26_99_zukunft.jpgPling»: Simon Fischer, 24, und Sarah Mäder, 21, rufen das vereinbarte Stichwort in die Runde, rennen blitzschnell in den benachbarten Raum, stehen genau 60 Sekunden später wieder da und präsentieren atemlos ihre neuste Idee: Nicht Computer und schon gar nicht Menschen verrichten in 20 Jahren die meisten Arbeiten, sondern so genannte «Gen-Gen-Tiere».

Das sind Lebewesen, dozieren die beiden, die je nach Bedarf und Verwendungszweck gezüchtet werden. Riesenratten fressen sich durch die Müllberge, «Megabakterien» reinigen das Wasser in den Kläranlagen, und das «Superhuhn» legt gleich das essbereite Spiegelei.

Spinnereien? Vielleicht. Doch wer weiss heute schon, ob die unglaublichste Prognose nicht bereits morgen überholt sein wird? An der Schwelle zum neuen Jahrtausend wollte der Beobachter wissen, wie die Arbeitswelt im Jahre 2020 aussehen könnte. Wer arbeitet überhaupt noch? Und vor allem: wo, wie lange und woran?

Visionen dank ausgeschalteter Vernunft

Simon, Sarah und acht weitere junge Frauen und Männer zwischen 13 und 25 Jahren haben zweieinhalb Stunden Zeit, mögliche Antworten auf diese Fragen zu finden. Je verrückter die Idee, je ausgefallener der Einfall, je unwahrscheinlicher die Umsetzung, desto besser lautet das Motto. Denn Visionen entstehen am ehesten, wo der Realitätssinn und die Vernunft ausgeschaltet sind.

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Genau deshalb spornt der 32-jährige Markus Mettler, Geschäftsführer der Bieler Ideenfabrik Brainstore, seine Leute unerbittlich an: Der künstlich geschaffene Zeitdruck erlaubt gar keinen Gedanken ans Machbare. Stattdessen wird fabuliert und assoziiert. In 30 Sekunden sechs Begriffe aufschreiben, die einem zum Stichwort Arbeit einfallen. In sechs Minuten sechs Utopien zum Begriff Arbeitszeit im Jahr 2020 entwerfen.

Angetrieben vom Chef, müssen die kreativen Denker ihre Vorschläge subito verfeinern oder weiterspinnen, akzeptieren oder abschmettern. Was wie Spass aussieht, ist in Wirklichkeit harte Schufterei: Ideen sammeln, bis die Köpfe rauchen.

Die Gedanken sollen sprudeln wie früher das Wasser in den ausrangierten Badewannen, die in praktisch jedem Raum des weitläufigen ehemaligen Fabrikgeländes stehen. Jede von ihnen ist ein Original; mit ein paar Goldfischen drin, mit einer Satellitenpeilanlage ausgerüstet oder dank einer Glasplatte zum Arbeitstisch umfunktioniert. Wie die Palmen im Empfangsraum oder die grosszügig ausgerüstete Kaffeebar sollen die Badewannen dafür sorgen, dass den 30 Brainstore-Angestellten und den zahlreichen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht plötzlich die Kreativität abhanden kommt.

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Arbeit im Schlaf

Zweieinhalb Stunden nach Beginn der Sitzung ist der Parkettboden übersät mit Dutzenden von grossen, vollbeschriebenen Blättern. Auf der langen, schwarzen Tischplatte türmen sich Notizpapier und Filzstifte in verschiedensten Farben, und der 22-jährige Protokollführer Rene Fischer rauft sich seine leicht violett gefärbten schwarzen Haare; er kommt kaum nach, die sprudelnden Ideen im Laptop festzuhalten.

Die jungen Bieler Querdenker kreisen das Thema «Arbeitswelt 2020» ein. Von der Arbeit im Schlaf bis zur stundenlangen Kaffeepause, von elektronischen Körperteilen zur Effizienzsteigerung bis zur verordneten Fröhlichkeitspille im Büro ist kein Geistesblitz zu abwegig, um nicht notiert und zumindest kurz erörtert zu werden.

Drei Viertel der Einfälle überleben kaum ein paar Minuten, nur die unkonventionellsten Ideen schaffen es von Runde zu Runde. Das Resultat des Denkprozesses gleicht einem Puzzle. Es kommen viele Einzelteile zusammen, doch nicht alle passen auf Anhieb zusammen.

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Zuerst wird das Thema «Maximalarbeitszeit» bearbeitet. Vergessen ist die 100-jährige Forderung der Gewerkschaften nach «acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf und acht Stunden Freizeit». Im Jahr 2020 wird nicht mehr die Minimal-, sondern die Höchstarbeitszeit festgelegt. Sie wird lediglich noch 17,5 Stunden pro Woche betragen. Wer länger arbeitet, wird bestraft, weil er die Gesellschaft schädigt. Schon so ist es schwierig genug, für alle eine vernünftige Beschäftigung zu finden.

