Nachdem Stefan Brunner ins Chefbüro zitiert worden war, wurde er knallhart vor die Wahl gestellt. Auf dem Tisch lagen zwei Dokumente zur sofortigen Unterzeichnung bereit: einerseits die Erklärung, mit einer kurzfristig angeordneten Lohn- und Arbeitszeitkürzung einverstanden zu sein; anderseits die «freiwillige» Kündigung. Vogel friss oder stirb.

Brunner, seit Jahren bei einer Textilfirma im Kanton Zürich tätig, fühlte sich in die Enge getrieben und schluckte die bittere Pille zähneknirschend. Sein Sachbearbeiterlohn reduzierte sich von einem Tag auf den andern – aber immerhin hat er noch einen Job.

Stefan Brunner heisst in Tat und Wahrheit anders. Auch die Namen der übrigen betroffenen Arbeitnehmer, die in diesem Artikel vorkommen, wurden auf ihren eigenen Wunsch hin geändert. Zu gross ist die Angst, durch öffentliches Aufbegehren gegen perfide Methoden am Arbeitsplatz die Stelle zu verlieren oder weiteren Repressalien ausgesetzt zu sein.

Das passt zur Grundstimmung im Krisenjahr 2003. Die Schweiz befindet sich in einer Rezession. Die Arbeitslosenzahlen steigen markant: Waren vor zwei Jahren 67'000 Menschen ohne Job, so sind es heute rund 145'000. Parallel dazu steigt das Angstbarometer des GfS-Forschungsinstituts. Vor allem die Ängste vor Arbeitslosigkeit und zu wenig Geld nehmen zu. Die Arbeitnehmer bangen um ihren Job und harren aus, auch wenn sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern.

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Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Transferplus sind knapp 40 Prozent der Angestellten nur noch vordergründig mit der Arbeit zufrieden. Sie haben ihre beruflichen Ansprüche nach unten korrigiert, weil «es noch viel schlimmer sein könnte». Vor allem bei älteren Mitarbeitern ist die Unsicherheit gross, wie die vielen Anfragen beim Beobachter-Beratungszentrum zeigen. «Langjährige Loyalität wird von den Firmen nicht mehr honoriert, und Anspruch auf ein ‹Gnadenbrot› gibt es schon gar nicht», sagt Irmtraud Bräunlich, Expertin für Arbeitsrecht. «Viele haben das Gefühl, auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr bestehen zu können. Aus Angst vor Repressalien wagt niemand, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren.»

Auch der 55-jährige René Berger macht die Faust im Sack. «Wenn ich mich widersetze, werde ich abserviert. Das kann ich mir in meinem Alter nicht leisten.» Der Filialleiter des Discounters Denner hatte Anfang Jahr plötzlich mehrere hundert Franken weniger Lohn auf seinem Salärkonto. Seine Vorgesetzten hatten ihn nicht vorgängig über die empfindliche Kürzung und die damit verbundene Funktionsrückstufung informiert. Als es später doch noch zu einem Termin mit dem Chef kam, gab es an den nackten Tatsachen nichts mehr zu rütteln: Berger erhielt einen auf November 2002 vordatierten Anstellungsvertrag zur Unterschrift überreicht.

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«Noch nie so rüde wie heute»

Lukas Brühwiler, Generalsekretär der Denner AG, stellt klar, dass «ein solches Vorgehen klar unseren Richtlinien und unserer Praxis widerspricht». Der Betroffene erlebt es freilich anders: «In diesem Unternehmen werden die Angestellten wie Schachfiguren hin- und hergeschoben.»

Wem es nicht passt, der kann gehen: Dieses Druckmittel bekommt immer mehr Gewicht. «Der Umgang mit Angestellten war noch nie so rüde wie heute», sagt Susanne Erdös vom Kaufmännischen Verband (KV) Schweiz. Vor allem bei Entlassungen hätten Chefs keine Skrupel mehr. Dies bestätigt Robert Schwarzer von der Gewerkschaft VHTL: «Die momentane Situation wird unglaublich missbraucht. Die Leute werden ausgepresst wie Zitronen.»

Wie nachlässig der Umgang mit dem viel beschworenen «wertvollen Humankapital» in den Firmen mitunter ist, erlebt einer, der beruflich mit realen Wertgegenständen zu tun hat: Fredy Blaser, Chauffeur bei der Mat Securitas Express AG (MSE), dem grössten Werttransport-Unternehmen der Schweiz. Die Firma hat auf ein neues Einsatzmodell umgestellt: Transporte werden vermehrt nur noch von einer statt wie bisher von zwei Personen durchgeführt – was den Einzelnen umso mehr fordert. «Safe from safe to safe» lautet der MSE-Slogan – «aber unsere eigene Sicherheit wird aufs Spiel gesetzt», klagt Blaser.

