 im Buch «Weltrisikogesellschaft» vorhergesehen. Der Einbruch hat Sie nicht überrascht.
Beck: Nein, es hat mich stets gewundert, dass kluge Menschen auf die Idee kommen konnten, dass der Markt die Lösung ist. Der Kapitalismus, die produktivste Form der Wirtschaft, hat immer diese zerstörerische Seite gehabt. Der Zusammenbruch des Systems betrifft ja nicht nur die Wirtschaft, damit bricht eine Säule des Selbstbewusstseins des Westens weg. Bisher haben wir die Welt missioniert mit der Vorstellung, der freie Markt ist die Lösung, und wenn man noch die Demokratie anfügt, ist man auf der richtigen Seite.

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Beobachter: Bereits in den achtziger Jahren haben Sie die globalen Risiken – Terrorismus, Klima, Finanzkrise – beschrieben. Sind Sie sozusagen von der Realität eingeholt worden?
Beck: Sogar überholt worden, würde ich sagen. Teilweise bedrückt es mich, wenn wieder eine neue Perspektive auftaucht, die ich bisher selbst kaum für möglich gehalten habe. In «Weltrisikogesellschaft» schreibe ich über globale Finanzrisiken, aber ich hätte nie für möglich gehalten, dass die amerikanische Regierung Billionen von Dollar zur Verfügung stellt, um Banken zu subventionieren, und dass Bankmanager genau das ordern – eine Art Staatssozialismus für Reiche.

Beobachter: Den die Steuerzahler, darunter viele Working Poor, finanzieren müssen. Ist das nicht paradox?
Beck: Allerdings. Während die Reichen unterstützt werden, soll gleichzeitig ein Neoliberalismus für Arme durchgesetzt werden. Es entsteht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die die Arbeitnehmer auf die Dauer nicht hinnehmen werden. Vor allem weil sie mit der voranschreitenden Labilisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse klarkommen müssen.

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Beobachter: Die allgemeine Verunsicherung wird noch zunehmen. Wie soll jeder Einzelne von uns damit umgehen?
Beck: Viele Dinge laufen ja noch ganz vernünftig ab. Man geht über die Strasse und kann davon ausgehen, dass sich die Menschen an Verkehrsregeln halten. Im Alltag ist gleichsam ein anthropologisches Vertrauen vorhanden, dass die moderne Gesellschaft funktioniert, und dieses Vertrauen ist im Kern überhaupt noch nicht angekränkelt. Ich meine, dass es in Zukunft darauf ankommt, eine Kultur der Unsicherheit zu entwickeln. Von der Vorstellung, dass alles berechenbar und sicher ist, müssen wir uns verabschieden. In Ländern wie Italien, wo vieles nicht funktioniert, wird man möglicherweise diese Unsicherheit nicht im selben Masse erfahren wie in Deutschland oder in der Schweiz, wo wir mit den zivilisatorischen Errungenschaften verwöhnt sind.

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Beobachter: Viele Menschen fühlen sich nicht nur verunsichert, sondern auch verschaukelt. Seit Jahren heisst es, alle Risiken seien bekannt und unter Kontrolle – doch die Wirklichkeit belehrt einen dann eines Besseren.
Beck: Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Fragen der alltäglichen Sicherheit weitgehend vom System oder von den Experten gelöst werden, ohne direkte Mitsprache der davon Betroffenen. Das führt zu allen möglichen Konflikten, weil den Menschen längerfristig das Vertrauen abgeht.

Beobachter: Und wie könnte man dieses Vertrauen wiederherstellen?
Beck: Indem man sozusagen gläserne Formen im Umgang mit Risiken vereinbart – und auch dazu steht, dass man etwas nicht weiss. Denn viele der grossen Entwicklungen, wie etwa die Gentechnologie, werden mit riesigen Versprechen der Befreiung von allen möglichen Problemen auf die Weltmärkte gedrängt – obwohl die Folgen unbekannt sind und wir wissen, dass bisher jede technische Revolution auch ihre Gefahren- und Schattenseiten hatte.

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Beobachter: Wie lässt sich die Grenze zwischen realen und virtuellen Risiken, zwischen berechtigter Sorge und Hysterie ziehen?
Beck: Das ist eine schwierige Frage, weil der Fall, um den es jeweils geht, in vielen Bereichen zunehmend gar nicht erst eintreffen darf.

Beobachter: Weil es, wenn beispielsweise die Klimakatastrophe eintrifft, bereits zu spät ist?
Beck: Bisher war die Risikologik so aufgebaut, dass man sagte: Ein Unfall kann passieren, und wenn er passiert, gibt es alle möglichen Versicherungsleistungen. Wenn aber Katastrophen eintreffen, die gar nicht geschehen dürfen, weil sie die Menschheit im Kern bedrohen, kommt Spekulation ins Spiel. Die einen sprechen von Hysterie, die anderen von Schönfärberei. Fest steht einzig, dass die rationale Basis für solche Diskussionen fehlt.

Beobachter: Und wie unterscheiden wir berechenbare und unberechenbare Risiken?
Beck: Über diese Frage habe ich lange nachgedacht. Meiner Meinung nach ist das Kriterium, ob ein Risiko privatwirtschaftlich versicherbar ist. Denn das ökonomische Interesse der Versicherer setzt die Kontrollierbarkeit von Risiken voraus.

