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BerufsbildungWas taugt die Lehre?

Mit mehr «Durchlässigkeit» ist das duale Bildungssystem der Schweiz für die Zukunft gerüstet. Bild: Katharina Gschwendtner

Die Schweizer Berufslehre gilt als Erfolgsmodell. Doch ohne Reformen hat sie keine Zukunft.

von Conny Schmid, Yaël Debelle und Alexandra Bröhm

Neunmal Gold, dreimal Silber und fünfmal Bronze: Der ganze Nationalrat beklatschte im September die 39 jungen Schweizer Berufsleute, die da mit geschwellter Brust auf der Ratstribüne standen – sie hatten an den Berufsweltmeisterschaften in Leipzig insgesamt 17 Medaillen geholt. Sie waren damit bestes europäisches Team und hatten in den Augen der Rats­mitglieder einmal mehr bewiesen, wie leistungsfähig das duale Schweizer Berufsbildungssystem mit praktischer Ausbildung und Schulunterricht ist.

Einige Polit-Exponenten sind sogar überzeugt, dass der volkswirtschaftliche Erfolg des Landes mit seiner vergleichs­weise tiefen Jugendarbeitslosigkeit grösstenteils auf das Lehrsystem zurückzuführen sei. «Der Reichtum der Schweiz gründet hauptsächlich darauf, dass Jugendliche früh und nachhaltig ins Wirtschaftssystem integriert werden», sagt zum Beispiel der frühere SP-Nationalrat und ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm, der heute den Schweizerischen Verband für Weiterbildung präsidiert.

Die duale Berufsbildung, bei der schu­lische und betriebliche Ausbildung Hand in Hand gehen, ist in dieser Form einzig­artig und gilt als Erfolgsmodell. Nur wenige Länder kennen ähnliche Systeme, etwa Deutschland, Österreich oder Dänemark. Auch dort ist die Jugendarbeitslosigkeit ­tiefer als beispielsweise in Frankreich, Spanien oder Italien, die nur vollschulische Ausbildungen kennen.

Wissenschaftler warnen zwar davor, die duale Berufsbildung als einzigen Grund für die tiefe Quote zu betrachten. Dennoch scheint das Interesse am schweizerischen System in der Krise auch im Ausland zu wachsen – nachdem die Schweiz von der OECD lange Zeit für ihre tiefe Akademikerquote kritisiert und die höhere Berufs­bildung schlicht übersehen worden war. «Wir erhalten wöchentlich Besuch ausländischer Delegationen, die sich über unser System informieren wollen und Lehrbetriebe besuchen», sagt Josef Widmer, Leiter Berufsbildung beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

Doch was gut ist, muss nicht automatisch gut bleiben. «Der Erfolg von heute ist der Vater des Misserfolgs von morgen», sagt etwa Walther Zimmerli. Der Philosophieprofessor an der Humboldt-Univer­sität in Berlin ist Mitglied einer Arbeitsgruppe der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Diese haben 2009 unter dem Titel «Zukunft Bildung Schweiz» ein umstrittenes Weissbuch herausgegeben. Das darin entworfene Szenario sah vor, dass im Jahr 2030 rund 70 Prozent der Bevölkerung ­einen Abschluss auf Hochschulniveau haben sollten, um für die Arbeitswelt gerüstet zu sein.

Darauf hagelte es Kritik. Er wolle die Lehre abschaffen, warf man dem Haupt­autor Zimmerli vor. Er machte sich unbeliebt, doch unrecht hatte er nicht. Tatsächlich entwickeln sich selbst handwerkliche Berufe immer mehr zu Wissensberufen. Ein beliebtes Beispiel dafür ist der Heizungsmonteur: Früher reichte es, wenn er Rohre zusammenschrauben konnte, heute muss er modernste Haustechnikanlagen programmieren und alternative Energietechnologien kennen. Es stellt sich die ­Frage, ob dieses Wissen in einer Lehre ausreichend vermittelt werden kann.

Einiges deutet zudem darauf hin, dass die duale Berufslehre immer unbeliebter wird, vor allem in städtischen Gebieten. Eltern und Schulabgänger bevorzugen das Gymnasium. Hauptgrund ist das mangelnde Prestige der Lehre. Laut einer aktuellen Studie der Universität Bern glauben vor allem gebildete Eltern, der Weg über die Lehre gehe mit einem geringeren sozialen Status einher. Dass man auch mit einer Lehre zu einem Hochschulabschluss kommen kann – sei es über die Berufsmatura oder dank der sogenannten Passerelle –, geht häufig vergessen.

