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Turnstunde: Zürich will nur Lehrer mit Master-Abschluss. Bild: Thinkstock Kollektion

Der Kanton Zürich ändert plötzlich die Anforderungen an die Sportlehrer. 20 Jahre Berufspraxis genügen nicht mehr.

von Susanne Loacker

Ende März 2015 haben Markus Fuchs, Marco Fassler und rund 3000 andere Fachlehrer im Kanton Zürich ein Kündigungsschreiben erhalten. Fuchs ist seit ­23 Jahren Sportlehrer, Fassler seit 14. Beide haben in Magglingen studiert und dürfen seither schweizweit Sport unterrichten – eine gute Ausbildung, könnte man meinen. Die Eidgenössische Hochschule für Sport oberhalb des Bielersees ist schliesslich die einzige Hochschule im Land, die sich nur mit Sport befasst.

Doch offenbar genügt das Magglinger Diplom im Kanton Zürich nicht mehr. Und das nur deshalb, weil Fachlehrer neu direkt beim Kanton und nicht mehr bei der Gemeinde angestellt sind. Fachlehrer – also Turn-, Schwimm- und Werklehrer – werden den Primar- und Sekundarlehrern gleichgestellt, die Sprachen oder Naturwissenschaften unterrichten. Darum haben alle das Kündigungsschreiben erhalten.

Doch das war kein harm­loser arbeitsrechtlicher Akt; die Kantonalisierung der Fachlehrer hat es in sich. Sie müssen plötzlich neue Bedingungen erfüllen. Allerdings kann noch niemand genau sagen, wie diese Bedingungen überhaupt aussehen.

Alles bloss Arbeitsbeschaffung?

Als die Fachlehrpersonen aufgefordert wurden, ihrer Kantonalisierung zuzustimmen, hiess es, sie müssten den Master-Abschluss nachholen. Rund 300 Sportlehrer verwehrten die Zustimmung, unter ihnen auch Marco Fassler und Markus Fuchs. Fassler, dreifacher Familien­vater: «Ich kann mich doch nicht einfach so verpflichten, neben meinem Vollzeitjob drei Jahre lang eine Ausbildung zu absolvieren, die 60 Prozent in Anspruch nehmen wird.»

Die betroffenen Lehrer argwöhnen, der Kanton betreibe Arbeitsbeschaffung für seine Pädagogische Hochschule (PH). Das ist nicht abwegig, denn die PH soll sowohl die Diplome und die Ausbildung der betroffenen Lehrer überprüfen als auch die geforderten Kurse anbieten. Absurderweise ist Marco Fassler Übungslehrer an der PH – angehende Sekundarlehrer absolvieren bei ihm Sport-Lernpraktika.

Beschlossen wurden die neuen Auf­lagen von einer Kommission des Volksschulamtes. Die Anwältin Susan­ne ­Raess, die einige der 300 betroffenen Sportlehrer vertritt, bedauert, dass bisher keine Gespräche mit dem Volksschulamt möglich waren. «Es ist für mich im Moment nicht nachvollziehbar, auf welcher Basis die Kommission ihre Entscheide gefällt hat, die viele existenziell treffen.» Raess vermutet, dass politische Gründe mit­gespielt haben: «Im Kanton ­Zürich möchte man möglichst wenig ­ Lehrpersonen pro ­Klasse.» Das sei bei einer Neuanstellung ­bestimmt sinnvoll, nicht aber bei der Überführung langjährig Angestellter in ein neues Arbeitsverhältnis.

52 unterschiedliche Systeme

Walter Mengisen, der Rektor der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen, sagt: «Wir haben für 26 Kan­tone ­52 unterschiedliche Sys­teme. Es geht nicht, dass Zürich beschliesst, den Lohn langjährig tätiger Lehrpersonen von ­einem Bachelor- oder Master-Abschluss abhängig zu machen, weil es dieses System ja erst seit Ende der neunziger Jahre gibt.» Man könne Lehrer doch nicht dafür bestrafen, dass sie früher abgeschlossen haben. «Ausserdem gibt es an den PH noch gar keine entsprechenden Angebote für die Lehrer mit älteren Zertifikaten.»

Einige Sportlehrer wollen juristisch vorgehen und haben den Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz um Unterstützung gebeten. Dessen Präsident Beat W. Zemp sagt, es sei nicht nachvollziehbar, warum man ­erfahrenen Lehrern, die jahrelang zur Zufriedenheit der Schulgemeinden unterrichtet haben, nicht mehr ent­gegenkomme als Quereinsteigern.

«Es gibt immer mehr Primar- und Sekundarlehrer und vor allem -lehrerinnen, die froh sind, wenn jemand anderes für sie die Turnstunden übernimmt.»

Markus Fuchs, Sportlehrer

Anwältin Susanne Raess kritisiert auch die Bevorteilung der Primarlehrer, deren Diplome bisher niemand überprüft hat: «Primarlehrer erteilen ja auch Sportunterricht. Aber keiner fragt, ob sie die entsprechenden Kompetenzen haben.» Markus Fuchs sagt ausserdem: «Es ist nicht so, dass wir zu viele Sportlehrer hätten. Es gibt immer mehr Primar- und Sekundarlehrer und vor allem -lehrerinnen, die froh sind, wenn jemand anderes für sie die Turnstunden übernimmt. Zudem will der Kanton ja noch Sportförderung betreiben.»

Inzwischen ist das Volksschulamt Zürich etwas zurückgekrebst. Statt von Auf­lagen spricht es von «Assessments» – man will keine allgemeinen Vorschriften machen, sondern die Einzelfälle prüfen. Martin Wendelspiess, Direktor des Zürcher Volksschulamtes, sagt: «Der Umfang einer allfälligen Weiterbildung wird sich zwischen einem und 10 ECTS-Punkten, im Einzelfall um bis zu 15 Punkte bewegen.»

Will heis­sen: Die Kantonalisierung kann für einzelne Lehrer einen Aufwand von 30 bis maximal 450 Stunden bedeuten, damit sie dieselbe Arbeit, die sie seit Jahren oder Jahrzehnten ausführen, weiterhin verrichten dürfen.

Dem Kantonsrat liegt inzwischen eine dringliche Anfrage zum Thema vor. Sie soll in Kürze behandelt werden.

Veröffentlicht am 2015 M04 27