Die Turiner Staatsanwaltschaft verlangte erstmals 2001 von der Schweiz die Herausgabe von Patientendossiers der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) sowie eine Liste mit allen rund 2000 ehemaligen Angestellten der Eternit-Werke in Niederurnen GL und Payerne VD. 16 Patienten, die im Werk Niederurnen gearbeitet hatten, waren bereits an einer asbestbedingten Krankheit gestorben. Der Vorwurf: Das hohe Krebsrisiko sei spätestens seit den sechziger Jahren bekannt gewesen. Dennoch hätten die Eternit-Erben - unter anderem die Industriellenfamilie Schmidheiny - ihre damaligen Mitarbeitenden zu spät auf die Gesundheitsrisiken aufmerksam gemacht. Beim Verfahren geht es um Italiener, die in Eternit-Werken in der Schweiz und in Italien gearbeitet haben.
Gegen das Rechtshilfegesuch reichte die Eternit Schweiz AG Beschwerde beim Bundesgericht ein. Erfolglos. 2004 beantragte die Turiner Staatsanwaltschaft weitere Unterlagen von der Suva. Diesmal stellte sich nebst der Eternit Schweiz AG auch die Suva gegen die Herausgabe der Dokumente bis vor Bundesgericht - beide ohne Erfolg.

Doch die im Jahr 2004 zusätzlich beantragten Unterlagen sind noch immer nicht in Italien. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement muss zuerst darüber befinden, ob die Rechtshilfe mit dem schweizerischen «ordre public» vereinbar ist. Im Raum steht der Vorwurf der Suva, dem italienischen Staat gehe es letztlich darum, die Tätigkeit der Suva zu überprüfen. Dies sei aber einzig und allein Aufgabe der Schweizer Aufsichtsbehörde.

Nebst dem strafrechtlichen Verfahren, das die Turiner Staatsanwaltschaft führt, gibt es auch zivilrechtliche Forderungen: Die Angehörigen der italienischen Asbestopfer verlangen neuerdings von den Erben und früheren Besitzern der Firma Eternit in Italien - von den Brüdern Thomas und Stephan Schmidheiny sowie dem Belgier Jean-Louis de Cartier de Marchienne - je 1,6 Millionen Franken pro Geschädigten. Ein Gespräch mit Staatsanwalt Raffaele Guariniello über seine juristische Aufarbeitung des Asbestskandals.

Der Star-StaatsanwaltEr stellte den verstorbenen Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli wegen gesundheitsschädigender Arbeitsbedingungen an den Pranger. Auch der mächtige Fussballklub Juventus Turin hat seinen Abstieg in die zweite Liga nach einer Bestechungsaffäre massgebend diesem Staatsanwalt zu verdanken: Raffaele Guariniello. Unermüdlich ermittelt der 66-Jährige gegen Italiens Industrie und deren Umweltsünden. Vor allem aber kämpft er für die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.

Beobachter: Signor Procuratore, Schweizer Gewerkschaften behaupten, dass die Schweiz Sie in Ihren Ermittlungen behindert. Stimmt diese Einschätzung?
Raffaele Guariniello: (Zögert) Nun, wir haben unsere Anträge auf Rechtshilfe bei der Schweiz gestellt. Wenn die von uns geforderten Dokumente nicht kommen, werden wir trotzdem mit dem Verfahren fortfahren und gegebenenfalls prozessieren. (Pause, zuckt mit den Schultern) In anderen Verfahren war die Zusammenarbeit optimal - etwa wenn es um Doping ging. Wir haben Dokumente von der Suva und der Eternit AG beantragt. Nun schauen wir, was letztendlich dabei herausschaut.

Beobachter: Bereits 1953 wurde die Staublungenkrankheit Asbestose in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Warum warten Sie seit Jahren auf Unterlagen aus der Schweiz, damit Asbestopfer oder deren Angehörige endlich entschädigt werden können?
Guariniello: Beim Asbest ist die Latenzzeit bis zum Ausbruch der Krankheit, konkret des Krebses, das Problem. Sie dauert rund 30 bis 40 Jahre. Zwischen dem Moment, in dem der Arbeiter in der Fabrik dem Asbest ausgesetzt war, und dem Ausbruch der Krankheit vergeht also viel Zeit. Es war deshalb gar nicht möglich, sofort gegen jene zu klagen, die vor 30 oder 40 Jahren verantwortlich waren.