Wie Aldi der Berufslehre schadet

Während sich das Ausland also zunehmend für die Lehre interessiert, verliert sie im Inland an Boden. Schon heute klagen Betriebe, sie fänden nicht mehr genügend gute Lehrlinge. Letztes Jahr waren Ende August noch 8500 Lehrstellen offen, vor allem in Berufen mit hohen Anforderungen.

Die Supermarktkette Aldi hat der Lehre einen Bärendienst erwiesen, als sie kürzlich bekanntgab, dass ungelernte Angestellte bis zu 4700 Franken Lohn erhalten werden. Damit verdienen diese mehr als zahlreiche Berufsleute mit Lehrabschluss wie etwa Coiffeusen, Drogisten, aber auch Elektroinstallateure.

Die duale Berufsbildung gerät zunehmend unter Druck. Sie muss sich weiterentwickeln, will sie nicht vom Erfolgs­modell zum Auslaufmodell werden. Die wichtigsten Punkte lassen sich an vier Handlungsfeldern festmachen.

Problem 1: Strukturwandel

Von den einen zu viel, von anderen zu wenig

Die Berufslehre ist historisch bedingt stark in Industrie und Gewerbe verankert (siehe auch «Die Geschichte der Berufslehre», unten). Das ist bis heute so: Die meisten Lehrstellen werden in Betrieben des produzierenden Sektors angeboten. Ganz ­anders sieht aber die Nachfrage auf dem re­alen Arbeitsmarkt aus: Seit den sechziger Jahren verschiebt sich die Wirtschaftsstruktur hin zu den Dienstleistungen. Viele handwerkliche Arbeiten werden heute ­entweder von Maschinen oder billiger im ­Ausland erledigt. Diese Entwicklung spiegelt sich im Lehrstellenangebot kaum wider. Im Dienstleistungsbereich gibt es zu wenig Ausbildungsplätze, beim produzierenden Gewerbe zu viele. Laut ­einer Studie der Uni Basel lag die Lehrlingsquote bei den Industrie- und Gewerbeberufen im Jahr 2000 bei knapp zwölf Prozent. Bei den Dienstleistungsberufen waren es nicht einmal vier Prozent.

Und viel geändert hat sich bei der Lehrlingsquote seit dem Jahr 2000 nicht. «Diese Schere zwischen dem Arbeitsmarkt und dem Lehrstellenmarkt ist eines der Hauptprob­le­me des dualen Bildungs­systems», sagt der Zürcher Ökonom Patrik Schellenbauer. Er ist Projektleiter beim wirtschaftsliberalen Thinktank Avenir Suis­se und Mitverfasser einer Studie zur «Zukunft der Lehre». «In vielen Branchen lohnen sich Lehrlinge für die Betriebe ­finanziell – darum werden viele Stellen angeboten», sagt er. Zudem gehöre es in ländlichen Gebieten zum guten Ton, Lehrlinge auszubilden. «Nicht selten ist das ein Vorteil bei der Auftragsvergabe.» Umso wichtiger sei es, dass der Arbeitsmarkt flexibel bleibe und Berufswechsel ermögliche.

Laute Klagen, wenig Taten

Ähnlicher Meinung ist Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbe­verbands. Viele Handwerker bildeten sich weiter und wechselten in Dienstleistungsbereiche wie Beratung und Verkauf. «Sie können dabei von den handwerklichen ­Fähigkeiten profitieren, die sie sich in der Lehre angeeignet haben. Ein Berater, der sein Metier von Grund auf kennt, ist immer besser als ­einer, der alles nur vom Hörensagen weiss», sagt Bigler. Das Problem des verpassten Strukturwandels hält er für «weitgehend herbeigeredet».

In einem sind sich die Fachleute aber einig: Vor allem die Informations- und Kommunikationsbranche bietet zu wenig Lehrstellen an – und es handelt sich dabei ausgerechnet um einen jener Wirtschaftszweige, die besonders laut über den Fachkräftemangel klagen. Nicht immer liegt es am fehlenden Willen. «Viele IT-Betriebe sind zu klein und zu schnelllebig, als dass sie Lehrlinge ausbilden könnten», sagt Schellenbauer von Avenir Suisse.

