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AlkoholSucht ist Chefsache

Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz ist keine Privatangelegenheit. Wenn Angestellte mit einer Fahne auftauchen, müssen sich Vorgesetzte und Mitarbeiter einmischen. Fachstellen unterstützen sie bei dieser heiklen Aufgabe.

«Mein Mann wird in letzter Zeit im Geschäft richtiggehend schikaniert», erzählt Anna Bauer (Name geändert). Ständig werde er wegen Kleinigkeiten kritisiert, nichts könne er mehr richtig machen. Kürzlich habe ihm der Vorgesetzte sogar vorgeworfen, dass er zum Mittagessen gerne ein Glas Wein trinke. «Was mein Mann in der Freizeit tut, geht doch den Chef nichts an, oder?», will sich Anna Bauer vom Beobachter-Beratungszentrum bestätigen lassen.

Die besorgte Ehefrau liegt falsch. Alkohol wird im Körper nur langsam abgebaut und wirkt sich deshalb noch Stunden später auf die Leistung und das Verhalten am Arbeitsplatz aus. Darum gehen der «Muntermacher am Morgen» und auch das «Gläschen in Ehren» zwischendurch den Arbeitgeber sehr wohl etwas an - trinkt doch ein beträchtlicher Teil aller Arbeitnehmenden regelmässig über den Durst.

Schätzungen der Schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft (Suva) gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent aller Angestellten alkoholabhängig oder alkoholgefährdet sind (siehe Box «Bier und Büro: Was ist zu viel?»). Problemtrinker verursachen grosses Leid und hohe Kosten. Allein die krankheitsbedingten Ausfälle am Arbeitsplatz und die Behandlungskosten schlagen mit jährlich 554 Millionen Franken zu Buche. Die Folgekosten von Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluss betragen nochmals 93 Millionen. Bei Männern ist beinahe jeder zweite Freizeitunfall auf Alkoholeinfluss zurückzuführen, bei Frauen jeder fünfte.

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Vorgesetzte sind oft überfordert

Gemäss Unfallversicherungsgesetz (UVG) haben Arbeitgeber die Pflicht, für Sicherheit am Arbeitsplatz zu sorgen und mit «geeigneten Massnahmen» Unfälle und Krankheiten im Betrieb zu verhindern. Gestützt auf diese Bestimmung darf ein Arbeitgeber am Arbeitsplatz - zum Beispiel in einem Betriebsreglement - ein generelles Alkoholverbot aussprechen. Sein Weisungsrecht geht aber noch weiter und reicht sogar über die Arbeitszeit hinaus: Anders als im Strassenverkehr schreibt das UVG zwar keine festen Promillegrenzen vor, die festlegen, wie lange jemand als nüchtern gilt. Weil jedoch Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit bereits ab 0,3 Promille beeinträchtigt sind, kann der Arbeitgeber seinen Angestellten verbieten, eine gewisse Zeit vor Dienstantritt Alkohol zu trinken. Eine solche Regelung ist insbesondere bei Chauffeuren, Piloten oder Chirurgen zulässig.

So viel zum Rechtlichen. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Was ist zu unternehmen, wenn ein Mitarbeiter regelmässig mit einer Fahne zur Arbeit erscheint? Bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA) melden sich oft Vorgesetzte, die nicht recht wissen, wie sie sich gegenüber von alkoholabhängigen Angestellten verhalten sollen. «Intervenieren, so früh wie möglich», rät Brigitt Staub vom ZFA-Fachbereich Prävention. Und präzisiert: «Der Vorgesetzte soll sich Auffälligkeiten notieren, zum Beispiel häufiges Zuspätkommen, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall oder Fehler. Dann soll er den Betroffenen in einer klaren, aber nicht verletzenden Art darauf ansprechen und mit ihm Verhaltensregeln vereinbaren» (siehe Box «So verhalten sich Vorgesetzte und Kollegen richtig»).

Meister im Verstecken

Alkoholabhängige Menschen gelten als willensschwach. Tatsächlich ist Alkoholismus aber eine Krankheit. Viele Suchtkranke Menschen verstehen es meisterhaft, ihre Abhängigkeit zu verstecken, oft über Jahre. Deshalb rät Brigitt Staub Vorgesetzten und Arbeitskollegen, schon erste Anzeichen ernst zu nehmen und Betroffene bereits auf kleine Verhaltensauffälligkeiten anzusprechen. «Alkoholkranke lassen sich meist erst unter massivem Druck zu einer Therapie bewegen. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen in ihrem Umfeld nicht wegschauen. Wird das Problem vertuscht, ist niemandem geholfen.» Das Thematisieren von Alkoholmissbrauch ist eine heikle Angelegenheit, deshalb sollten sich Vorgesetzte und Arbeitskollegen Unterstützung holen: Die Fachstellen für Alkoholprobleme beraten nicht nur Betroffene, sondern auch Angehörige, Personalverantwortliche und Vorgesetzte.

Veröffentlicht am 10. August 2007