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Beobachter: Sind Kernkraftwerke deshalb nicht privat versicherbar?
Beck: Kernkraftwerke sind ja auch staatlich sehr unzureichend versichert, angesichts der grenzenlosen Gefahren, die von ihnen ausgehen. Umgekehrt sind Versicherungen für Terrorrisiken nach 9/11 ein neuer Markt. Je höher die Etagen, umso enormer sind die Kosten für Gebäudeversicherungen.

Beobachter: Sie sagen, Angst sei heute das bestimmende Lebensgefühl. Gibt es diesem eher trostlosen Befund nichts Positives entgegenzusetzen?
Beck: Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen Angst und Furcht. Das eine ist die unmittelbare, physische Bedrohung des Lebens, die Angst, zu verhungern oder zu verarmen. In der Weltrisikogesellschaft, in der wir leben, geht diese Angst möglicherweise zurück. Die Furcht dagegen ist etwas Abstrakteres. Sie bewegt sich ausserhalb unserer Handlungsmöglichkeiten und bezieht sich auf globale Gefahren. Diese Furcht hat wiederum eine grosse politische Bedeutung, weil sie auch eine enorme Mobilisierungskraft hat.

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Beobachter: Sind Sie demzufolge kein ängstlicher, sondern ein furchtsamer Mensch?
Beck: Ja, das kann man so sagen. Bei der alltäglichen Angst und Sorge vieler Mütter ist nun die Leberwurst, das Milchpulver, der Salat giftig? – bin ich etwas distanzierter.

Beobachter: Haben Sie eine Lebensversicherung?
Beck: Ich bin Beamter, insofern bin ich gut versichert und damit privilegiert. Ich lebe also auch in der «Vollkasko»-Gesellschaft – und muss gestehen, dass das schon eine beruhigende Wirkung hat auf die angesprochene Dimension der Angst.

Beobachter: Versicherungen leben davon, dass sie uns einen Teil dieser Angst nehmen.
Beck: Ja, aber sie erzeugen diese Angst auch, indem sie gezielt Menschen auf ihre kulturelle Prägung, unser enormes Sicherheitsbedürfnis ansprechen. Angesichts der Furcht vor globalen Risiken sind jedoch auch Versicherungen hilflos.

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Beobachter: Sie lehren in München und London. Wo fühlen Sie sich sicherer?
Beck: In München kann man viele Probleme vergessen, das ist ein Stück heile Welt. In London hingegen ist man ständig mit Widersprüchen und Gegensätzen konfrontiert. Anderseits ist uns das kosmopolitische London in vielem weit voraus.

Beobachter: Den Sommer verbringen Sie am Starnberger See, auf einem Bauernhof – dort, wo die Welt noch in Ordnung ist.
Beck: So ganz stimmt das nicht: Auch dort gibt es keine Idylle mehr. Die Bauern werden von den sinkenden Milchpreisen geschüttelt, die Bäuerin fordert Zeit für sich ein, und die Kinder leben unverheiratet zusammen. Die grossen Tendenzen kommen also auch dort an.

Beobachter: Wie in der Schweiz auch, die in der Welt ja oft als «Insel der Seligen» wahrgenommen wird.
Beck: Ich bin gerne in der Schweiz und sehe mit Interesse und Neugierde zu, wie sich die Lage für die Schweiz weiterentwickelt, wie es in den Fragen der Europäisierung und des Bankgeheimnisses weitergeht. Auch aus soziologischer Sicht ist die Schweiz interessant: als eine aus verschiedenen Kulturen bestehende kleine Weltgesellschaft, an der sich studieren lässt, wie man so etwas wie eine Gemeinschaft haben, eine gemeinsame Politik der Anerkennung der Differenz erfolgreich betreiben kann.

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Ulrich Beck, 64, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der London School of Economics and Political Science. Er zählt zu den bekanntesten Soziologen der Gegenwart und befasst sich unter anderem mit Fragen der Globalisierung, des gesellschaftlichen Wandels und der Arbeitswelt. Beck gelingt es, für gesellschaftliche Sachverhalte und komplizierte Entwicklungen eingängige Kurzformeln zu entwickeln. So prägte er zahlreiche Begriffe, die Schlagwortcharakter haben: Risikogesellschaft, Zweite Moderne, Globalismus, Fahrstuhleffekt oder Brasilianisierung. Sein Standardwerk «Risikogesellschaft» (1986) wurde in 21 Sprachen übersetzt, 2007 erschien das Buch «Weltrisikogesellschaft».

Quelle: Andreas Heddergott/SZ Photo

Becks Bücher zum Thema

Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere ­Moderne. Suhrkamp, 1986, 392 Seiten, Fr. 23.90

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der ­verlorenen Sicherheit. Suhrkamp, 2007, 440 Seiten, Fr. 22.90

Ulrich Beck: Schöne neue ­Arbeitswelt. Suhrkamp, 2007, 240 Seiten, Fr. 15.90

Ulrich Beck (Hrsg.): Genera­tion ­Global. Ein Crashkurs. Suhrkamp, 2007, 268 Seiten, Fr. 15.90

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