Problem 2: Akademisierung

Mehr Hochqualifizierte braucht das Land

Seit Jahren importiert die Schweiz Arbeitskräfte aus dem Ausland, darunter immer mehr Akademiker. Dennoch sind nicht mehr Schweizer arbeitslos. «Das zeigt, dass der heimische Pool an Hochqualifizierten zu klein ist, um die Nachfrage zu decken», sagt Patrik Schellenbauer. Als möglichen Lösungsbeitrag sieht er das duale Studium für Maturanden, das die betriebliche Praxis mit einem Fachhochschulstudium verbindet. «Die Banken tun das schon lange. Sie werben auf Kosten der KV-Lehre Maturanden an, um sie in sogenannten Traineeships intern auszubilden.»

Für Weissbuchautor Walther Zimmerli ist klar, dass es mit dem Schweizer System so nicht weitergehen kann. «Die Schweiz schöpft ihre Begabungs­reserven nicht aus», findet er. Teenager müssten viel zu früh zwischen Hand- und Kopfarbeit entscheiden – just in einer Phase, in der viele schulmüde seien. «Ich bin nicht gegen die Lehre», sagt Zimmerli. Sie sei aber zu sehr auf die Praxis ausgerichtet. «Es braucht ­zusätzliche schulische Elemente – wie umgekehrt auch immer mehr Praxisanteile Eingang in die schulische und hochschu­lische Ausbildung gefunden haben.»

Bei Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler kommt diese Idee nicht gut an: «Die starke Praxisorientierung ist ja gerade der Trumpf der Berufsbildung. Wir dürfen ihn nicht aus der Hand geben.» Die geforderten theoretischen Kenntnisse gehörten in die höhere Berufsbildung ­(siehe «Von EFZ, FP und HF», Seite 27). Diese soll garantieren, dass die Berufslehre für eine Zukunft in der Wissensgesellschaft gerüstet ist. «Durchlässigkeit» lautet das Zauberwort: vom Lehrling bis zum eidgenössisch diplomierten Fachmann auf Tertiärniveau.

«Vom Koch zum Hotelmanager»

«Die Lehre muss Karriereaussichten bieten, damit sich auch Talente dafür begeistern können», findet der Berner Bildungsökonom Stefan C. Wolter. Das diene zudem dem Image der dualen Berufsbildung. «Mit einer Kochlehre im Sack kann ein junger Mann mit 28 Hotelmanager in Hongkong sein», sagt er.

Der Kampf um die besten Talente zwischen Universitäten, Fachhochschulen und der höheren Berufsbildung ist längst im Gang. Doch es ist ein Kampf mit ungleichen Spiessen, wie die Verfechter der Berufsbildung monieren. «Die Universitäten bekommen viel mehr Geld als die höhere Berufsbildung», kritisiert etwa Hans-Ulrich Bigler vom Gewerbeverband. So werden die Vorkurse für die Prüfungen der höheren Berufsbildung mehrheitlich durch die Absolventen und die Betriebe bezahlt und von den Berufsverbänden angeboten. Der Staat solle diese Kurse finanziell stärker unterstützen, fordert Bigler. In Bern ist die Botschaft bereits angekommen: «Wir setzen uns dafür ein, dass es mehr Geld geben wird», verspricht Josef Widmer vom Staatssekretariat für Bildung.

Wenig begeistert davon ist Bildungsökonom Wolter: «Die Berufsverbände verdienen mit den Vorkursen zum Teil sehr viel Geld und zahlen den Dozenten teils überdurchschnittliche Löhne.» Wenn der Staat zahle, müssten die Verbände im Gegenzug ihre Rechnungen offenlegen und sich wohl auch Kostenbeschränkungen unterwerfen. «Das wird nicht unbedingt im Interesse der Verbände sein, die sich heute durch solche Kurse querfinanzieren.» Ausserdem sei ein Unistudium trotz hohen Subventionen für die Studenten viel teurer: «Ihnen entgehen im Vergleich zu Absolventen der höheren Berufsbildung mehrere Jahreslöhne. So gerechnet kostet sie ein akademisches Vollzeitstudium etwa 400000 Franken», sagt Wolter.

