Dario Mordasini ist nicht unzufrieden mit dem Erreichten: «In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Arbeitsunfälle pro Jahr um rund zwei Prozent zurückgegangen», sagt der Verantwortliche für Arbeitssicherheit und -gesundheit bei der Gewerkschaft Unia. Die Aufklärungsanstrengungen der Suva und der Eidgenössischen Kommission für Arbeitssicherheit (Ekas) beginnen also zu greifen. 2008 sind laut Suva zwar gleich viele Arbeitnehmende verunfallt wie im Vorjahr. Aber es waren auch 2,5 Prozent mehr Beschäftigte an der Arbeit.

Dennoch: Rund 250'000 Berufsunfälle und Krankheiten, die mit der Arbeit zusammenhängen, werden in der Schweiz pro Jahr registriert. In über 1100 Fällen führen diese zu Invalidität; rund 175 Personen verlieren bei der Arbeit ihr Leben. Allein die Berufsunfälle und -krankheiten verursachen jedes Jahr Kosten in Höhe von knapp 500 Millionen Franken. In einem Jahr verunfallt jeder 14. Berufstätige – Bauarbeiter sogar doppelt und Temporärarbeiter auf dem Bau viermal so oft wie der Gesamtdurchschnitt. Zahlen, die Mordasini zu denken geben: «Die Suva und die Ekas wollen nun den Ursachen dafür auf den Grund gehen.»

Wieso die Unfallzahlen auf dem Bau so hoch sind, lässt ein Augenschein auf einer zufällig ausgewählten Baustelle erahnen: Überall lauern Stolperfallen wie herumliegende Bretter, Kabel, Werkzeuge und Bauschutt. Fallgruben klaffen oft bedrohlich im Boden. Laut Mordasini ist das Unfallrisiko eines Bauarbeiters umso geringer, je besser seine Ausbildung, je länger seine Anstellung und je grösser der Betrieb ist.

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Am häufigsten wird gestolpert

Die häufigste Unfallursache – nicht nur auf dem Bau – ist der Sturz auf ebener Erde: Jeder dritte Unfall wird auf diese Weise verursacht. Die meisten Unfälle geschehen, weil jemand beim Tragen ausgleitet oder stolpert. Auch Leitern bringen nicht nur jenen Unglück, die darunter durchgehen: 6000 Berufsunfälle pro Jahr sind die Folge von Stürzen von oder mit Leitern. Grosse Unfallgefahr birgt die unsachgemässe Manipulation an Maschinen. Bei deren Sicherheitsvorrichtungen pfuschen laut Suva Chefs und Mitarbeiter in jedem zweiten Unternehmen.

Ansonsten sind die Unfallursachen so vielfältig wie die Berufe. Welcher Handwerker hat nicht schon miterlebt, wie einem Kollegen der Ärmel in die Schleifmaschine gezogen wurde. Und wer ist zu Hause nicht schon selber, mit Schachteln beladen, ins Straucheln geraten? Wo gearbeitet wird, passieren Unfälle. «Aber in der Schweiz lässt sich noch etliches verbessern», ist Unia-Mann Mordasini überzeugt. Und auch die Suva wird dieses Jahr die laufenden Kampagnen zum Thema Arbeitssicherheit weiterführen und neue lancieren (siehe «Hintergrund»).

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Doch nicht nur Prävention tut not. «Ein wachsendes Problem ist der berufsbedingte Stress», sagt Arbeitsgesundheitsexperte Samuel Woodtli vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz ist Stress mittlerweile das zweitgrösste arbeitsbedingte Gesundheitsproblem nach den Rückenbeschwerden.

Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass rund sieben Prozent aller Invaliditätsfälle stressbedingt sind. Davon betroffen sind vermehrt hochqualifizierte Angestellte. Aber insgesamt kommen Fachkräfte trotzdem am sichersten durchs Arbeitsleben: Fabrik- oder Bauarbeiter etwa leben mit einem zehnmal höheren Invaliditätsrisiko als Wissenschaftler oder Techniker.

Hintergrund

Wie gross ist Ihr Berufsrisiko? Unfälle in ausgewählten Branchen, 2006

 

Lesebeispiel: Im Jahr 2006 hatten von 100 vollbeschäftigten Bauarbeitern 18,2 einen Berufsunfall.
     
Forstwirtschaft  29,2  737373.jpg
     
Bau  18.2  737373.jpg
     
Landwirtschaft, Jagd  16,0  737373.jpg
     
Kultur, Sport, Unterhaltung  12,4  737373.jpg
     
Autogewerbe, Tanskstellen  10,6  737373.jpg
     
Herstellung Nahrungsmittel/Getränke  8,6  737373.jpg
     
Beherbergungsstätten, Gaststätten  7,8  737373.jpg
     
Schifffahrt  6,7  737373.jpg
     
Detailhandel, Reparatur Gebrauchsgüter  6,0  737373.jpg
     
Gesundheits-, Veterinär-, Sozialwesen  5,9  737373.jpg
     
Erziehung, Unterricht  3,8  737373.jpg
     
Forschung, Entwicklung  2,1  737373.jpg
     
Versicherungen*  0,8  737373.jpg
     
*ohne Sozialversicherung

Quelle: Sammelstelle für die Statistik der Unfalversicherung (SSUV), 2006;
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Rechte und Pflichten

Ihr Arbeitgeber muss Sie gemäss Unfallversicherungsgesetz über Gefahren und Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz informieren und bei Bedarf die nötige Ausrüstung zur Verfügung stellen. Als Arbeitnehmer müssen Sie die ­Anweisungen des Arbeitgebers zur Arbeitssicherheit befolgen und Ihre Schutzausrüstung immer tragen.

Die ASA-Richtlinien sind eine Art «Bibel der Arbeitssicherheit». Betriebe, die sich daran halten, profitieren von geringeren Versicherungsprämien:
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