Beobachter: Der schweizerische Beobachter in deutscher Hand: Das löst bei vielen Lesern Ängste aus. Was setzen Sie dem entgegen?
Mathias Döpfner: Zunächst mal: Ich nehme Ängste ernst. Ich kann nachvollziehen, dass es irritierend ist, wenn ein nationales Symbol wie der Beobachter plötzlich in ausländischen Besitz gerät. Anderseits sollte man auch nicht zu sehr in nationalen Kategorien denken, sondern das Qualitätsbewusstsein, das journalistische Grundverständnis ins Zentrum rücken. Wir möchten den Beobachter in seiner Tradition erhalten und den Lesern auch in Zukunft das anbieten, was sie in der Vergangenheit am Beobachter geschätzt haben. Geben Sie uns die Chance, zu beweisen, dass wir vernünftige Verleger sind, die vor allen Dingen eines beherzigen: absolute journalistische Freiheit.

Beobachter: Können Sie in Berlin nachvollziehen, welchen Symbolgehalt, welchen Stellenwert der Beobachter in der Schweiz hat?
Döpfner: Ein Teil meiner Familie lebt in der Schweiz; ich war als Kind oft in Basel. Ich habe bereits damals vom «Donnerhall» der Marke Beobachter gehört. Das hat mich schon als Kind sehr beeindruckt. Insofern habe ich einen gesunden, über Jahre gewachsenen Respekt vor der Bedeutung und Funktion des Beobachters.

Beobachter: Wir riskieren also hier auf der Redaktion keine Handlungsanweisungen aus der Zentrale im fernen Berlin?
Döpfner: Handlungsanweisungen aus der Berliner Zentrale gibt es nicht einmal für die Berliner Redaktionen. Ich habe als Journalist selbst erlebt, wie zentral die Freiheit der Redaktion ist und wie wichtig es ist, dass sich ein Verlag nicht in publizistische Tagesfragen einmischt. Der Chefredaktor und sein Team entscheiden, was ins Blatt kommt, und nicht der Verleger. Das halten wir so in Deutschland, in Polen oder in Ungarn, und das gilt auch für die Schweiz. Wir haben uns immer auf die Kompetenz der Kollegen vor Ort verlassen und uns nie angemasst, zu glauben, dass wir hier in Berlin die Dinge besser wissen.

Beobachter: Der Beobachter biedert sich bei Mächtigen nicht an und wird gelegentlich für seinen kritischen Journalismus «bestraft», etwa mit Inserateboykott. Können Sie damit leben?
Döpfner: Wir leben mit solchen Phänomenen in allen Märkten, in denen wir operieren. Und wir leben recht gut. Nur selbstbewusste Redaktionen und Verlage werden auf Dauer erfolgreich sein. Die Axel Springer AG hat in diesen Fragen eine eigentliche Vorreiterrolle eingenommen. Die redaktionelle Unabhängigkeit, die Trennung von redaktioneller Arbeit und kommerziellem Geschäft werden bei uns konsequent durchgezogen. Das sind zentrale Punkte unseres unternehmerischen Leitbildes.

Beobachter: Dennoch: Journalistische Freiheit und publizistische Arbeit können den geschäftlichen Erfolg auch mal behindern. Wenn Sie wählen müssen, wie entscheiden Sie?
Döpfner: Immer zugunsten des Journalistischen. Weil das Journalistische langfristig die Voraussetzung für den publizistischen und wirtschaftlichen Erfolg ist. Wenn Sie mit journalistischen Konzessionen kurzfristigem wirtschaftlichem Erfolg nachrennen, beschädigen Sie sich langfristig.

Beobachter: Journalistische Qualität hat ihren Preis. Teil unseres Erfolgsmodells ist unser Beratungszentrum, das nicht nur die Redaktion mit Fachwissen versorgt, sondern auch die Leser unentgeltlich berät. Können Sie garantieren, dass dieses Modell bestehen bleibt?
Döpfner: Ja, weil es die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg ist. Ich bin fest überzeugt, dass die redaktionelle Qualität gerade beim Beobachter von Beratungsleistungen und investigativen Leistungen lebt. Das ist kostspielig, aber vernünftig, weil es dem langfristigen Erfolg dient. Das ist keine Aufforderung zur Verschwendung, aber ein Bekenntnis, dass Qualität ihren Preis hat.

Beobachter: Der Beobachter kämpft zurzeit an verschiedenen Fronten für die Pressefreiheit. Das sind zum Teil aufwändige Prozesse. Verspüren Sie keine Lust, hier Kosten zu sparen?
Döpfner: Wenn wir unsere journalistischen Standards und die Pressefreiheit verteidigen wollen, dann müssen wir uns offensiv verhalten. Wir dürfen solchen Rechtsstreitigkeiten nicht ausweichen, um kurzfristig Geld zu sparen. Wenn der Beobachter sauber gearbeitet hat, wird die Gegenseite am Schluss unterliegen.

Beobachter: Sie waren selbst Journalist. Welchen Rat geben Sie der Beobachter-Redaktion?
Döpfner: Machen Sie weiter wie bisher − und bleiben Sie neugierig!

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