Beobachter: Im «Corriere della Sera» war kürzlich zu lesen, dass Sie die Schweizer Eternit-Erben Stephan und Thomas Schmidheiny wegen fahrlässiger Tötung anklagen - und dies in 2000 Fällen.
Guariniello: Ich habe das nicht gelesen. Im Moment sind wir noch am Ermitteln.

Beobachter: Muss, weil es um Millionen geht, alles mehrfach abgesichert sein?
Guariniello: Die Frage der Höhe der Entschädigung tangiert uns von der Staatsanwaltschaft nicht. Das ist Gegenstand von Diskussionen zwischen den Anwälten der Betroffenen, die sich zivilrechtlich mit dem Fall beschäftigen. Wenn ein schuldhaftes Verhalten seitens der verantwortlichen Hersteller feststeht, können auch die Angehörigen der verstorbenen Opfer Schadenersatzforderungen stellen.

Beobachter: Wäre es nicht besser, wenn der Staat gemeinsam mit der Industrie und den Opfern das Problem mittels eines Entschädigungsfonds lösen würde, statt jahrzehntelang zu prozessieren?
Guariniello: Das eine schliesst das andere nicht aus. Und es ist nicht an mir, zu entscheiden, was besser ist. Ich glaube an das Gesetz - auch im Sinne der Prävention. Eine Stiftung ist für das Danach zuständig, wir für das Vorher; und natürlich für Gesetzesverstösse in der Vergangenheit.

Asbest: Krebs und StaublungeDas hitzeresistente Material wurde lange für die Fabrikation von Dächern, Isolationsverkleidungen und Alltagsgegenständen wie Blumentöpfen gebraucht. Gefährlich wird Asbest, wenn feinste Partikel eingeatmet werden. Asbestose ist eine Staublungenkrankheit, die durch das Einatmen grosser Mengen von Asbestfasern über längere Zeit verursacht wird. Krebs (Mesotheliom) kann als Brustfellkrebs oder manchmal auch Bauchfellkrebs entstehen. Dazu reicht das Einatmen von weitaus weniger Asbeststaub als bei der Asbestose aus.

Beobachter: Auffallend ist bei Ihren Asbestermittlungen Ihre Hartnäckigkeit.
Guariniello: Die Asbestkontaminierung ist ein sehr bedeutendes Problem: Gemäss der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sterben jedes Jahr weltweit 10'0000 Personen an den Folgen des Asbestkontaktes. In den sechs westeuropäischen Ländern Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Schweiz und Grossbritannien rechnet man bis zum Jahr 2025 mit 120'000 Todesfällen. Diese Daten haben dazu geführt, dass alle Arbeiter, die jemals Asbest ausgesetzt waren, sehr verunsichert sind, weil sie eines Tages Krebs bekommen könnten.

Beobachter: Wussten die Arbeiter in den sechziger Jahren, welcher Gefahr sie sich aussetzen?
Guariniello: Sie wussten von der Asbestose, aber nicht von der Krebsgefahr. Wir sind im Laufe unserer Ermittlungen auf Dokumente gestossen, die es den Managern untersagten, gegenüber Dritten darüber zu sprechen - insbesondere nicht mit Journalisten.

Beobachter: In der Schweiz sind die meisten Fälle verjährt. Wie sieht es in Italien aus?
Guariniello: In der Schweiz ist entscheidend, wann ein Arbeiter kontaminiert worden ist - also zum Beispiel zwischen 1960 und 1980. In Italien ist der Zeitpunkt entscheidend, in dem sich die Krankheit manifestiert oder man daran stirbt. Dies gilt als Moment der strafbaren Handlung. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Beobachter: Sie sind jetzt 66 Jahre alt, irgendwann gehen Sie in Pension - oder nicht, bevor der Asbestfall geklärt ist?
Guariniello: (Lacht) Ich mache viel Gymnastik. Ich hoffe aber, dass ich noch vor diesem Sommer im einen oder anderen Sinn die Ermittlungen abschliessen kann.

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