Soll die Invalidenversicherung saniert werden, müssen Jobs für Menschen mit einer Rente geschaffen werden. So viel ist spätestens seit der 5. IV-Revision allen klar. Genauso bekannt ist die Schwierigkeit, Arbeitgeber für IV-Rentner und -Rentnerinnen zu finden (siehe Artikel zum Thema: Arbeit für Rentner - die IV-Illusion). «Heute wollen Arbeitgeber nur noch Leute, die voll leistungsfähig sind», sagt auch Thomas Bickel von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft zur Eingliederung Behinderter.

«Das stimmt so nicht», kontert Caroline Welti, Leiterin der Winterthurer Integrationsfachstelle Wintegra. 50 Menschen mit einer geistigen, einer zerebralen oder einer Lernbehinderung hat die Fachstelle in den letzten Jahren in der freien Wirtschaft integriert. «Wir funktionieren wie klassische Headhunter», sagt Wälti. «Wir erstellen ein Profil des Stellensuchenden und nehmen dann Kontakt mit geeigneten Arbeitgebern auf.» Wichtig ist ihr dabei, dass das Arbeitsverhältnis auch einer betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise standhält.

«Natürlich rentiert sie für uns», sagt Florian Bachofner, Inhaber einer Catering-Firma, über seine Mitarbeiterin Alexandra Bauer. Sie ist geistig behindert und hat eine Anlehre in einer geschützten Werkstatt absolviert. Dort zu bleiben kam für die junge Frau nie in Frage. «Ich will doch nicht nur Behinderte um mich, und ich will richtig Geld verdienen», sagt sie.

Anzeige

Seit sieben Monaten arbeitet Alexandra Bauer nach der Vermittlung durch Wintegra für Florian Bachofner und ist mehr als glücklich. Genau wie ihr Chef. Anfangs sei bei der Entscheidung, einen Menschen mit einer Behinderung einzustellen, soziales Engagement im Vordergrund gestanden, sagt er. Inzwischen sei die Sache mit Alexandra aber mehr als das: «Sie ist eine Bereicherung für das ganze Team. Wir lernen menschlich viel, das Arbeitsklima hat sich positiv verändert, und Alexandra bringt durchaus eine Leistung.»

Begleitung auch nach der Vermittlung

Florian Bachofner ist kein Einzelfall. «Die meisten unserer Arbeitgeber sind mit den von uns vermittelten Personen mehr als zufrieden», sagt Caroline Welti. Nach dem Erfolgsrezept der Wintegra gefragt, gibt sie die sorgfältige Abklärung der Fähigkeiten der Stellensuchenden an, die lokale Verankerung der Fachstelle und das Angebot an die Arbeitgeber, sie jederzeit kostenlos zu unterstützen.

Anzeige

Genau dort sieht auch Hansruedi Silberschmidt die Stärke des Projekts: «Im Gegensatz zur IV können wir ein neues Arbeitsverhältnis so lange wie nötig begleiten.» Silberschmidt ist Geschäftsführer der Stiftung Andante, die Wintegra ins Leben gerufen hat. Als er 2003 die bis heute schweizweit einmalige Vermittlungsstelle auf die Beine stellte, ging es ihm in erster Linie darum, Menschen mit einer Behinderung eine echte Integration zu ermöglichen. «Was Heime und geschützte Werkstätten machen, hat natürlich seine Berechtigung», sagt er. Aber als integriert bezeichnet er einen behinderten Menschen erst, wenn er wie alle Nichtbehinderten seinen Arbeitsplatz selber wählen kann.

Integriert sein und trotzdem Rente beziehen? «Ja», sagt Hansruedi Silberschmidt. «Die meisten unserer Stellensuchenden gelten wegen ihres Handicaps als nicht vermittelbar. Eine Rentenkürzung ist daher nicht unser primäres Ziel, aber in Einzelfällen natürlich möglich.» Entschädigt werden die Mitarbeiter je nach Leistungsfähigkeit mit 800 bis 1200 Franken monatlich.

Anzeige

Bund und Kanton beteiligen sich nicht

Für die Vermittelten hat die Arbeit ausserhalb geschützter Werkstätten klare Vorteile: Sie sind finanziell unabhängiger, gewinnen an Selbstbewusstsein und steigern ihre Leistung. «Auch wenn die IV finanziell nur wenig entlastet wird, ersparen wir den Steuerzahlern einiges an Ergänzungsleistungen und sozialen Folgekosten», betont denn auch Silberschmidt. Nicht zu vergessen sei auch, dass jeder geschützte Arbeitsplatz rund 20'000 Franken pro Jahr koste.

Umso mehr bedauert er, dass seine Stiftung die Fachstelle bis heute aus Spendengeldern finanzieren muss. Als Ursache ortet er ein urschweizerisches Problem: Der Bund zahle nicht, weil man zu wenige Renten einspare. Vom Kanton sei nichts zu erwarten, weil dieser ausschliesslich für die Heimfinanzierung zuständig sei. «Und die eingesparten Ergänzungsleistungen interessieren nur die einzelnen Gemeinden.»

Anzeige