1. Home
  2. Arbeit
  3. Arbeitgeber
  4. Arbeit: Wieso wird gut Funktionierendes dauernd geändert?

ArbeitWieso wird gut Funktionierendes dauernd geändert?

Frage.: Mich ärgert die Innovationswut in der Firma, in der ich arbeite. Obwohl der Betrieb prima läuft, muss jedes Jahr wieder etwas geändert werden.

Zu viel Aktivismus führt oft zu Erschöpfung oder sogar zu Burn-out.
von

Ihre Firma ist keine Ausnahme. In den meisten Chefetagen der Wirtschaft heissen die Zauberworte «Change» (permanenter Wandel) und «Innovation». «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben», wird gerne zitiert. Handeln ist Trumpf, nicht Abwarten oder beständiges Beim-Alten-Bleiben. Nicht nur in der Wirtschaft, auch im Privatleben. Die Freizeit dient nicht der Musse, sondern den Freizeitaktivitäten, Joggen, Skaten, Fitnesstraining. Der Aktive gilt als erfolgreich. Actionhelden wie James Bond begeistern die Kinobesucher und eignen sich als Werbeträger. Wer abwartet, gilt als mutloser, ängstlicher Zauderer. Dabei führt zu viel Aktivismus nicht nur oft zu Erschöpfung oder Burn-out, sondern ist häufig unwirksam oder gar kontraproduktiv.

Wir können von den Steinen lernen

Ein klassisches Beispiel sind Investitionen an der Börse. Wer je nach Marktlage immer wieder verkauft und kauft, fährt langfristig schlechter, als wer ruhig abwarten kann. Der Börsenguru Warren Buffett drückt es so aus: «Die beste Investmentstrategie ist Lethargie an der Grenze zum Faultierhaften» und «Wir werden nicht dafür bezahlt, dass wir schnell sind, sondern dafür, dass wir richtig liegen».

Der deutsche Volkswirtschafter Holm Friebe hat ein äusserst anregendes Buch geschrieben über genau diese Kunst, nicht zu handeln. Er nennt sein Rezept «Die Stein-Strategie». Von den Steinen, so schreibt er, können wir eine Menge lernen. Steine neigen nicht zu blindem Aktionismus und überhasteten Entscheidungen. Sie erfinden sich nicht täglich neu als Blume, Fisch oder Schmetterling, sie bleiben sich treu. Steine setzen auf Kontinuität, gehorchen ihrer Schwerkraft und sind deshalb nicht leicht zu bewegen.

«Konflikte lassen sich leichter lösen, wenn wir die Kraft haben, etwas auszusitzen.»

Koni Rohner

In schwierigen Situationen, wenn wir uns unsicher fühlen, wenn uns Konflikte beun­ruhigen und wir die Orientierung verloren haben, haben wir die Tendenz, zu handeln statt abzuwarten. Das ist aber nicht nur ein Produkt der hektischen Wettbewerbsgesellschaft. Sie hat auch eine psychologische Ursache: Sobald wir etwas tun, ob es nun wirksam ist oder nicht, fühlen wir uns besser, weil dadurch das Gefühl der Hilflosigkeit übertönt werden kann. Die Überlebens­forschung zeigt aber, dass es in Extrem­situationen – etwa wenn sich jemand in den Bergen verirrt hat – besser ist, abzuwarten, seine Ressourcen zu sparen und zu warten, bis man gefunden wird. Blinder Aktionismus in Panik endet meist tödlich.

Wenn es uns gelingt, den Drang, immer sofort zu handeln, etwas zu bremsen, hat das mehrere Vorteile. Wir werden ruhiger, und in der Ruhe liegt die Kraft. Gemütsruhe erreicht man, indem man aufhört, nach Veränderung zu haschen, als wäre sie Abhilfe, erkannte schon der Römer Seneca. Mehr Gemütsruhe heisst weniger Stress, und das beugt einer ­Erschöpfungsdepression vor. Zudem lassen sich Konflikte an der Arbeit oder zu Hause sowie schwierige Entscheidungssituationen leichter lösen, wenn wir die Kraft haben, etwas auszusitzen. Wenn wir die Kraft haben, die Unsicherheit auszuhalten, die Lage genau anzuschauen und abzuwarten, bis der Weg deutlich wird, der aus der Sackgasse führt.

Tipps gegen vorschnelles Handeln

  • Widerstehen Sie in schwierigen Lagen dem natürlichen Impuls, sofort etwas zu tun, nur um sich weniger hilflos zu fühlen.
  • Wenn die Lage unklar ist: Unternehmen Sie nichts, bis Sie sie besser einschätzen können.
  • Machen Sie Schritt für Schritt: beobachten – sich orientieren – entscheiden – handeln.
  • Klären Sie, wie gross Ihr Zeitfenster für eine Entscheidung ist, und warten Sie mit dem definitiven Entschluss so lange wie möglich.
  • Versuchen Sie nicht, eine unbefriedigende Situation mit Gewalt an Ihre Vorstellung anzupassen. Überlegen Sie sich vielmehr, wie Sie das darin enthaltene Potenzial nutzen können, ohne allzu aktiv werden zu müssen.

Buchtipp: Holm Friebe: «Die Stein-Strategie. Von der Kunst, nicht zu handeln»; Verlag Heyne, 2015, 224 Seiten, CHF 13.90

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie an:
Koni Rohner
Beobachter
Postfach
8021 Zürich
koni.rohner@beobachter.ch

Veröffentlicht am 02. Februar 2016