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Schule«Die heutigen Kinder sind überbetreut»

Immer mehr Eltern sind verunsichert, wenn es um Schule und Hausaufgaben geht: Sie holen Hilfe von aussen. Experte Rudolf Bühlmann sagt, woher das kommt.

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Beobachter: Brauchen Eltern heutzutage tatsächlich Kurse, die ihnen beibringen, wie sie mit ihren Kindern lernen sollen?
Rudolf Bühlmann: Eltern sollten eher den Dialog mit den Lehrpersonen einfordern als Kurse besuchen. Oft sind Lehrer ja selber Eltern und wissen sehr genau, wovon sie sprechen. Wenn sie pädagogisch richtig arbeiten, beziehen sie die Eltern sowieso mit ein und geben auch bekannt, wie und wo man die Kinder unterstützen kann und wie die Zusammenarbeit aussehen soll.

Beobachter: Wie denn?
Bühlmann
: Ich zeichne jeweils drei sich überschneidende Kreise: das Familienfeld, das Schul- und das Freizeitfeld. Das Kind hat ein Grund­recht, sich in diesen zu bewegen, und die Erwachsenen müssen sich über die Organisation der Schnittmengen absprechen. Wenn hin­gegen die Eltern beanspruchen, am besten zu wissen, wie und was das Kind für die Schule lernen muss, dann bekommt das Kind ein Problem.

Beobachter: Warum organisieren Eltern so früh so viel Hilfe?
Bühlmann: Ich vermute, dass das eine Reaktion auf die Nachwehen der «antiautoritären» 68er-Jahre ist. Die Kinder von damals sind heute selber Eltern. Sie empfinden ihre damalige Erziehung als eine Form von Vernachlässigung und machen das genaue Gegenteil: Betreuung, beziehungsweise Überbetreuung. Man kennt dieses Phänomen aus der Alkoholikerforschung: In der einen Generation wird gebechert, die nächste bringt Antialkoholiker hervor.

Beobachter: Weil Eltern die optimale Bildung für ihr Kind wollen, stellen sie immer mehr Forderungen an Lehrer. Wollen deshalb immer weniger junge Leute Primarlehrer werden?
Bühlmann
: Das öffentliche Bildungssystem der Schweiz ist kein sehr aktuelles, es ist relativ träge. Eine Familie kann sich viel rascher anpassen und aktualisieren als ein ganzes Schulsystem. Deshalb boomt das Privatschul­wesen seit 15 Jahren. Seit es Alternativen gibt, merken die Eltern, was möglich wäre. Das wird so lange dauern, bis das System Staatsschule sich eine neuere, modernere Form der Zusammenarbeit mit den Eltern überlegt. Die originellen, guten Lehrkräfte, die echten Pädagogen, sind am Verschwinden. Auch weil man meint, man müsse die Lehrerausbildung akademisieren, dann habe man nachher super Pädagogen.

Beobachter: Wie müsste denn heute ein super Pädagoge aussehen?
Bühlmann
: Bildlich gesprochen, kann man das so erklären: Zwei Lehrer kommen auf der Schulreise mit ihren Klassen an einen Bach, der überquert werden muss. Der Leh­rer der ersten Klasse, ein starker Mann, hebt die Kinder eins nach dem anderen übers Wasser. Der Lehrer der zweiten Klasse erinnert sich, dass einige seiner Schüler in die Pfadi gehen. Er fragt sie nach Lösungsvorschlägen: Die Kinder bauen mit grossen Steinen einen Steg. Jenen, die sich nicht über diese Brücke trauen, hilft der Lehrer über den Bach. Die Kinder aus der ersten Gruppe erfahren ein Lern­modell, das unserem heutigen, ich nenne es «vorspringend fürsorglich», entspricht – leider. Und wenn sie dann Eltern werden, haben sie das noch immer im Kopf. Dabei macht es den Kindern mehr Spass, selber auszuprobieren, neugierig sein zu dürfen – wie die der zweiten Gruppe.

Beobachter: Man kann also nicht nur den Eltern einen Vorwurf machen?
Bühlmann
: Nein, überhaupt nicht. Das staatliche Schulsystem ist um eine, zwei Generationen im Hintertreffen. Es braucht gerade heute viel Kommunikation, viel Aufklärung, viel Information, gerade auch für Eltern mit Mi­gra­tionshintergrund. Wenn man die Karten auf den Tisch legt, wenn ein gewisses Grundvertrauen besteht, nützt das den Kindern in jedem Fall.

Beobachter: Schadet es den Kindern, wenn beide Elternteile arbeiten?
Bühlmann
: Wenn beide arbeiten, sind vom Geld her auch die Möglichkeiten gegeben, sich Hilfe von aussen zu holen – das muss dann fast sein, weil das Kind ja Betreuung und Unterstützung braucht, und zwar im Alltag. Ich sehe immer wieder Familien, die die tollsten Wochenenden, die unglaublichsten Ferien machen, und dann sind sie der Meinung, das sei die optimale Familienzeitgestaltung. Ein Kind beschäftigt sich auch gern mit sich selber oder mit Gleichaltrigen – es ist nicht die Aufgabe der Erwachsenen, permanent Unterhaltungs- oder Förderprogramme bereitzuhalten.

Beobachter: Haben Schüler heute andere Probleme als früher?
Bühlmann
: Grundsätzlich geht es heute wie früher um dieselben Fragen: Wie bin ich in der Schule, in der Familie und im Freundeskreis integriert? Die Grundprobleme sind dieselben geblieben, aber die Möglichkeiten, sie zu lösen, haben sich stark verändert.

Beobachter: Viele Eltern lassen ihre Kinder abklären, ihren IQ und alles mögliche andere testen.
Bühlmann
: Ich halte wenig von solchen IQ-Zahlen. Sie belegen meiner Ansicht nach einzig und allein, dass sich ein Kind in einem bestimmten Mass einem vorgegebenen System anpassen kann.

Veröffentlicht am 23. September 2011