Sie hatte vom selben Schweinefleisch gegessen wie 22 andere Menschen, die im letzten Sommer in Dänemark gleichzeitig an einer Salmonelleninfektion erkrankten. Doch während ihre Leidensgenossinnen und -genossen wieder gesund wurden, erlag die 62jährige Dänin der schweren Darminfektion.

Die Todesursache wirkte auf die Teilnehmenden der EU-Konferenz «The Microbial Threat» (Die bakterielle Bedrohung) wie ein Donnerschlag. Die Patientin starb, weil der Krankheitserreger gegenüber dem verabreichten Antibiotikum unempfindlich war.

«Das Medikament vernichtete die natürliche Darmflora, nicht aber die Salmonellen. Die hatten freie Bahn und konnten sich ungehindert vermehren», erläutert Konferenzteilnehmer Andre Burnens, Wissenschafter am Nationalen Zentrum für enteropathogene Bakterien in Bern.

Seine Widerstandskraft hat sich der multiresistente Stamm des Bakteriums Salmonella typhimurium selber angeeignet. Die tägliche Abgabe von kleinen Mengen Antibiotika etwa im Tierfutter veranlasste diese Krankheitskeime, Resistenzgene zu entwickeln.

Im September 1998, als in Kopenhagen die EU-Konferenz stattfand, lag der Tod der Dänin bereits mehr als zwei Monate zurück. Dass er dennoch «pressegerecht aufgewärmt wurde» (Burnens), hatte einen handfesten Grund: «Dänemark als Organisator dieser Konferenz wollte Druck machen, dass in der EU eben diese antimikrobiellen Leistungsförderer verboten würden.» Die Strategie hatte Erfolg. Seit Anfang März ist in der EU die Anwendung solcher Futterbeigaben stark eingeschränkt. In der Schweiz gilt seit 1. Januar ein generelles Verbot.

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Bakterien bauen Gene um
Damit ist das Problem aber nicht vom Tisch. Bakterien erwerben sich ihre Abwehr gegen Antibiotika nicht nur im Tiermagen. «Bakterien kannten Resistenzmechanismen, lang bevor Antibiotika eingesetzt wurden», sagt Hans Schmid, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Sie sind natürliche Reaktionen auf Veränderungen in ihrer Umwelt.»

Resistenzen sind bakterielle Uberlebensstrategien: Verschiedene unter den heute bekannten 5000 Bakterienarten können selber antibiotische Stoffe absondern und damit unliebsame Konkurrenz in Schach halten. Folge: Die angegriffenen Bakterien verteidigen sich. Sie bauen etwa Gene in ihrem Erbgut so um, dass die gegnerischen Substanzen nicht mehr in ihre Zelle eindringen können. Diese Resistenzgene geben sie in der Folge nicht bloss an ihre direkten Nachkommen weiter. Sie sind in der Lage, ihr «Know-how» mit Artgenossen sowie mit fremden bakteriellen Arten auszutauschen.

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Ihre extreme Anpassungsfähigkeit kam den Bakterien auch zupass, als der Mensch mit Antibiotika erstmals zum Generalangriff gegen bakterielle Krankheitserreger blies. 1928 durch den britischen Forscher Alexander Fleming entdeckt, wurde Penicillin während des Zweiten Weltkriegs in grösseren Mengen produziert und eingesetzt.

Die Resistenzen folgten dem hilfreichen Medikament auf dem Fuss: 1946 waren in einem englischen Spital 14 Prozent der auch auf der menschlichen Haut vorkommenden Eiterbakterien Staphylococcus aureus gegenüber Penicillin unempfindlich, in den beiden darauffolgenden Jahren waren es schon 38, dann 59 Prozent.

Hans Schmid: «Sobald Antibiotika eingesetzt werden, treten Resistenzen auf.» Diese einfache Wahrheit war so lange nicht beunruhigend, als Forscher und Forscherinnen immer wieder auf neue Substanzen mit antibiotischer Wirkung stiessen und die Pharmaunternehmen neue Medikamente auf den Markt brachten.