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13,5 Stunden Fahrt am Stück

Arbeitszeiten von wöchentlich 70 Stunden seien für ihn keine Seltenheit, sagt der 59-Jährige. Tachoscheiben belegen regelmässige Fahrten von acht bis zehn Stunden Lenkzeit, ohne Pausen und Ablösung – allein in einem Panzerwagen, der aus Sicherheitsgründen nicht verlassen werden darf, um sich zum Beispiel mal kurz die Füsse zu vertreten.

Blasers Rekord liegt bei 13,5 Stunden Fahren am Stück. Man werde dazu gezwungen, die Arbeits- und Ruhezeitverordnung im Transportgewerbe zu missachten, klagt er. «Wer dagegen aufmuckt, wird schikaniert oder kaltschnäuzig mit der Kündigung bedroht.» Einige von Blasers früheren Arbeitskollegen erhielten bereits den blauen Brief.

Das MSE-Management bestreitet, seinen Chauffeuren zu lange Fahrten zuzumuten; man halte sich an die Rechtsvorgaben. Zudem sei die Umstellung auf das Einmannsystem im Sinn der Mitarbeiter: «Ihr Schutz wird durch zusätzliche Technik sichergestellt, und kein Schutz ist so wirksam wie die unbestechliche Technik.»

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Dass betriebliche Anpassungen und Redimensionierungen zum Teil nötig sind, wird auch von Gewerkschaftsseite nicht bestritten. Doch Susanne Erdös vom KV Schweiz kritisiert die respektlose Art, wie diese umgesetzt werden: «Die Arbeitnehmer werden ohne Vorwarnung und von einem Tag auf den anderen entlassen oder mit schlechteren Arbeitsbedingungen konfrontiert.»

Arbeitgeberdirektor Peter Hasler verteidigt die Chefs: «Eine schlechte Nachricht zu überbringen ist immer schwer.» Dass der Druck auf die Angestellten steigt, findet Hasler logisch: «In guten Zeiten konnte man grosszügiger sein, heute wird unproduktiven Arbeitnehmern schneller gekündigt.» Hasler kann dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt durchaus positive Seiten abgewinnen. Die höheren Leistungsanforderungen brächten die Angestellten dazu, wieder produktiver zu sein. Auch die Zahl der Absenzen geht in rezessiven Zeiten zurück: Die Leute trauen sich nicht mehr blauzumachen. Hasler: «Der Schlendrian wird jetzt korrigiert. Es wird wieder in die Hände gespuckt.»

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Psychologischer Druck ist allerdings ein heimtückischer Motivator: Viele Mitarbeiter gehen in die innere Emigration und machen Dienst nach Vorschrift. Echte Leistungsbereitschaft entsteht nicht in einem Klima der Angst, sondern durch motivierende Führung. Nur zufriedene Mitarbeiter seien bereit, «Extraefforts zu leisten», sagt Arbeitspsychologe Norbert Semmer (siehe Artikel zum Thema: «Fairness ist im Berufsleben zentral»).

Doch in der Krise setzen viele auf Kurzfristigkeit getrimmte Bosse auf ihre Macht und nehmen die Lohnbezüger ans Gängelband. Dies beeinträchtigt immer häufiger auch das Privatleben der Mitarbeitenden. So etwa im Fall der 40-jährigen Verkäuferin Erika Hofmann. Ihr Arbeitgeber, die Fotoservice- und Schuhreparaturkette Minit, hat ein neues Schichtsystem eingeführt, um die wöchentlich 43 Präsenzstunden neu zu verteilen: von fünf auf fünfeinhalb Tage. Hofmann, die einen Arbeitsweg von über einer Stunde zurücklegen muss, hat somit faktisch nur noch am Sonntag frei. «Meine Lebensqualität hat sich eindeutig verschlechtert.»

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Rituelles Bekennen zur Firma

Das sieht man auf der Chefetage genau umgekehrt. «Die neue Regelung ist für die Mitarbeitenden vorteilhaft, denn sie haben nun fixe, im Voraus bekannte Arbeitszeiten», sagt Josep Maria Fortuny, Generaldirektor der Minit Suisse SA. Selber entscheiden, was gut oder schlecht für sie ist, durften die Verkäuferinnen indes nicht: «Wer die Änderung des Reglements nicht anerkennt, hat das Arbeitsverhältnis zu kündigen», heisst es im Schreiben, das Minit seinem Personal unterbreitete. Aus Angst, den erst kürzlich angetretenen Job schon wieder zu verlieren, hat Erika Hofmann die einseitige Vereinbarung unterschrieben.

Ein netterer Umgangston herrscht bei der Metallverarbeitungsfirma Brüco in Rümlang – zumindest vordergründig. «Alle Chefs sind in erster Linie Menschen», heisst es in ihrem Leitbild. «Sie lassen ein weites Feld für die Entwicklung ihrer Mitarbeiter, sie sind spürbar, gerecht und wahr.» Daniel Meyer weiss jedoch, dass das nur Worthülsen sind. Ziel dieser Philosophie sei einzig, «die Leute für die Firma ständig verfügbar zu machen», so sein Vorwurf. Der Familienvater, bis vor kurzem selber im erweiterten Brüco-Kader, liess das nicht lange mit sich geschehen und stellte kritische Fragen. Jetzt sucht er eine neue Stelle.