Die Diplome zahlen sich finanziell aus

Die berufsbegleitenden Vorkurse mit ihren Kosten von durchschnittlich unter 10000 Franken seien ungleich billiger und würden häufig während der bezahlten Arbeitszeit besucht. Ausserdem sind sie sehr rentabel: Gemäss einer Studie des Büros Bass im Auftrag des Bundes verdienen Absolventen der kaum staatlich finanzierten Fach- und Berufsprüfungen bereits während der Ausbildung durchschnittlich 200 Franken mehr pro Monat als vor ihrer ­Zusatzausbildung.

Problem 3: Globalisierung

Die Schweiz ist keine Insel

Die höhere Berufsbildung hat noch ein wei­teres Handicap: Abschlüsse wie «eid­ge­nös­sischer Fachausweis» klingen nicht sexy und sind im Ausland meist gänzlich unbekannt. Die wenigsten Länder kennen eine duale Berufslehre mit kombinierter schulischer und betrieblicher Ausbildung, erst recht nicht die höhere Berufsbildung, die auf der gleichen Stufe wie ein Hochschulabschluss steht. SP-Nationalrat Matthias Aebischer fordert daher in einer Motion den Titel «Professional Bachelor» für Absolventen.

Die Idee kommt nicht von ungefähr. Die Schweiz gilt als eines der am stärksten globalisierten Länder, ausländische Firmen lassen sich gern hier nieder, Schweizer Firmen kommen in ausländische Hände oder rekrutieren CEOs aus dem Ausland. «In vielen Firmen sitzen mittlerweile ausländische Personalfachleute, die un­sere Abschlüsse nicht kennen. Statt eines Berufsfachmanns mit viel Erfahrung und Diplom stellen sie lieber einen Uni- oder Fachhochschulabgänger ein, weil sie glauben, dieser sei besser ausgebildet», sagt ­etwa Bildungspolitiker Rudolf Strahm.

Manchmal verhindern auch vorgege­bene firmeninterne Richtlinien Karrieren: «Ich kenne Betriebe, in denen Beförderungen nur Personen mit Hochschulabschluss offenstehen», sagt Bildungsökonom Stefan C. Wolter. Und Josef Widmer vom Staats­sekretariat für Bildung kennt Beispiele von Firmen, denen im Ausland Aufträge entgangen seien, weil ihr Personal angeblich zu wenig qualifiziert sei. Nun erarbeiten Fachleute unter seiner Ägide Vorschläge für Titelzusätze. Natürlich gibt es da die Gefahr, dass diese noch mehr Verwirrung stiften. «Wir dürfen keinen Etikettenschwindel betreiben», sagt Widmer.

Und: Bereitet die Berufslehre die Lernenden genügend auf die internationale Zusammenarbeit vor? Schon heute wird in der Finanzwirtschaft, aber auch in der exportorientierten Industrie täglich englisch gesprochen. Fremdsprachenunterricht wurde zwar in einzelnen Lehren eingeführt, etwa technisches Englisch bei den Polymechanikern. Für Gewerbeverbandsdirektor Bigler ist das genug: «Man sollte Fremdsprachenunterricht nur in den Berufen ausbauen, in denen es ohne nicht mehr geht. Der Rest ist Teil der Weiterbildung», sagt er. Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse findet hingegen, eine Fremdsprache gehöre in jede Lehre – es gelte, nach kreativen Lösungen zu suchen, damit die betriebliche Ausbildung nicht zu sehr leide. «Grundsätzlich werden Fähigkeiten im Umgang mit verschiedenen Kulturen im Arbeitsmarkt immer wichtiger», betont ­Josef Widmer vom Staatssekretariat für ­Bildung. «Deshalb müssen wir auch gezielter Migranten in unsere Berufsbildungs­angebote integrieren.»

