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ArbeitIch und mein «Temporär-Büro»

Allein zu Hause arbeiten ist langweilig? Das «Co-Working» könnte eine Alternative sein. Ein Testtag im Gemeinschaftsbüro.

In der Bibliothek ist es zu ruhig, in Cafés zu hektisch – da sind «Co-Working-Spaces» für Selbstständige eine neue und spannende Option.
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Arbeiten, aber dabei unter die Leute kommen – das habe ich schon mehrfach versucht.

  • Ich ging mit dem Notebook ins Café. Das hat etwas Schickes, ist für mich aber ungünstig, weil mich das Gewusel und Geschirrgeklapper von der Arbeit ablenkt – und der Kaffeekonsum ins Geld geht.

  • Auch Uni-Bibliotheken probierte ich aus. Dort war es still. So still, dass ich mich kaum traute, auf der Tastatur zu klackern. Also ging ich zurück ins Heimbüro.

Eine Freundin gab mir den Tipp, mich probehalber in ein Co-Working-Büro einzumieten. Es war mir neu, dass man das kurz entschlossen und ohne längerfristige Verpflichtung tun kann. Die Idee dahinter: gemeinsam, aber doch unabhängig voneinander arbeiten. Die Bewegung hat in den USA ihren Ursprung und ist inzwischen auch in Europa populär.

Im Internet stiess ich auf coworking-schweiz.ch. Über 50 Gemeinschaftsbüros sind dort aufgelistet, kreuz und quer im Land. Ich entschied mich für den «Creative Space» im Zentrum von St. Gallen, da ich in der Nähe wohne. Ein Arbeitsplatz kostet dort 33 Franken pro Tag, eine Woche 111 Franken, ein Monatsabo inklusive Schliessfach 320 Franken. Auf Anfrage hiess es: «Klar, Sie können gern vorbeikommen.»

Mein Gegenüber ist Produktdesigner

Hinter dem Creative Space steckt Claudius Krucker. Der Jurist hat für sein Gemeinschaftsbüro eine Jugendstilwohnung mit hohen, lichten Räumen gefunden. «Ein Glücksfall», sagt er. 16 Arbeitsplätze gibt es – weisse Schreibtische, schwarze Stühle, ein paar Regale. Der Empfang ist herzlich. Beim «Sie» bleibt es nicht lange, und die Fragen «Wer bist du? Was machst du?» sind Standard. Ich fühle mich aufgenommen – ein wesentlicher Unterschied zum Arbeiten im öffentlichen Raum, wo man zwar unter Leuten ist, aber doch allein.

Ich beziehe einen Schreibtisch. Er ist blitzblank. Mein Gegenüber stellt sich kurz vor: Thomas Gerig, 45, Produktdesigner. Er ist regelmässig hier, weil er den 3D-Drucker, das Sitzungszimmer und das schnelle Internet nutzen kann. Zudem liebt er den Small Talk in der Küche oder auf dem Flur. Oft aber diskutiert er mit anderen seine Ideen und merkt: «Das bringt mich weiter.»

Sich austauschen tut gut

Diesen fachübergreifenden Austausch findet auch Karin Märki, 32, spannend. «Ich gehöre zur Truppe, die da hinten ihr Büro hat», sagt sie. Die «Truppe» heisst Unico und ist eine dreiköpfige Firma, die Ideen für den ­Lebensmittelmarkt entwickelt. Unico ist auf unbestimmte Zeit im Creative Space eingemietet. Wenn Karin Märki eine neue Schokolade im Gepäck hat oder es um einen Produktnamen geht, einen Slogan, eine Verpackung, fragt sie öfter die Runde, wie es schmeckt oder gefällt. Zu Esswaren habe schliesslich jeder eine Meinung.

Anschluss finden, sich austauschen. Das ist und tut gut. Aber wird auch gearbeitet? Im grössten Raum des Gemeinschaftsbüros ist Ruhe eingekehrt. Keine klösterliche, weil zwischendurch doch jemand «Hoi» sagt oder eine Frage hat. Aber es herrscht eine arbeit­same Stimmung. Neben Thomas Gerig und mir ist Studentin Karin Meister an Bord.

Die Autorin im «Creative Space».
Quelle: Thinkstock Kollektion

«Daheim finde ich rasch einen Anlass, von der Arbeit wegzulaufen.»

Vera Sohmer, Beobachter-Journalistin

Sie macht bei Unico ein Praktikum, sammelt Erfahrungen im Marketing. Ich konzipiere einen Presseartikel, starte eine Internet-Recherche, formuliere Fragen, sende sie an Fachleute. Und bin zufrieden. Zu Hause lässt die Disziplin oft nach. Dort finde ich rasch einen – vermeintlich guten – Anlass, von der Arbeit wegzulaufen.

Mittags werden die Tische zusammengeschoben, es riecht nach Rosmarin. Mittwochs kocht Creative-Space-Gründer Krucker immer Spaghetti – ein Ritual, das den Zusammenhalt der Co-Worker festigen soll. Wer mag, setzt sich dazu, meistens sind es an die zehn Personen. «Ehemalige» schauen herein oder jene, die eines der klei­neren Zimmer gemietet haben, wie Trickfilmer Simon Oberli, 35. Ihm passt es, dass er den Raum im Moment für sich hat. «Ich kann auch mal die Tür zumachen und Musik hören», sagt er. Wie lange das so bleibt, weiss er nicht: Ausgelegt ist der Raum für mehrere Arbeitsplätze, Oberli müsste andere Mieter akzeptieren. Co-Working bietet Flexibilität, verlangt sie aber auch vom Einzelnen. «Schauen wir mal», ist Oberlis Devise. Eine Einstellung, die hier mancher hat. Wer wisse schon, was in ein paar Jahren sei, was man dann arbeite und wo man es tue.