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Doch damit ist es längst vorbei. «Seit den achtziger Jahren», sagt Hans Schmid, «hat man in dieser Hinsicht keine neuen Entdeckungen mehr gemacht. Es gab nur noch Varianten bereits bestehender Medikamente.»

Kampf gegen Spitalkeime
Die Krankheitserreger hingegen blieben nicht untätig. Heute gibt es kaum mehr ein grösseres Spital, das nicht von MRSA- und VRE-Bakterien bevölkert wird, um zwei der wichtigsten Spitalkeime zu nennen. Die Abkürzungen stehen für bestimmte Stämme von Staphylococcus aureus respektive von Enterokokken.

Letztere sind ausserhalb ihres natürlichen Umfelds, des Dünndarms von Mensch und Tier, krankheitserregend. Sowohl MRSA wie auch VRE sind gegenüber zahlreichen wichtigen Antibiotika unempfindlich.

Auf den Intensivstationen sind diese Bakterien ohne und mit Resistenzen gefürchtet. Die Keime können bei Frischoperierten schwere Wundinfektionen und Blutvergiftungen auslösen, Organe befallen und implantierte Gelenke besiedeln. Sind MRSA und VRE die Verursacher, kann heute praktisch nur noch je ein Antibiotikum helfen.

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Im Ausland ist bereits eingetreten, wovor sich alle fürchten: Bei den multiresistenten VR-Enterokokken haben sich sogenannte «superbugs» gebildet. Gegen diese Keime hilft kein Antibiotikum mehr. «Superbugs» zeichnen sich auch bei MRSA-Stämmen ab. In Japan, den USA, in Deutschland und Frankreich wurden «Staphaureus»-Varianten isoliert, deren Empfindlichkeit auch gegenüber dem letzten wirksamen Antibiotikum reduziert ist.

International gesehen stehen die Schweizer Spitäler punkto Spitalhygiene zwar vergleichsweise gut da. Das ist aber kein Grund für Entwarnung: «Wir haben auch bei uns Patienten», sagt Rainer Weber, Arzt der Abteilung Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich, «die wegen Antibiotikaresistenzen nur mehr schwer behandelbar sind.»

Waren die antibiotika-unempfindlichen Bakterien vorerst hauptsächlich ein Krankenhausproblem, so findet man sie immer mehr auch «in freier Wildbahn». Schätzungen für Europa gehen davon aus, dass zwischen zwei und fünf Prozent der Bevölkerung bereits multiresistente VR-Enterokokken im Darm haben. Diesbezügliche Erhebungen für die Schweiz fehlen. Ein Nationales Forschungsprogramm soll diesem Mangel jedoch abhelfen (siehe unten).

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Resistente Salmonellen
Auch die 62jährige Dänin hat sich die Salmonelleninfektion nicht im Spital zugezogen, sondern über Schweinefleisch von einem dänischen Bauernhof. Der multiresistente Salmonellenstamm DT104, deren Opfer die Frau geworden ist, befindet sich seit 1990 europaweit auf dem Vormarsch. Der Anteil hospitalisierter Patienten ist bei DT104-Infektionen doppelt so hoch wie bei normalen Salmonellen, auch kommt es häufiger zu Komplikationen.

Besonders beunruhigend ist, dass sich DT104 zur bereits vorhandenen Fünffachresistenz in mehreren europäischen Ländern noch eine Unempfindlichkeit gegenüber den synthetisch hergestellten Substanzen Trimethoprim und Fluorochinolone zulegt.

In der Schweiz zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab: 1997 waren rund 36 Prozent der beim Menschen isolierten Salmonella-typhimurium-Proben Stämme von DT104. Und auch bei uns gibt es Anzeichen für Resistenzen gegen Trimethoprim und Fluorochinolone.

