Die Leidenszeit von Andrea Zimmermann begann in der ersten Klasse. Sie langweilte sich dermassen, dass sie Bauchschmerzen bekam. Als die Schülerin eine Klasse überspringen konnte, war das Bauchweh zwar weg, doch sozial war sie isoliert: «Ich hatte den Stempel und war von da an eine Exotin im Dorf», sagt die heute 20-Jährige. Die Situation verschlimmerte sich, als sie von Teilen des Unterrichts suspendiert wurde und Privatunterricht erhielt. Die Mitschüler sprachen nicht mehr mit ihr.

Um der Situation im Dorf zu entfliehen, ging sie mit elf Jahren nach Einsiedeln ins Privatgymnasium: täglich drei Stunden hin und retour mit dem Zug. Doch Freunde fand sie auch da nicht. Dazu kamen bald schulische Schwierigkeiten, denn gut war Andrea nur in den logischen Fächern, die sie ohne Aufwand bewältigen konnte. Ihr fehlte die Lerndisziplin, sie machte nie Hausaufgaben. Gleichwohl schaffte sie den Sprung ins öffentliche Gymnasium und traf dort auf ihre früheren Mitschüler. Erneut war sie Aussenseiterin. Die körperlichen Beschwerden nahmen wieder zu bis zum «totalen Ablöscher».

Andrea Zimmermann erinnert sich noch gut an den Tag, der vieles veränderte: «Ich bekam vor der Klasse einen Wutanfall, zitterte am ganzen Körper und schrie meinen ganzen Frust heraus.» Von da an redeten die Mitschüler mit ihr. Freundschaften entstanden, und Andrea überbrückte die langweiligen Mathestunden, indem sie ihren Kolleginnen und Kollegen die Aufgaben erklärte. Das erste Mal fühlte sie sich wohl in einer Klasse. Die Matura schaffte sie bereits als 17-Jährige.

Heute studiert Andrea Zimmermann an der ETH Zürich Informatik, daneben lernt sie Chinesisch. Sie hat viele Freunde und ist froh, dass die Hochbegabung keine grosse Rolle mehr spielt in ihrem Leben. Wie viele Normalbegabte auch vermasselte sie die Vorprüfung im ersten Anlauf, doch: «Ich habe inzwischen das Lernen gelernt.»

Quelle: Dan Cermak