Das nährt die Vermutung, die Gemeinschaftsbüros seien in erster Linie etwas für junge Jobnomanden, krea­tive Freelancer oder Programmierer. «Das ist durchaus so, aber nicht nur», sagt Jennifer Schäpper-Uster, Präsidentin des Vereins Co-Working Switzerland. Ihr Gemeinschaftsbüro in Wil SG ist der Beweis für dreierlei Dinge: Die neue Arbeitsform ist nicht nur etwas für grössere oder grosse Städte, sondern zieht auch in der «Provinz». Die Büros werden ebenso von Bank­beratern oder Versicherungsagenten genutzt. Und: Auch 60-Jährige gehen hier ein und aus. Ihr Motiv gleicht meinem: Daheim mischen sich Privates und Berufliches zu sehr, erst recht, wenn Familie da ist.

Die Bilanz nach einem Probetag

Mein Fazit nach dem Testtag: Ich werde so ein Büro öfter nutzen, auch wenn es nicht für alle meine Tätigkeiten taugt. Bei Telefonrecherchen störe ich die andern, und beim Schreiben fühle ich mich gestört. Kopfhörer wären ein Mittel, doch ich mag sie nicht. Aber was in Gemeinschaft nicht funktioniert, kann ich zu Hause erledigen. Denn nun habe ich beide Optionen.

Interview: «Neue Büros entstehen explosionsartig»

Das Büro teilen und damit zu mehr Sozialkontakten und Kreativität finden: Co-Working wird auch Firmen umkrempeln, sagt Experte Klaus-Peter Stiefel im Interview.

Zur Person: Klaus-Peter Stiefel ist Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart und forscht intensiv zum Thema Co-Working.

Beobachter: Arbeiten Sie in einem Co-Working-Space?

Klaus-Peter Stiefel: Wenn ich in ­einer anderen Stadt bin und noch Zeit habe, gern. Noch geschieht es leider zu selten.

Beobachter: Was gefällt Ihnen daran?

Stiefel: Die gute Atmosphäre: konzentriert – und kommunikativ.

Beobachter: Das kann auch im üblichen Büro sein.

Stiefel: Davon unterscheidet sich Co-Working in ein paar wesentlichen Punkten: Man kann die Arbeitsplätze flexibel nutzen und verschiedene Büros kennenlernen. Es gibt weder Hierarchien noch Vorgesetzte. Sie kommen mit Leuten aus den unterschiedlichsten Branchen ins Gespräch und treffen dazu in aller Regel auf ein Miteinander, das über eine reine Zweckgemeinschaft hinausgeht. Dies alles macht die Faszination aus.

Beobachter: Frei, aber dennoch mit anderen sein?

Stiefel: Der kalifornische Softwareentwickler Brad Neuberg brachte es auf den Punkt, als er sagte: Man hat entweder einen Job und damit Tagesstruktur und eine Community. Oder man ist Freelancer, unabhängig zwar, aber im Homeoffice ohne Anschluss und Austausch. Warum kann man nicht beides ­haben? Co-Working erfüllt den Wunsch, und das Bedürfnis danach ist gross; neue Spaces ent­stehen geradezu explosionsartig.

Beobachter: Wie viele gibt es inzwischen?

Stiefel: Im Oktober letzten Jahres waren es weltweit an die 6000, inzwischen dürften es 10000 sein. Die Vorzüge sprechen sich allmählich herum und dürften damit die Arbeitsbedingungen in den meisten Firmen in den Schatten stellen.

Beobachter: Einzelne Firmen simulieren Co-Working-Arbeitsplätze in ihren eigenen Räumen.

Stiefel: Ja, oder sie ermöglichen ihren Angestellten, diese Arbeitsform aus­serhalb der Firma auszuprobieren. Tui etwa hat in Hannover ein Co-Working-Büro eröffnet, zu dem Mitarbeiter und Freiberufliche ­anderer Branchen Zutritt haben. Meistens wird das von Vorgesetzten angeregt, die selbst gute Er­fahrung mit Co-Working gemacht haben. Manchmal allerdings mit unerwünschtem Resultat: Den Angestellten einer Firma gefiel es so gut, dass sie nicht zurückwollten. Es gab eine Kündigungswelle.

Beobachter: Warum ist Co-Working für Firmen interessant?

Stiefel: Co-Working heisst nicht nur, alles ist easy und wohlig. Es wird äus­serst produktiv gearbeitet. Das realisieren Firmen allmählich. Sie erkennen das Potenzial, die eigene Innovationsfähigkeit zu stärken.

Beobachter: Inwiefern?

Stiefel: In den Spaces arbeiten nicht umsonst viele kreative Köpfe. Sie schätzen das optimale Klima für gute Ideen und bringen so hervorragende Leistung. Firmen werden sich deshalb in diesen Büros künftig vermehrt nach Entwicklungspartnern umsehen oder sogar Personal akquirieren – ein gutes Mittel gegen den Fachkräftemangel, der überall beklagt wird.

Veröffentlicht am 08. Dezember 2015