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Vor allem die wachsende Unempfindlichkeit verschiedenster Bakterien gegenüber den Fluorochinolonen macht den Schweizer Fachleuten zunehmend Bauchweh. Diese Substanzen sind wegen ihrer guten Verträglichkeit bei vielen Krankheiten erste Wahl.

So auch vermehrt bei Erkrankungen der Atemwege. Die Folge: In sechs europäischen Ländern waren bereits in der ersten Hälfte unseres Jahrzehnts neun Prozent der Pneumokokken gegen diese Medikamentenklasse unempfindlich.

Das ist alarmierend. Diese Erreger von Lungen- und Hirnhautentzündungen führen in ihrem Erbgut schon Resistenzen gegenüber anderen Antibiotika mit. Auch die hiesigen. «Wir sind zwar lang nicht so schlimm dran wie etwa Spanien oder Frankreich», sagt Universitätsspitalarzt Rainer Weber, «doch auch bei uns weisen zwischen fünf und sieben Prozent der Pneumokokken gewisse Resistenzen auf.»

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Bei Husten nichts schlucken
Die Uhr steht auf fünf vor zwölf: Die internationale Fachwelt sieht das «postantibiotische Zeitalter» anbrechen. «Ohne erhöhte Anstrengungen und wirksame Gegenmassnahmen», fürchtet etwa Roche-Forschungsleiter Wolfgang Keck, «kehren wir vermutlich bald wieder in eine "vorantibiotische Ära" zurück.»

Beim Basler Pharmakonzern wird zwar intensiv nach weiteren antibiotischen Substanzen geforscht. Auch werden neue Wege abgeklopft etwa mit dem Ziel, dasjenige Gen in der bakteriellen Erbsubstanz zu blockieren, das die krankheitserregende Wirkung hervorruft. Doch die Materie ist komplex. Mit einem Durchbruch ist kurzfristig nicht zu rechnen.

Was also ist zu tun? Die Antwort ist banal: weniger Antibiotika schlucken. Denn je weniger diese Medikamente konsumiert werden, desto kleiner wird der Druck auf Bakterien, mit Resistenzen zu reagieren. Schätzungen gehen davon aus, dass 20 bis 50 Prozent der verschriebenen Antibiotika gar nicht nötig gewesen wären. Der Sündenfall passiert vorab bei Husten, Schnupfen und Halsweh.

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Trotzdem steigt der Konsum kontinuierlich. 1992 wurden in der Schweiz für 227 Millionen Franken Antibiotika umgesetzt, fünf Jahre später für 273 Millionen. Gegen 80 Prozent werden in Arztpraxen verschrieben. Spitalarzt Rainer Weber schiebt den Schwarzen Peter jedoch nicht nur den Kolleginnen und Kollegen zu: «Oft sind es die Patienten und Patientinnen selber, die unbedingt ein Antibiotikum wollen.»

 

Was wird getan?

  • Unter Führung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ist gegenwärtig eine hochkarätige Antibiotika-Task-Force an der Arbeit. Deren Bestandesaufnahme soll, so BAG-Vizedirektor und Task-Force-Chef Urs Klemm, «im Mai oder Juni vorgelegt werden».
  • In der Pipeline ist auch ein umfangreiches Nationales Forschungsprogramm zum Thema Antibiotikaresistenz, das unter anderem die völlig ungenügende Datenlage in der Schweiz verbessern soll. Der Wissenschaftsrat des Nationalfonds steht dem Projekt «positiv gegenüber», so Nationalfonds-Mitarbeiter Stefan Husi. Der Ball liegt nun beim Bundesrat.
  • Der Zürcher Universitätsspitalarzt Rainer Weber engagiert sich mit Kollegen «für den zweckmässigen Einsatz von Antibiotika». Die Gruppe setzt vorab auf Information. Eine mehrteilige Artikelserie zum Thema ist in der Schweizerischen Ärztezeitung erschienen. Eine Informationsbroschüre fürs Publikum soll folgen.
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