Die Schweizer lachen gerne - in der Freizeit. Leider vergeht so manchen der Humor, wenn sie morgens die Bürotür aufstossen. In vielen Unternehmen gilt das ungeschriebene Gesetz: Wer Spass hat, nimmt die Arbeit nicht ernst. Glück hat, wessen Chef Humor versteht. Ein solcher Vorgesetzter hat begriffen, dass kleine Spässchen zwischendurch keine Zeitfresser sind. Im Gegenteil: Humor, sofern er nicht kränkend ist, reduziert Stress, fördert die Motivation und den Teamgeist und regt die Kreativität an. Roger Boschung, Leiter eines Swisscom-Shops in Bern, kennt diese positiven Wirkungen - und fördert den lockeren, humorvollen Umgang in seinem Team auch mit eigenem Einsatz. Der 33-Jährige erzählt: «Ich kann über meine Schwächen lachen und zum Beispiel einen Witz darüber machen, dass ich einen Termin vergessen habe.»

Auch Rolf Hirsch, Chefarzt des Gerontopsychiatrischen Zentrums der Rheinischen Kliniken in Bonn, setzt Humor ganz gezielt ein - nicht nur in der Therapie, sondern auch in seinem Team. Er weiss: «Wenn bei Diskussionen Meinungen aufeinander prallen, geht es meist nicht um die Sache, sondern darum, wer der Mächtigste ist. Eine humorvolle Bemerkung befreit, baut Spannungen ab und führt rascher zu Lösungen.»

Ein Chef, der eigene Unzulänglichkeiten eingestehen kann und auch mal über sich selbst lacht, wirkt menschlicher. Er schafft so eine Fehlerkultur, die statt auf Siegermentalität darauf baut, dass man sich für Missgeschicke nicht schämen muss, sondern etwas daraus lernen kann. Ein Vorgesetzter, der herzlich mit seinen Mitarbeitenden lacht, stellt sich auf dieselbe Stufe wie sie. Das setzt voraus, dass er bereit ist, ein Stück Macht abzugeben.

«Depressive haben wir genug»

In hierarchisch geführten Unternehmen geht es darum oft ziemlich humorlos zu und her. «Zudem glauben viele Führungskräfte, dass man sie nur dann ernst nimmt, wenn sie ständig mit vollem Ernst bei der Sache sind», so Chefarzt Rolf Hirsch. Er vertritt die Ansicht, dass das Fördern einer Humorkultur zu den Aufgaben jedes Vorgesetzten gehören sollte. In seinem eigenen Berufsalltag bedeutet das für ihn unter anderem, dass er jeweils frühzeitig abklärt, wie es um den Humor eines Bewerbers für einen Job in seiner Klinik bestellt ist: «Depressive haben wir in der Psychiatrie genug», sagt er. Deshalb lässt er potenzielle Mitarbeiter beim Anstellungsgespräch einen Witz oder eine Anekdote erzählen.

Ist das Klima in einer Firma weniger lustig, so kann Humor auch zu einem gezielt eingesetzten Mittel werden, verkrustete Strukturen aufzuweichen. Emil Herzog aus Stäfa ZH hält Mitarbeitenden und Chefs den Spiegel vor - mit Kabarett-Sketchen. Den Stoff für sein Unternehmenstheater liefern ihm die Angestellten selber. So fragt er Mitarbeiter beispielsweise, mit welchem Auto, welcher Zeitschrift und welcher Institution sie ihren Brotgeber vergleichen würden. Kommt als Antwort «VW aus den zwanziger Jahren, Telefonbuch, Sanatorium», dann kann Herzog annehmen, dass die Innovationskraft in diesem Unternehmen eher gering ist. «Die Parodie erlaubt es, Dinge auf den Tisch zu bringen, die sich niemand zu sagen traut.»

Wer lacht, ist seltener krank

In der Schweiz wird das Thema Humor oder Humorförderung am Arbeitsplatz recht stiefmütterlich behandelt. «In der englischen und der US-amerikanischen Arbeitswelt ist Humorfähigkeit viel stärker gefragt», weiss Emil Herzog. In den USA wird Lachforschung bereits seit den fünfziger Jahren mit grosser Ernsthaftigkeit betrieben, und an mehreren renommierten Universitäten gibt es entsprechende Lehrstühle.