Sozialarbeit dank Zeitgewinn

An die 20-Stunden-Woche glaubt auch Hans Ruh, Zürcher Theologieprofessor im Ruhestand und Leiter der Stiftung für angewandte Ethik. Der Halbtagsjob werde in wenigen Jahren zur Regel, glaubt der Sozialforscher. Der Zeitgewinn komme aber nicht der Freizeit zugute, denn immer mehr Freizeit stürze die Menschen in eine Sinnkrise und führe wegen der Verkehrszunahme zum Ökokollaps. Stattdessen werde die Mehrzahl der Leute neben dem 50-Prozent-Job noch eine eigene kleine Firma führen oder sich ohne Entgelt sozialen Projekten widmen.

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Auch der amerikanische Zukunftsforscher Graham Molitor glaubt an eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit. Schon im Jahr 2015, so die Prognose in seinem neusten Buch «The next 1000 years», beträgt die Wochenarbeitszeit im Durchschnitt noch 20 Stunden; mehr als 40 Ferientage sind die Regel. Im Gegensatz zu Ruh sieht Molitor aber die Freizeitbranche als grosse Gewinnerin. Gastgewerbe, Tourismus und Unterhaltungsindustrie erleben seiner Meinung nach eine nie dagewesene Blüte.

Molitor ist kein Fantast, sondern ein renommierter Wissenschaftler, der verschiedene US-Regierungen beriet und heute als Vizepräsident der World Future Society amtiert. Molitor ist optimistisch: Die Geschichte beweise, dass die Zukunft die lineare Fortsetzung in Richtung immer besserer Zeiten sei.

Jobwechsel gehören künftig zum Arbeitsalltag. Immer mehr Menschen werden keine fixe Stelle und keinen jahrelangen Arbeitgeber mehr haben. Vielmehr wird Nomadentum die Arbeitswelt im Jahr 2020 bestimmen: gestern dort, heute hier, morgen da.

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«Kreative Chaoten» im Vormarsch

Bereits heute haben viele junge Leute so genannte «Patchwork-Biografien» und sie bewegen sich virtuos im dynamisierten Arbeitsalltag. «Die Jungen haben sich längst daran gewöhnt, den urpersönlichen Lebenspfad im wuchernden Dschungel des Wandels und der Vielfalt zu suchen», sagt der Publizist Christian Lutz, ehemaliger Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon ZH.

Ebenso wenig fix wie die Stelle ist der Arbeitsplatz der Zukunft. Wie das Büro dereinst aussieht, kann man im deutschen Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation bereits heute erleben: Die Mitarbeiter verfügen nur noch über einen Container mit persönlichen Akten, den sie zusammen mit dem Handy am Eingang abholen. Die Tische haben Rollen und lassen sich für die oft wechselnden Projektteams umgruppieren. Glaswände ermöglichen Blickkontakt zu den Kollegen. Im Büro gibts eine Dusche, und wenn es abends spät wird, kann man auch übernachten: Im Fraunhofer-Institut gilt offenbar eher der 20-Stunden-Tag

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Im Jahr 2020 sind die Computer noch intelligenter geworden. Die Menschen müssen nur noch das Problem erkennen, prophezeien die Brainstore-Denker: Gelöst werden die Aufgaben dann von Mikrochips. Eine grosse Hilfe bei der Reduktion der Arbeitszeit ist die «Anti-Chaos-Maschine»: Sie räumt selbstständig das Büropult auf. Und für das E-Mailen brauchts keine Elektronik mehr simple Gedankenübertragung reicht.

Arbeitslust bestimmt Lohn

Und was ist mit dem Lohn? Wie viel verdienen wir in 20 Jahren? Bezahlt wird nicht mehr aufgrund der Leistung, glauben die Brainstore-Tüftler, sondern nach der Intensität der Arbeitslust. Denn wer Spass an der Arbeit hat, ist auch effektiver.

Und wie wird das gemessen? Mit einem Lustdetektor, der am Büroeingang die Befindlichkeit der Angestellten misst. Stimmt der lohnbestimmende «Lustdruck» nicht, hilft vielleicht die von der Firma abgegebene Lustpille, die betriebsinterne Partnervermittlung (denn Lust an der Arbeit heisst Sex am Arbeitsplatz, so die Jungen) oder in ganz schweren Fällen die intravenöse Lust: Wer partout mit Widerwillen am Bürotisch sitzt, muss per Infusion zur Freude gezwungen werden. Erstaunlich, wie nahe sich die Schreckensvision aus Aldous Huxleys Roman «Schöne neue Welt» (1931) und die Vorstellungen der heutigen Jungen kommen.