Problem 4: Diskriminierung

Die Sache mit dem «ić»

Wer Goran Draškovi´c heisst und eine Lehrstelle sucht, hat es schwer. Ausländische Jugendliche der ersten Generation haben dabei viermal schlechtere Chancen – bei gleichen schulischen Leistungen wie ihre Schweizer Kollegen. Das ergab eine Studie des Basler Bildungssoziologen Christian Imdorf vor über zehn Jahren. Damals herrschte Lehrstellenmangel. Heute sind Lehrlinge selbst knapp. Trotzdem mussten auch 2013 ausländische Jugendliche fast dreimal mehr Bewerbungen schreiben – im Schnitt 28, ehe sie eine Lehrstelle fanden. Betroffen ist weit mehr als eine kleine Randgruppe. Fast ein Viertel der in der Schweiz lebenden Jugendlichen sind Ausländer, Secondos nicht mitgerechnet.

Dabei wäre Chancengleichheit wichtig. «Die Berufsbildung entscheidet darüber, ob Jugendliche in der Gesellschaft ihren Platz finden», sagt Imdorf. Selfmadekarrieren, wie sie im angelsächsischen Raum verbreitet sind, seien in der Schweiz kaum möglich. Wer also den Einstieg in die Berufsausbildung nicht findet, bleibt auf der Strecke. «Diskriminierung bei der Lehr­stellenvergabe ist verheerend. Sie wirkt sich auf das ganze Leben aus.»

Jugendliche, die nach Dutzenden Bewerbungen ohne Lösung dastehen, landen oft in Ausbildungsbetrieben mit sozialem Auftrag, etwa bei Overall in Basel. «90 Prozent unserer Lehrlinge haben Migrationshintergrund», sagt Bereichsleiterin Regula Aepli. «Viele von ihnen brillieren bei uns.»

Unter der Diskriminierung leiden nicht nur die Betroffenen, sondern sie schadet letztlich der ganzen Volkswirtschaft. «Es bedeutet, dass Firmen zum Teil hervorragende Leute verpassen», sagt Josef Widmer vom Staatssekretariat für Bildung. Die Wirtschaft könne sich das nicht leisten: «Der Arbeitsmarkt braucht diese Leute. Die Jahrgänge schrumpfen, es gibt immer weniger Schulabgänger.»

«In der Schweiz sind Bewerbungsverfahren praktisch nicht reguliert», sagt der Soziologe Christian Imdorf. Viele Betriebe suchten bei der Auswahl von Kandidaten nach Hinweisen, die auf ein Problem hindeuten könnten. Weil die Jugendlichen kaum Referenzen von Arbeitgebern mitbringen, geben oft Name, Wohnort, Hobbys oder sogar Beruf und Zivilstand der Eltern den Ausschlag. Gute Chancen haben ausländische Jugendliche gemäss Imdorf in grossen Firmen oder in Ausbildungsverbünden. Dort werde professioneller und standardisiert rekrutiert. Vorurteile über mangelnde Integra­tion im Betrieb spielten eine geringere Rolle als in Kleinbetrieben.

Standardisierte Bewerbungen sind allerdings für eine andere Gruppe problematisch: für Jugendliche mit schlechten Noten. «Zeugnisnoten und Schultyp gehören zu den ersten Kriterien, nach denen aussortiert wird, auch wenn die praktische Begabung für die Arbeit wichtiger wäre», sagt Imdorf.

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. Doch nicht selten bleiben vorhandene Talente unerkannt, weil zu sehr auf Schulnoten, Nachnamen oder andere Merkmale geachtet wird und zu wenig auf die Dinge, die wirklich zählen: Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Begeisterungsfähigkeit. Aus dem Ausland importieren lassen sich diese nicht.

Die Berufslehre – Zahlen und Fakten

Von EFZ, FP und HF: Das Schweizer System

Mit der drei- oder vierjährigen Berufslehre erlangen Jugendliche das eid­genössische Fähigkeitszeugnis (EFZ). Mit diesem können sie die eidgenös­sische Berufsprüfung (BP) oder die eidgenössische höhere Fachprüfung (FP) ablegen und mit einem eidgenössischen Fachausweis respektive einem eidgenössischen Diplom abschliessen. Das erforderliche Wissen wird meist in Vorkursen vermittelt.

Insgesamt gibt es über 400 anerkannte Abschlüsse. Ebenfalls mit dem EFZ können Berufsleute in 52 Bildungs­gängen an einer höheren Fachschule meist im Vollzeitstudium ein Diplom HF erwerben. BP, FP und HF gelten als tertiäre ­Ausbildung auf der Ebene eines Uni- oder Fachhochschulstudiums.

Veröffentlicht am 2014 M01 06