Auch hierzulande tut sich in der Forschung einiges. Als einer der Pioniere auf dem Gebiet der Lachforschung gilt Willibald Ruch, der an der Universität Zürich die Fachgruppe Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik leitet. Momentan erforscht Ruch, ob ein Sinn für Humor erlernt werden kann, indem er die Probanden ein Acht-Stufen-Trainingsprogramm absolvieren lässt.

Ruch vermutet allerdings, dass es stärker von kulturellen Normen abhänge, ob im Geschäftsalltag viel gelacht werde, als vom individuellen Temperament. «In England und den USA ist es beispielsweise ganz normal, wenn Verkäufer ihre Kunden mit einem lustigen Kommentar oder einem Witz begrüssen. In deutschsprachigen Ländern gilt das vielerorts als unprofessionell.» Dabei tut man Kunden oder Mitarbeitern mit einem Scherz sogar etwas zuliebe: Die gesundheitsfördernde Wirkung von Humor gilt als erwiesen. Lachen steigert die Wachsamkeit, auch das Gedächtnis funktioniert besser. Unter Umständen sind fröhliche Mitarbeiter sogar weniger häufig krank: Humor stärkt nämlich das Immunsystem.

Ferner konnten Forscher wie Willibald Ruch und Paul McGhee nachweisen, dass Humor die Schmerztoleranz erhöht. Laut Psychologieprofessor Ruch dürfe man jedoch nicht weiterhin so tun, als ob es nur eine Art des Lachens gebe: «Man kann ja nicht nur freundlich lachen, sondern auch spöttisch oder verlegen.» Deshalb will er nun empirisch untersuchen, welche Arten des Lachens eine gesundheitsfördernde Wirkung haben.

Den Humor sträflich vernachlässigt hat bis vor wenigen Jahren die Neurowissenschaft. Jetzt untersucht Andrea Samson von der Universität Freiburg mit Hilfe der funktionellen Magnet-Resonanz-Tomografie, wie das Gehirn Humor verarbeitet. Die Studie zeigt: Wenn der Proband die Pointe versteht, leuchten in seinem Gehirn andere Areale auf, als wenn er sie nicht begreift.

Dass das Interesse am Thema Humor auch in der Schweiz zunimmt, ist unbestritten und widerspiegelt sich in der wachsenden Anzahl von Humorveranstaltungen. Die Uni Freiburg etwa führt heuer eine Summer School zum Thema «Humor and Laughter» durch. Ende September steht im aargauischen Bad Zurzach ein internationaler Humorkongress an, der sowohl die Forschung beleuchtet als auch Anleitungen zur Praxis gibt.

Vielleicht wirkt sich die zunehmende Beschäftigung mit Humor auch auf den Arbeitsalltag aus. Dann haben Herr und Frau Schweizer nicht mehr nur in der Freizeit was zu lachen.

Stress lass nach: So macht Arbeit Spass

  • Bewahren Sie sich bei der Arbeit eine spielerische Grundeinstellung. Nehmen Sie sich im grössten Stress einfach mal eine Minute Auszeit und lächeln Sie ohne Grund.
  • Gehen Sie fröhlich auf andere Menschen zu. Wenn Sie schlechte Laune haben, lassen Sie diese nicht an «Unschuldigen» aus - sondern sagen Sie geradeheraus, dass Sie momentan verärgert oder wütend sind.
  • Beobachten Sie die Mimik und Gestik Ihres Gegenübers, wenn Sie eine humoristische Bemerkung machen. So entwickeln Sie mit der Zeit ein besseres Gespür dafür, welche Art von Humor bei wem ankommt beziehungsweise wann eine humorvoll gemeinte Bemerkung kränkend wirkt.
  • Vermeiden Sie schlüpfrige Witze und Sarkasmus. Machen Sie sich nicht über die Schwächen von Arbeitskollegen lustig.
  • Lachen Sie über Ihre eigenen Schwächen. Wenn Sie in einer Vorgesetztenposition arbeiten, signalisieren Sie den Kolleginnen und Kollegen mit dieser Haltung, dass auch Sie «nur ein Mensch sind». Dadurch wird das Betriebsklima entspannter und eine konstruktive Fehlerkultur wird gefördert.
  • Setzen Sie Ihren Humor auch in Konfliktsituationen ein - dies führt oft zu besseren Lösungen.
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Quelle: Archiv