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Daniel Meyer schildert das Innenleben der Brüco AG als ein bizarres Wechselspiel von psychologischen Kniffen und knallhartem Management. So mussten sich die Kaderleute etwa in einem rituellen Akt einzeln zur Firma bekennen («Ja, ich will!») – und gaben damit dem Firmenchef den Freipass, fast nach Belieben über ihre Zeit verfügen zu können. Regelmässig wurde Daniel Meyer über Mittag oder am Abend und sogar am freien Samstag zu obligatorischen Sitzungen aufgeboten.

Überstunden aufzuschreiben machte keinen Sinn; laut Arbeitsvertrag waren weder Auszahlung noch Kompensation vorgesehen. «Wer keine Probleme will», so Meyer aus eigener Erfahrung, «muss das alles schlucken.»

Oft ungesetzliches Vorgehen

Angesichts solcher Vorkommnisse stellt sich die Frage: Wie können sich Mitarbeiter wehren? Glück hat, wer einen professionellen Ansprechpartner findet. Nico Rubeli beispielsweise arbeitet als externer Mitarbeiterberater für verschiedene Firmen. Bei Problemen können sich die Angestellten kostenlos an ihn wenden. Vertraulichkeit und auf Wunsch auch Anonymität sind garantiert. Er verhandelt und vermittelt: «Als Externer bin ich unabhängig, trotzdem kenne ich das Innenleben der Firmen. Vor allem die kleinen und mittleren Betriebe handeln oft radikal und nicht selten ungesetzlich.»

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Auch die Gewerkschaften bieten Unterstützung und begleiten die Leute zu schwierigen Gesprächen. «Oft fühlen sie sich so gedemütigt, dass sie kaum reden können. Dann sprechen wir für sie», sagt Susanne Erdös vom KV Schweiz. Verstösst der Arbeitgeber gegen das Gesetz, lässt sich etwas bewirken (siehe unten «Das sind Ihre Rechte»); bei Mobbing durch den Chef sind Angestellte jedoch meist machtlos.

«In der Rezession zeigen die guten Führungskräfte ihre Qualitäten, während die schlechten alles oft noch schlimmer machen», sagt Arbeitspsychologe Norbert Semmer. Elisabeth Eicher hat ihre Erfahrungen mit der zweiten Kategorie gemacht. Die Reisebüroangestellte erlitt im letzten August bei einem Unfall schwere Kopfverletzungen, deren Nachwirkungen immer noch spürbar sind. Deshalb konnte sie nur noch mit einem 50-Prozent-Pensum arbeiten, was ihr Vorgesetzter nicht gern sah. «In seinen Augen war ich bloss eine Simulantin», so Eicher.

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Diese Vermutung wurde im Mai zur Gewissheit, als die 50-Jährige von ihrem Chef ultimativ vor die Wahl gestellt wurde, entweder wieder voll zu arbeiten oder aber entlassen zu werden. Der Kommentar des Chefs entsetzt Eicher noch heute: «Du musst halt selber entscheiden, wie wichtig dir deine Gesundheit ist», habe er gesagt. Die Kündigung traf pünktlich ein.

Angstellte: Das sind Ihre Rechte

  • Will der Chef Ihnen weniger qualifizierte Arbeit zuweisen, Ihr Pensum oder gar den Lohn kürzen, darf er das nicht von heute auf morgen tun. Er muss den bestehenden Arbeitsvertrag einhalten – egal, ob dieser schriftlich, mündlich oder stillschweigend zustande gekommen ist.

  • Wenn der Arbeitgeber Ihren Vertrag ändern möchte, muss er eine so genannte Änderungskündigung aussprechen: Er muss den geltenden Vertrag auflösen und einen neuen anbieten. Dabei muss er die Kündigungsfristen einhalten. Bis zu deren Ablauf gelten die alten Bedingungen weiter.

  • Grundsätzlich müssen Sie eine Änderungskündigung akzeptieren. Zur Wehr setzen können Sie sich nur bei Vertragsänderungen, die völlig willkürlich sind und sich sachlich nicht rechtfertigen lassen. Bei solchen missbräuchlichen Änderungskündigungen sollten Sie einen Rechtsanwalt beiziehen.

  • Scheint eine Änderungskündigung unausweichlich, ist Verhandeln zu empfehlen. Mögliche Verhandlungsziele sind Befristung oder Abschwächung einer Lohnkürzung – oder die schriftliche Zusicherung der Firma, dass der Arbeitsplatz für eine bestimmte Zeit garantiert ist.

  • Unbefriedigende Vertragsänderungen sollten immer auch Anlass sein, sich auf dem Arbeitsmarkt umzusehen. Kündigen Sie aber nicht, solange keine neue Stelle in Aussicht ist: Die Arbeitslosenkasse kann Sie wegen selbst verschuldeter Arbeitslosigkeit büssen. Zudem haben Sie in ungekündigter Stellung die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.


Mobbing-Fachberatungsstelle Bern: in-tego.com