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Auch ausserhalb der Büros ist totale Produktivität das Mass aller Dinge. Wer die Strasse entlang schlendert, wandelt seine Muskelkraft automatisch in Strom um; die Sensoren im Trottoir speisen die Energie ins Netz. Und das Werbeplakat am Strassenrand registriert, wenn jemand einen Blick darauf wirft. Weil dies der Wirtschaft nützt, gibts dafür Lohn.

Jede Arbeit zählt, prognostiziert auch Sozialethiker Hans Ruh, «aber nicht für alles werden wir bezahlt». 1500 Franken Mindesteinkommen monatlich garantiere der Staat jedem Bürger und jeder Bürgerin, so Ruh, und zwar «unabhängig von jeder Arbeitsleistung». Weil dafür eine Reihe anderer staatlicher Leistungen wie etwa Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe oder Direktzahlungen überflüssig werden, gehe die Rechnung auch für den Staat auf.

Sozialarbeit wird zur Pflicht

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«Der Mensch ist im Prinzip leistungsbereit», sagt Hans Ruh. «Deshalb wird sich kaum jemand mit dem Minimallohn begnügen und auf der faulen Haut herumliegen.» Zudem seien 1500 Franken nur in Ausnahmefällen existenzsichernd. Und schliesslich müssten alle etwas für die Gesellschaft tun: Zwei Sozialjahre sind in Ruhs Vision obligatorisch, eines davon im Rentenalter.

Daneben bleibt genug Zeit für den so genannten «zweiten Arbeitsmarkt»: gesellschaftlich erwünschte Projekte im Bereich Soziales und Kultur. Wer sich hier besonders hervortut, wird nach Ruhs Vorstellung nicht mit Geld, dafür mit Steuererleichterungen und unentgeltlichen Aus- und Weiterbildungskursen belohnt.

Dieser zweite Arbeitsmarkt werde eine ähnliche Bedeutung erlangen wie einst die Offiziersschule. Der Chef der Zukunft wird im Anstellungsgespräch fragen: «Haben Sie Ihren Sozialkurs schon absolviert?»

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Bildung, in welcher Form auch immer, wird ohnehin immer wichtiger. «Der Bedarf an ungelernten Arbeitern sinkt dramatisch», sagt Alexander Reinberg, Forscher am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, mit Blick auf die nächsten zehn Jahre. Die Arbeit in der Industrie gehe allmählich aus; gefragt sei eine immer höhere Allgemeinbildung.

Männer haben die schlechteren Karten

Ob bei dieser Entwicklung alle mithalten können, bezweifelt Hans Georg Graf, Professor am St. Galler Zentrum für Zukunftsforschung. In einer Studie hat Graf nachgewiesen, dass männliche Jugendliche deutlich schlechtere Schulergebnisse aufweisen als ihre Kolleginnen und zwar unabhängig vom Schulalter.

Weil die Berufe immer mehr auf Wissen basieren, haben also Männer die schlechteren Karten. Umso mehr, als sie «aus bisher nicht feststellbaren Gründen» wenig Lust zeigen, typische Frauenarbeiten zu übernehmen. Männer werden laut Hans Georg Graf «zum wachsenden gesellschaftlichen Problem».

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Die jugendlichen Trend- und Zukunftsforscher von Brainstore haben ihre Vision der Arbeitswelt in zweieinhalb Stunden erarbeitet, der 66-jährige Zürcher Sozialethiker Hans Ruh hat sein Modell über Jahre hinweg erdacht trotzdem gibt es weit mehr Gemeinsamkeiten als die prognostizierte drastische Reduktion der Arbeitszeit. Auch den Zeithorizont für die tiefgreifenden Änderungen hält Ruh für absolut realistisch: «In 15 Jahren sind die wichtigsten Weichen gestellt.»

Warum ist er davon so überzeugt? «Wenn es so weitergeht wie bisher, ist sozialer Aufruhr unvermeidlich. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, Gewalt und Kriminalität nehmen zu.»

Nur noch halb so lang im Büro wie heute müssen wir die verlockende Aussicht mit einer massiven Produktionssteigerung erkaufen und in der halben Zeit gleich viel leisten wie heute? «Es wird weiter rationalisiert werden, und die Produktivität wird steigen», sagt Hans Ruh im Einklang mit anderen Forschern.

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Was das heissen kann, haben die jungen Frauen und Männer von Brainstore für den Beobachter unter Beweis gestellt. In sechs Minuten sechs Visionen zur Arbeitswelt der Zukunft entwerfen wenn in 20 Jahren so schnell gearbeitet wird, wie die Visionäre der Bieler Ideenfabrik schon heute denken müssen, dann haben nur vife Köpfe eine Chance.

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